Startup-Unternehmen aus SH : Öko-Toilette: Kieler Studenten feiern Erfolg mit „Goldeimer“

Goldeimer: Gespült wird mit einem Becher Sägespäne. Mitbegründer Jan Lange (links) und Markus Bier.
Goldeimer: Gespült wird mit einem Becher Sägespäne. Mitbegründer Jan Lange (links) und Markus Bier.

Immer mehr Gründer in Schleswig-Holstein wollen soziale Probleme lösen – und setzen dafür auf unternehmerische Ansätze.

Till Lorenz ist Mitglied der Wirtschaftsredaktion. von
27. Juli 2015, 14:17 Uhr

Muhammad Yunus machte die Beobachtung, dass kleine Kredite eine große Wirkung haben können. Der Wirtschaftswissenschaftler vergab Mikrokredite an die Ärmsten in seiner Heimat Bangladesch, damit sie sich selbständig machen und so der Armut entfliehen können. Die Idee hatte Erfolg. Aus Yunus’ privatem Geldverleih erwuchs die Grameen Bank mit mehr als sieben Millionen Kreditnehmern. Für seine Idee erhielt er den Friedensnobelpreis und ist bis heute Star einer Szene, die auch in Schleswig-Holstein immer mehr Zulauf erhält – und deren Akteure mit Unternehmertum nicht Profit, sondern gesellschaftliche Veränderungen anstreben. Die Social Entrepreneurs: Sie bauen Bambus-Fahrräder, Energiesparherde für Entwicklungsländer – oder Öko-Toiletten.

Auf Letzteres kam eine Gruppe von Kieler Studenten vor gut zwei Jahren. Sie wollten den Toiletten-Gang bei Musik-Festivals angenehmer gestalten, eine Alternative zu chemischen Klos schaffen und obendrein Menschen auf die sanitären Probleme in der Welt hinweisen. Das Ergebnis war der Goldeimer – eine wasser- und geruchlose Komposttoilette, mit der Humus gewonnen wird. 2013 wurde das Projekt beim Gründerwettbewerb YooWeeDoo an der Christian-Albrechts-Universität (CAU) zu Kiel ausgezeichnet. Nach einer Festival-Tour mit einem Prototypen folgte 2014 die Gründung der Goldeimer GmbH. Seitdem eilen die Initiatoren von Festival zu Festival. Bis Ende des Jahren werden sie nach Angaben des Mitbegründers Malte Schremmer bei gut 40 Veranstaltungen ihre Öko-Toiletten aufgestellt haben.

CAU-Professorin Petra Dickel erforscht das Social Entrepreneurship. Im Kern handelt es sich um Unternehmer, sagt sie, die Projekte mit dem primären Ziel starten, Gutes für die Gesellschaft zu tun. „Unternehmerisch an die Sache heranzugehen bedeutet, dass man auch das Wirtschaftliche im Blick behält.“

Beim Goldeimer zahlt beispielsweise das Publikum bereitwillig für den Gang zur Öko-Toilette, da sie mit Sauberkeit punktet – und Festival-Besucher wissen, welchen Wert das hat. Große Teile der Einnahmen leitet die GmbH dann wiederum der Organisation „Viva con Agua“ zu, die für sauberes Trinkwasser kämpft. Wo das Start-up-Unternehmen beginnt und das Hilfsprojekt endet, ist schwer zu sagen. Viele Projekte bewegen sich zwischen Non-Profit-Organisation und profitorientiertem Unternehmen, so Dickel. Die Grenzen, räumt sie ein, seien fließend. Treibstoff liefert der Wunsch, die Welt zu verbessern. „Die haben ein gewisses Ideal vor Augen“, sagt die Wissenschaftlerin.

„Eine Familie könnten wir von unseren Gehältern wohl nicht ernähren“, sagt Goldeimer-Mitbegründer Schremmer. Im Sommer seien sie sieben Angestellte in Teilzeit, im Winter zwei. „Für andere Erwerbstätigkeiten fehlt uns die Zeit, die wir in der jetzigen Phase ausschließlich in Goldeimer investieren möchten.“

Das Sozialunternehmertum boomt. Immer mehr Unis unterrichten ihre Studenten darin. Über das Projekt „Socialize it“ soll in Kiel auch Schülern das Denken der „Social Entrepreneurs“ nahe gebracht werden. Bei einem dreitägigen Camp-Aufenthalt erfahren sie von Mentoren aus Wirtschaft und Wissenschaft, wie sie die Welt verändern können.

An Interesse und Nachwuchs mangelt es der Szene nicht – oftmals jedoch am Startkapital. Das sagt auch Dickel. Vor allem Crowdfunding-Plattformen, bei denen die Masse aus dem Internet Geld gibt, helfen daher meist weiter. Seit einiger Zeit unterhält die Investitionsbank Schleswig-Holstein (IB.SH) mit „Wir bewegen SH“ eine eigene Plattform, um Projekte – von der Spende bis zur sozialen Unternehmung – zu unterstützen.

Der SSV Bredenbek hat als einer der ersten das Portal genutzt. „Im Sportverein ist das Geld ja immer rar gesät“, sagt Vereinsmitglied Andrea Gellert. Es fehlten Trikots für die Jüngsten. Der Betrag, den der Verein über die Plattform anfragte, war vergleichsweise gering – 220 Euro. Innerhalb kürzester Zeit hatten Internet-Nutzer die Summe aufgebracht. „Ich denke, solche Plattformen müssten bekannter werden“, sagt Gellert. Die Bereitschaft der Menschen zu spenden, sei da. Und ganz wie bei Muhammad Yunus sind es oft kleine Beiträge, die eine große Wirkung haben.

Mehr Infos zum Schülercamp „Socialize It“ online unter socialize-it.de; Infos zur Spenden-Plattform der Investitionsbank online unter wir-bewegen.sh.

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