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Kommentar : Mindestlohn ist kein Allheilmittel

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Für viele kleinere Betriebe wäre ein Mindestlohn ein herber Schlag - der Produkte verteuern würde. Ausnahmen beim Mindestlohn würden helfen. Ein Kommentar von Margret Kiosz.

Kiel | Wenn die große Koalition in Berlin kommt, kommt auch der Mindestlohn – und das ist im Grundsatz gut und auch notwendig: Es gibt leider Firmenchefs, die in Arbeitnehmern nur noch Kostenfaktoren sehen und ein unmenschliches Lohndumping betreiben. Sie haben den Bogen überspannt. Ihnen müssen Grenzen gesetzt werden.

Allerdings darf auch die Politik den Bogen nicht überspannen. So schön die rechnerischen Aussichten für Niedriglöhner sind, die demnächst laut DGB im Schnitt 2000 Euro mehr pro Jahr in der Tasche haben – Warnungen von Handwerkern und Dienstleistern, die Arbeitsplätze in Gefahr sehen, darf man nicht in den Wind schlagen. Sie würden ihren Bäckergesellen oder Kellnerinnen zwar gerne 8,50 Euro bezahlen, können es aber nicht. Wird das Bäckerbrot nämlich zu teuer, geht der Kunde zum Discounter. Und kann er sich das Schnitzel im Restaurant nicht mehr leisten, kocht er zu Hause. Probleme werden auch bei Berufseinsteigern und jungen Leuten erwartet, deren Arbeitsproduktivität noch zu gering ist. SPD und Gewerkschaften, die sich zu Recht für eine Lohnuntergrenze stark machen, sollten deshalb über ihren Schatten springen und Ausnahmeregelungen von der 8,50-Euro-Grenze – auch bezogen auf Regionen mit geringer Kaufkraft – zulassen. Nur so kann verhindert werden, dass trotz der rosigen DGB-Prognosen für 290.000 Nordlichter am Schluss doch zu viele Verlierer auf der Strecke bleiben.

Notwendig ist zudem mehr Ehrlichkeit in der Mindestlohndebatte. Mit 8,50 Euro wird die Zahl der Aufstocker nicht von heute auf morgen auf Null sinken – Teilzeitbeschäftigte und große Familien werden auch künftig Hilfe vom Staat benötigen. Mit 8,50 Euro erarbeitet sich auch niemand eine Rente oberhalb der Grundsicherung – selbst nicht im Vollzeitjob. Nötig sind dafür Stundenlöhne von über zehn Euro. Auch das leidige Problem der Werkverträge mit Arbeitsbedingungen und Löhnen, die uns den Scham ins Gesicht treiben, wird durch den Mindestlohn nicht aus der Welt geschaffen. Von einer verantwortungsvollen großen Koalition sind also noch viele dicke soziale Brocken aus dem Weg zu räumen.

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