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Interview mit Dierk Böckenholt : Mindestlohn: „Jeder hat mit diesem Gesetz zu tun“

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Der Einzelhandelsverbandsgeschäftsführer äußert sich über Mindestlohn, Arbeitsplatzabbau und den Wettbewerb im Handel.

shz.de von
erstellt am 25.Nov.2014 | 07:11 Uhr

Herr Böckenholt, ab 1. Januar muss in Deutschland der gesetzliche Mindestlohn von 8,50 Euro bezahlt werden. Welche Folgen wird das  für die Unternehmen des norddeutschen Einzelhandels haben?

Das Mindestlohngesetz ist ein Eingriff in die innerbetrieblichen Angelegenheiten der Unternehmen und eine Störung der Tarif-Autonomie. Wir gehen von einer erheblichen Belastung der Unternehmen aus, die vielleicht sogar weniger mit den unmittelbaren 8,50 Euro zu tun hat, als vielmehr damit, dass diese 8,50 Euro für einfachste Tätigkeiten im Handel zwingend sind. Das heißt aber auch, dass man für anspruchsvollere Tätigkeiten das gesamte Lohngefüge anpassen muss. Wir rechnen daher damit, dass die Personalkosten insgesamt steigen werden.

Bezahlt die Rechnung aber nicht ohnehin der Verbraucher?

Wir befinden uns im Handel in einem harten Wettbewerb – untereinander, aber auch mit anderen Vertriebsformen wie dem Onlinehandel, der weniger personalintensiv ist. Insofern wird man diese Kosten nicht ohne weiteres auf Kunden umlegen können, sondern wird sie intern abfedern müssen.

Wie soll das gehen?

Unter anderem durch Personalkosteneinsparungen. Wir gehen davon aus, dass im Handel in Schleswig-Holstein einige tausend Arbeitsplätze allein durch die Mindestlohn-Umstellung zum 1. Januar des neuen Jahres wegfallen und sich daraus auch noch weitere Folgewirkungen für die Zukunft entwickeln werden. Die nächste Erhöhung des Mindestlohns ist schließlich bereits angekündigt.

Welche Möglichkeiten hat der Handel darüber hinaus?

Man muss sich sicherlich auch über Technisierung Gedanken machen, darüber, dass Arbeitsplätze automatisiert werden. Wir werden sicherlich die Entwicklung moderner Kassensysteme im Handel dadurch noch weiter forcieren – letztlich, um auch weiterhin im Wettbewerb bestehen zu können.

Die Befürworter des Mindestlohns führen als Argument an, dass Arbeitnehmer von ihrem Lohn auch leben können sollen. Gilt dies nicht auch für den Einzelhandel?

Wir haben im Einzelhandel viele geringfügige Beschäftigungsverhältnisse – auch aufgrund der langen Öffnungszeiten. Und wir stellen fest, dass viele Unternehmen diese Beschäftigungsverhältnisse nun auflösen. Das mag politisch gewollt sein. Es führt im Endeffekt aber auch dazu, dass viele Zusatzeinkünfte für Familien an dieser Stelle wegfallen. Und viele dieser geringfügigen Beschäftigungsverhältnisse waren auch von ihrer Anlage her immer nur als Zuverdienst gedacht. Da bestand von vornherein weder von Arbeitgeber- noch von Arbeitnehmerseite das Ziel, daraus eine komplette Unterhaltsleistung zu realisieren. 

Was vermutlich für viele Studenten oder auch Schüler gelten dürfte...

Wir haben in Schleswig-Holstein besonders an den Standorten von Universitäten und Fachhochschulen viele Studenten, die im Handel beschäftigt sind. Denen wird die Beschäftigung maßgeblich erschwert. Da geht es um Auffülltätigkeiten oder leichte Arbeiten wie Kassieren. Diese Stunden werden für viele Studenten in Zukunft wegfallen. Das kann man ordnungspolitisch gut heißen, muss man aber nicht – denn das wird auch dazu führen, dass viele ihre Studiengänge schwerer zum Abschluss bringen können, weil sie sich andere Formen der Finanzierung  suchen müssen.

Gibt es Unternehmen, die  besonders stark  betroffen sein werden?

Das geht durch die ganze Einzelhandelsstruktur. Wir stellen fest, dass es Unternehmen gibt, die sagen, sie hätten mit dem ganzen Thema überhaupt nichts zu tun, weil ihre Löhne über dem Niveau des Mindestlohns liegen. Genau diese Unternehmen versuchen wir jetzt gerade zu erreichen und für das Thema zu sensibilisieren.

Warum sollte das nötig sein, wenn sie doch eh mehr als den Mindestlohn bezahlen?

Auch diese Unternehmen müssen das Gesetz genau anschauen mit all seinen Folgewirkungen. Da kommt unter anderem das Thema Drittbeauftragung mit rein. Um Gesetzesverstöße für mein eigenes Unternehmen komplett ausschließen zu können, muss ich beispielsweise gucken, dass ich für Reinigungsfirmen oder Reparaturbetriebe unter Umständen in einer Haftung bin. Jeder hat mit diesem Gesetz irgendwas zu tun – und jeder ist gut beraten, sich genau anzuschauen, in welchen Bereichen das der Fall ist. Und das bedeutet Aufwand für alle.

 

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