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Gastronomie in SH : Mit spanischen Azubis gegen den Fachkräftemangel

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

In Deutschland finden sie keinen Nachwuchs: Hotels und Gaststätten in SH setzen auf Auszubildende aus dem Rest Europas.

shz.de von
erstellt am 23.Aug.2014 | 18:14 Uhr

Ob Koch, Restaurant- oder Hotelfachmann – immer weniger junge Menschen in Schleswig-Holstein können sich für einen Ausbildungsplatz im Gastronomiebereich erwärmen. Dramatisch sind die Zahlen der Industrie- und Handelskammer (IHK) Kiel. Bei einer aktuellen Online-Umfrage gaben 23 Prozent aller Betriebe an, im Jahr 2013 nicht alle freien Ausbildungsplätze besetzt zu haben – betrachtet man das Gastronomiegewerbe einzeln, so waren es mit 42 Prozent fast doppelt so viele. „Das ist der Spitzenwert in Schleswig-Holstein“, sagt IHK-Ausbildungsexperte Hans Joachim Beckers. „In den ganzen letzten Jahren hat es in diesem Bereich Rückgänge bei den Auszubildenden gegeben.“ So begannen laut IHK-Statistik im Jahr 2011 noch 3090 Azubis eine Lehre in Hotel oder Gaststätte, im vergangenen Jahr lediglich 2598, eine Differenz von 492 Stellen innerhalb von zwei Jahren. „Und ich gehe davon aus, dass die Lage noch schwieriger wird“, sagt Beckers. „Berufe in des Gastronomie sind bei den Jugendlichen heute nicht die erste Wahl.“ Die Arbeit werde als besonders anstrengend angesehen, die Arbeitszeiten gälten als unattraktiv, das Klima als schlecht – und auch die Bezahlung spiele eine Rolle.

„The Job of my Life“ – was verdächtig nach einer billigen TV-Seifenoper klingt, ist ein Förderprogramm der Bundesagentur für Arbeit zur Rekrutierung ausländischer Lehrlinge. Vor der Teilnahme an diesem Projekt standen für den Kreisverband Dithmarschen des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) schwerwiegende Probleme. „Wir haben hier mit großen Lücken beim Nachwuch zu kämpfen“, sagt Hannelore Leesch vom gleichnamigen Gasthof in Reinsbüttel, die zugleich Dehoga-Landesausbildungswartin ist. Im Kontrast zum hiesigen Personalmangel stünden in Spanien 50 Prozent Arbeitslosigkeit und Schulabgänger ohne Chance auf Ausbildungsplätze.

In Zusammenarbeit mit der IHK, der Zentralen Auslands-und Fachvermittlung (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit in Hamburg und den spanischen Behörden ergriff die Dehoga Dithmarschen die Initiative. Im Januar dieses Jahres reiste eine Delegation nach Barcelona, um erste Kontakte zu Bewerbern zu knüpfen. Mit Erfolg. Sieben junge Spanier haben im Rahmen von „The Job of my Life“ seit Ende Mai als Praktikanten in drei Betrieben gearbeitet, neben dem Gasthof Leesch auch Kolles Alter Muschelsaal in Büsum sowie der Gasthof Oldenwöhrden in Wöhrden. Und fünf werden zum September ihre Ausbildung als Restaurant-, Hotelfachmann oder Koch in ihren Betrieben beginnen.

Hannelore Leesch ist begeistert vom spanischen Nachwuchs. „Es gibt eine hohe Motivation und Lernbereitschaft. Unsere Gäste sind von der Hilfsbereitschaft und Höflichkeit angetan und unsere Mitarbeiter freuen sich über den internationalen Kulturaustausch.“ Für die jungen Leute sei es eine Chance, der Perspektivlosigkeit in der Heimat zu entkommen. Auch das deutsche, mehr praxisorientierte Ausbildungssystem werde geschätzt.

„Ich arbeite in einem eleganten Restaurantbetrieb, wo mir die Arbeit sehr gefällt“, erzählt Juan Carlos Martinez Castiblanco (24) aus Santander, der im Gasthof Leesch im Service tätig ist. „Aber natürlich vermisse ich ein wenig meine Familie, Freunde und mein Land.“ Während des Praktikums haben die Praktikanten in der Volkshochschule in Heide einen Deutsch-Intensivkurs besucht, bei Ausflügen Leben und Kultur kennengelernt. „Wir Ausbildungsbetriebe haben möblierten und bezahlbaren Wohnraum gesucht“, erklärt Hannelore Leesch. Über das Sonderprogramm MobiPro-EU des Bundesministeriums für Arbeit wurden der Sprachkurs, die Wohnbeihilfe, Flüge sowie Taschengeld gezahlt. 200 Euro pro Monat und Praktikant kamen auf den jeweiligen Betrieb zu.

Auch in anderen Landesteilen setzt das Gastronomie-Gewerbe mittlerweile auf ausländischen Nachwuchs. Im Kreis Ostholstein etwa haben laut ZAV dieses Jahr 25 überwiegend spanische Praktikanten in sechs Hotel- und Gaststättenbetrieben ihre Ausbildung angefangen. „Und bereits im letzten Jahr sind in einem Pilotprojekt sieben EU-Ausländer in die Lehre gestartet“, weiß die zuständige ZAV-Ausbildungsberaterin Annette Zellmer. Auf Sylt haben zwischen März und Mai dieses Jahres 18 junge Spanier Praktika in zehn Betrieben gemacht. Stephan Beck,Vorsitzender des Dehoga Sylt: „Die sind alle sehr fleißig und interessiert. Und 17 von denen fangen im September hier ihre Lehre an.“ Es müsse dringend Nachwuchs generiert werden, „woher die Menschen kommen, das ist uns egal.“

Sylt, Ostholstein oder Dithmarschen – überall will man auch zukünftig und vermehrt auf Lehrlinge aus dem EU-Ausland setzen. Ob diese nach Abschluss ihrer Ausbildung den Betrieben erhalten bleiben oder wieder in ihre Heimat zurückkehren? Das sei völlig ungewiss, sagen sowohl Hannelore Leesch als auch Stephan Beck. „Ich sehe hier die Betriebe in der Pflicht, die Bedingungen entsprechend attraktiv zu gestalten“, betont Annette Zellmer. Unter anderem sollte für eine Veränderung des im Gastro-Gewerbe oftmals erschreckend rauhen Betriebsklimas gesorgt werden. „Auch in der Tarifierung müssen sich die Arbeitgeber bewegen.“

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