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Insolvente Beteiligungsgesellschaft : MS „Deutschland“: Von Fuchsis Traumschiff zum Pleite-Alptraum

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Das „Traumschiff“ hängt fest: Die Geschichte der „Deutschland“ ist voller Pannen - bis zuletzt.

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erstellt am 28.Nov.2014 | 12:14 Uhr

Neustadt | Die MS „Deutschland“, das berühmte „Traumschiff“ aus dem ZDF ist insolvent, ein Investor bislang nicht gefunden. Wie ein erfolgreicher Unternehmer die Deutschen zu Kreuzfahrern machte, seine Töchter versuchten, die Fassade aufrecht zu erhalten und der Insolvenzverwalter heute um das Überleben des Schiffs kämpft.

Der „Fuchsi“

Peter Deilmann im Jahr 2000.
Peter Deilmann im Jahr 2000. Foto: Imago/Photo2000
 

Peter Deilmann, geboren 1935 in Travemünde, kam aus kleinen Verhältnissen. Zunächst arbeitete er als Hafenarbeiter, dann baute er aus eigener Kraft eine kleine Reederei auf, zuerst in Lübeck, dann in Neustadt in Holstein. Sein Geld machte er vor allem mit dem Frachtgeschäft, Passagiere schipperte er auf den sogenannten Butterfahrten über die Ostsee nach Dänemark. Seine Familie nannte ihn „Fuchsi“, angeblich, weil er seinen Zwillingstöchtern Gisa und Hedda gerne die Geschichte von Reinecke Fuchs vorlas. Als Geschäftsmann war er ohnehin ein Fuchs mit dem richtigen Gespür für Trends und die Wünsche der Kunden. 1986 ließ er bei den Howaldtswerken (HDW)  in Kiel die „Berlin“ bauen.

Das „Traumschiff“

Siegfried Rauch als Kapitän, Heide Keller als Chefstewardess und Nick Wilder als Schiffsarzt (v. l.) beim 30. „Traumschiff“-Geburtstag 2011.
Siegfried Rauch als Kapitän, Heide Keller als Chefstewardess und Nick Wilder als Schiffsarzt (v. l.) beim 30. „Traumschiff“-Geburtstag 2011. Foto: Angelika Warmuth/dpa
 

Der 330-Passagier-Kreuzfahrer wurde als „Traumschiff“ des ZDF berühmt. Gesichter wie das von Sascha Hehn oder Heide Keller machten Kreuzfahrten in Deutschland populär.

1996 löste dann die  „Deutschland“ die „Berlin“ als ZDF- Traumschiff“ ab. Sie wurde ebenfalls bei HDW in Kiel gebaut. Deutschland geriet vollends ins Kreuzfahrtfieber. Und die besten Kreuzfahrten, das lernte man im Fernsehen, gab es auf Deilmanns „Deutschland“. Nur positive Geschichten, „kein Sex, keine Leichen“, so soll der Deal zwischen Deilmann und TV-Produzent Wolfgang Rademann laut „Welt“ ausgesehen haben.

Die Concorde

Experten untersuchen die Trümmer der abgestürzten Concorde.
Experten untersuchen die Trümmer der abgestürzten Concorde. Foto: dpa/DBFerdinand Ostrop

Auch bis 2000 lief nicht immer alles rund bei Deilmanns. Die „Berlin“ etwa wurde zwischenzeitlich nach Singapur verkauft. Extrem trockene Sommer machen das Geschäft mit Flusskreuzfarten schwierig, weil versprochene Ziele wegen Niedrigwassers oft nicht angefahren werden konnten. Aber ihren ersten wirklichen Schock erlebt die Deilmann-Reederei am 25. Juli 2000. Deilmann charterte den Flug Air France 4590, um 99 Passagiere zu einer Kreuzfahrt nach New York zu transportieren. Es wird der letzte Flug einer Concorde sein. Die Maschine verunglückt beim Start in Paris, alle Insassen kommen ums Leben. Peter Deilmann wird sich von diesem Schock nie erholen. Er stirbt gut drei Jahre später in London.

Die Deilmann-Schwestern

Gisa und Hedda Deilmann bei der Verleihung des Deutschen Gründerpreises 2005.
Gisa und Hedda Deilmann bei der Verleihung des Deutschen Gründerpreises 2005. Foto: Imago/Joachim Schulz

Gisa und Hedda müssen ran, die blonden Zwillinge. Damals gerade 35 Jahre alt, sollen sie das Erbe des Vaters bewahren, bestenfalls ausbauen. Doch das Unternehmen sieht nach außen viel besser aus, als es ihm tatsächlich geht. Moderne Buchhaltung, Finanzmanagement, ein professionelles Verhältnis zu den Banken, daran mangelt es im Deilmann-Imperium. Dennoch werden die Zwillinge als erfolgreiche Business-Frauen durch die Boulevard- und Wirtschaftspresse gereicht. Das Bild, das sie und ihr Unternehmen abgeben, ist einfach zu glamourös.

Pleite und Neuanfang

Die „Deutschland“ 2009 im Hamburger Hafen.
Die „Deutschland“ 2009 im Hamburger Hafen. Foto: Imago/Christian Ohde
 

Das Geschäft mit Flusskreuzfahrten läuft seit 2008 sehr schlecht. Die Finanzkrise hält Gäste aus Übersee fern. 2009 folgt der Insolvenzantrag für die Sparte. Die Schwestern sehen die Schuld vor allen bei den Banken, die Kredite verweigern. Ein Plan, die „Deutschland“ zu verkaufen und zurückzuchartern, scheitert. Die Schwestern firmieren um von einer GmbH & Co. KG in eine GmbH, um das Geschäft mit Hochseekreuzfahrten fortzuführen.

Der Brand

Eidfjord ist ein beliebtes Kreuzfahrtziel. Hier hat die „AIDAaura“ festgemacht.
Eidfjord ist ein beliebtes Kreuzfahrtziel. Hier hat die „AIDAaura“ festgemacht. Foto: Imago/Stephan Görlich
 

Das Glück blieb aus, dann kam Pech dazu: Im norwegischen Hafen Eidfjord bricht auf der „Deutschland“ ein Feuer aus. Die Passagiere werden von Bord gebracht und mit Bussen nach Deutschland zurücktransportiert, das Schiff zur Werft Blohm & Voss nach Hamburg geschleppt. Die Reparatur bezahlt die Versicherung, es sind aber auch drei Fahrten ausgefallen. Im August 2010 übernimmt der Finanzinvestor Aurelius 95 Prozent der Anteile, bei den Schwestern verbleiben fünf Prozent. Für eine Familie sei der Finanzbedarf nicht zu stemmen, sagen sie. Sie dürfen das Unternehmen noch repräsentieren, aber nicht mehr leiten.

Der Streit mit dem Kapitän

Andreas Jungblut 2009 mit Gisa und Edda Deilmann.
Andreas Jungblut 2009 mit Gisa und Edda Deilmann. Foto: Imago/Future Image/Glockmann

Inzwischen hat die Reederei die Negativschlagzeilen gepachtet. Anfang 2012 kommt es in Feuerland zu einer Grundberührung der „Deutschland“. Dieser Schaden hält sich in Grenzen. Schlimmer ist der Imageschaden durch den Plan, die „Deutschland“ in das Billigland Malta umzuflaggen. Kapitän Andreas Jungblut kritisiert das öffentlich. Nach monatelangem Streit wird er im Dezember 2012 entlassen. Da war schon entschieden, dass das Schiff wegen „emotionaler Stimmung“ unter deutscher Flagge bleiben werde.

Die Insolvenz

Der vorläufige Insolvenzverwalter Reinhold Schmid-Sperber.
Der vorläufige Insolvenzverwalter Reinhold Schmid-Sperber. Foto: dpa/Iwersen
 

Anfang 2014 verkauft Aurelius die Mehrheit an den Finanzinvestor Callista, behält aber einen Minderheitsanteil. Finanziert wird die MS Deutschland Beteiligungsgesellschaft durch Mittelstandsanleihen. Die Zinszahlungen von 2,5 bis 3 Millionen Euro pro Jahr werden im Oktober 2014 als Grund für den Insolvenzantrag angegeben. Die Verbindlichkeiten belaufen sich auf 56 Millionen Euro, davon 50 Millionen Euro Anleihen. Die „Deutschland“ soll nun verkauft werden, doch das dauert. Ab dem 18. Dezember ist eine große Weltreise geplant. Doch die muss mangels Investor Ende November abgesagt werden. Allein die nötige technische Überprüfung würde zwei Millionen Euro kosten. Der Insolvenzverwalter hofft nun auf einen Käufer, der die „Deutschland“ ab Frühjahr 2015 wieder auf große Fahrt schickt.

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