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Geschäftsmann aus Flensburg : Marco Hahn steht wieder vor Gericht

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Verteidigung fordert die Einstellung des Verfahrens. Der Staatsanwalt findet seine Anklageschrift „total klasse“.

Kiel | Es ist kurz vor halb zehn, als sich der Angeklagte dem Saal 126 im Kieler Landgericht nähert. Weißes Hemd, schwarzes Jackett, graue Seidenkrawatte, dazu eine modisch-eng geschnittene graue Hose. Marco Hahn kommt am Mittwochmorgen dezent daher. Auffällig ist allerdings die Gefolgschaft, mit der der Investor erscheint. Drei Rechtsanwälte begleiten ihn, drei Juristen mit Doktortiteln: Klaus Ulrich Ventzke aus der Kanzlei des Hamburger Star-Strafverteidigers Gerhard Strate. Dirk Unrau aus Kiel, der die Interessen des in der Schweiz lebenden Investors seit Jahren vertritt. Und: Bernd Buchholz, Jurist, FDP-Politiker, Ex-Landtagsabgeordneter in Kiel und ehemaliger Vorstandschef der Gruner+Jahr AG. Alle drei haben einen gemeinsamen Auftrag: Die Anschuldigungen der Staatsanwaltschaft zu widerlegen und den wegen Betruges in einem besonders schweren Fall angeklagten Marco Hahn vor einer mehrjährigen Haftstrafe zu bewahren.

Als der 46 Jahre alte Flensburger Geschäftsmann den Gerichtssaal betritt, sitzt Staatsanwalt Martin Soyka längst an seinem Platz – und beobachtet den munteren Small-Talk der Hahn-Anwälte kurz vor Prozessbeginn. Punkt 9.30 Uhr betreten die Richter den Saal. Erste Amtshandlung: Eine Schöffin wird vereidigt. Danach nimmt der Vorsitzende Richter die Personalien des Angeklagten auf. Name, Alter, Wohnsitz, Familienstand, Beruf. Der erste von insgesamt sieben anberaumten Verhandlungstagen nimmt seinen Lauf. Der Staatsanwalt erhält das Wort. Die Anklageschrift (AZ:  34  KLS  9/13) wird verlesen. Regungslos und scheinbar unbeeindruckt hören Hahn und seine Anwälte das, was sie schriftlich längst kennen: Die Staatsanwaltschaft wirft dem Investor vor, geschäftliche Befugnisse missbraucht, sich durch Vorspiegelung falscher Tatsachen einen rechtswidrigen Vermögensvorteil verschafft und dadurch einen Vermögensschaden großen Ausmaßes verursacht zu haben.

Im Kern geht es bei den Anschuldigungen der Staatsanwaltschaft um die ehemalige Beteiligungsgesellschaft „Flymot“, an der neben Marco Hahn auch dessen Schwiegervater Lorenz-Peter Stotz und der Hamburger Geschäftsmann Dirk Kessemeier zu je einem Drittel beteiligt waren. Die „Flymot“ hatte im Jahr 2002 für rund 25 Millionen Euro Aktien des ehemaligen Hamburger Flugzeugmotorenherstellers Thielert AG erworben. Im Sommer 2006 soll Hahn die knapp 2,5 Millionen Thielert-Aktien der „Flymot“ für rund 57 Millionen Euro verkauft und den erzielten Gewinn von rund 32 Millionen Euro auf seine Privatkonten überwiesen haben. Als Kessemeier bei der „Flymot“ ausstieg und ausbezahlt wurde, soll Hahn einen niedrigeren Aktienkurs abgerechnet haben, als er selbst beim Verkauf der Aktien erzielt hatte, so der Vorwurf. Dadurch soll Kessemeier ein Verlust von 4,4 Millionen Euro entstanden sein.

Knappe zehn Minuten dauert das Verlesen der Anklageschrift – zehn Minuten, in denen von hochkomplexen und verschachtelten Geschäftsvorgängen die Rede ist, von gigantischen Aktientransaktionen und Darlehensverträgen in zweistelliger Millionenhöhe. Nach Darstellung des Staatsanwalts soll Marco Hahn mit angeblich gefälschten Depot- und Kontoauszügen den Geschäftspartner Kessemeier getäuscht haben. Wie bei vorherigen Straf- und Zivilprozessen, bei denen sich Marco Hahn zu verantworten hatte, geht es auch hier um ineinander greifende Geschäfte, bei denen zwar die inhaltlichen und zeitlichen Abfolgen mit einiger Mühe erkennbar werden, die wirklichen Motive für die vertraglichen Vereinbarungen aber weitestgehend im Dunkeln bleiben. Auch dieser Prozess gewährt ausschnittsweise einen Blick in die komplizierte geschäftliche Vergangenheit von Marco Hahn. Die ganze Wahrheit kennen nur die unmittelbar Beteiligten.

Die Antwort der Verteidigung auf die Vorwürfe des Staatsanwalts fällt deutlich aus. Klaus Ulrich Ventzke ergreift das Wort, artikuliert seine Verwunderung darüber, dass die aktuelle Anklageschrift des Staatsanwalts Jahre nach den Ermittlungen nachgereicht werden musste. Und Ventzke geht noch weiter: Die Anklage sei inhaltlich falsch und nicht nachvollziehbar, weil sie sich auf unterschiedliche Geschäftsvorgänge zu völlig unterschiedlichen Zeitpunkten – und das über Jahre hinweg – beziehe. Es sei noch nicht einmal ein Vermögensschaden von Dirk Kessemeier ersichtlich. Ventzke fordert, das Gerichtsverfahren gegen Marco Hahn einzustellen.

Auf Nachfrage des Vorsitzenden Richters, was der Staatsanwalt dazu sagt, hält Soyka einen Moment lang inne. Dann erklärt er: „Ich finde meine Anklageschrift total klasse.“

Nach exakt 20 Minuten ist alles vorbei. Der Prozess wird vertagt. Marco Hahn, seine Anwälte, der Staatsanwalt und die Richter ziehen sich zurück. Die Suche nach der Wahrheit wird kommende Woche fortgesetzt.

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erstellt am 12.Mär.2015 | 11:28 Uhr

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