Kommentar : Monopoly

Guter Wohnraum wird oft als Investition gesehen, statt als Lebensraum genutzt. Die Dörfer bluten aus. Ein Kommentar von Ralf Henningsen.

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15. Juni 2014, 09:34 Uhr

Wer möchte nicht in der sprichwörtlichen Schlossallee leben? In einem trauten Heim mit Blick auf Wald, Wiesen und Wellen. Der Platz an der Sonne ist uns lieb und teuer. Manchmal auch ein kleines bisschen zu teuer. Was soll’s, bei solch niedrigen Hypothekenzinsen.

Aber es ist ja nicht nur die Nachfrage nach dem eigenen trauten Heim, die die Preise in Kieler Villenvierteln und auf Sylt in absurde Höhen treibt. Dort, wo die Kaufpreise nicht mehr im Einklang mit der Mietentwicklung stehen, sind Spekulanten am Werk. Nicht nur die Spekulanten vom Schlag eines Jürgen Schneiders, der mit seinen Sahnestücken in Top-Lagen 1994 sogar die Deutsche Bank in arge Schwierigkeiten brachte. Und auch nicht nur die betuchten Investoren, die Millionen für ein Haus in den Dünen hinblättern können. Spekulanten – das sind auch Menschen wie du und ich, die ihr Erspartes einem Immobilienfonds anvertrauen. Alle zusammen setzen auf ein Wertpapier, das eine lukrative Rendite verspricht: das Grundbuch im Katasteramt.

Wer ganzjährig auf Sylt arbeitet und lebt, kann ein Lied davon singen: An den Kauf von Wohnraum zur Eigenverwendung ist ohne Förderaktionen der Inselgemeinden nicht zu denken. Ferienwohnungen erwirtschaften höhere Erlöse als konventionell genutzter Wohnraum.

Weil Spekulation auf hohe Verkaufspreise sogar mehr Gewinn verspricht als die Vermietung, stehen Objekte in bester Lage leer.

Die Konsequenz nennen Tourismusexperten „Kalte Betten“. In den schönen Häusern lebt niemand mehr, der Brötchen kauft oder mit dem Bus fährt. Die Dörfer bluten aus, verkommen zu einem seelenlosen Disneyland. Und sterben in Schönheit.

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