Rassismus-Vorwurf : Lübecker Unternehmer Winfried Stöcker entschuldigt sich

Winfried Stöcker wollte 2012 den Lübecker Flughafen kaufen. Archivbild
Winfried Stöcker bezeichnet das Interview als „verunglückt“. Archivbild

Ein Interview mit Folgen: Nach Rassismus-Vorwürfen hat Winfried Stöcker seine Aussagen korrigiert. Am Dienstag melden sich seine Mitarbeiter zu Wort.

Avatar_shz von
23. Dezember 2014, 11:12 Uhr

Lübeck | Rassismus-Vorwurf: Nach massiven Protesten hat der Euroimmun-Chef Winfried Stöcker in einer Stellungnahme am Montag seine Aussagen über Flüchtlinge abgemildert. In einer schriftlichen Stellungnahme heißt es: „Ich bitte die Öffentlichkeit wegen meiner nicht angebrachten Formulierungen um Entschuldigung: Sie sind zu drastisch geraten, haben viele Leute vor den Kopf gestoßen,waren aber vor allem nicht ausgewogen, und das Vokabular nicht mehr zeitgemäß.“

Unter den 1700 Mitarbeitern von Euroimmun sind einige mit Migrationshintergrund. Seit Dienstag findet sich auf der Firmen-Homepage ein Link zu einem sechs Seiten langen Dokument mit Stimmen der Mitarbeiter. Theresa Wojtkiewicz aus Polen wird dort mit den Worten zitiert: „Ich arbeite bei Euroimmun seit 19 Jahren. Nie habe ich mich hier als Ausländer gefühlt, weil bei Euroimmun ganz viele Menschen aus verschiedenen Ländern arbeiten. Manche konnten hier arbeiten, obwohl sie kein Wort Deutsch gesprochen haben. Ich selbst konnte nach meiner Elternzeit wieder in der gleichen Abteilung arbeiten und die Arbeitszeit dabei selbst festlegen.“

„Die reisefreudigen Afrikaner sollen sich dafür einsetzen, dass der Lebensstandard in ihrem Afrika gehoben wird, anstelle bei uns betteln zu gehen.“ Mit Aussagen wie diesen hat der Lübecker Unternehmer für einen Sturm der Entrüstung gesorgt. In einem Interview mit der Sächsischen Zeitung in der vergangenen Woche  vertrat er Thesen wie: „Vor zwanzig Jahren haben sich in Ruanda die Neger millionenfach abgeschlachtet. Hätten wir die alle bei uns aufnehmen sollen?“

Stöcker gibt in seiner Stellungnahme an, über seine Aussagen wegen Zeitdrucks nicht genug nachgedacht zu haben. Außerdem habe er seine Meinung nur verkürzt und deswegen unvollständig zum Ausdruck gebracht.

Der Lübecker Unternehmer sagt, er würde keine Unterschiede wegen der ethnischen Herkunft machen. „Ich habe Kunden und Freunde auf der ganzen Welt, habe selber eine chinesische Frau (...)“. Stöcker widerspricht Rassismus-Vorwürfen: „Bitte glauben Sie mir, dass ich kein Ausländerfeind bin, ich habe Respekt vor jedem einzelnen Menschen und würde auch niemandem, der in wirkliche Not geraten ist, meine Hilfe verweigern.“

Gleichzeitig führte Stöcker seine Aussagen über Flüchtlinge in Deutschland weiter aus: „In großer Zahl strömen aus vielen Ländern Menschen zu uns, um sich hier anzusiedeln. Ich fürchte, dass sich daraus für unsere Gesellschaft einmal große Konflikte ergeben werden, die unsere Nachkommen vielleicht nicht bewältigen können.“ Durch das Interview wollte er auf diese Problematik hinweisen. Allerdings sieht Stöcker ein, dass das Interview dazu wohl nicht der richtige Weg war. Er bezeichnet es in seiner Stellungnahme als „verunglückt“.

Das Leiden der Bootsflüchtlinge lasse auch ihn nicht kalt, betont Stöcker. Allerdings schlägt er vor, die Lebensverhältnisse vor Ort zu verbessern. „Das Geld für ihre Unterkunft und den Lebensunterhalt in Deutschland könnte man in ihrer Heimat besser verwenden, indem man ihnen beim  Aufbau einer Existenz hilft und beispielsweise die Gründung einer Farm oder eines Handwerksbetriebes finanziert.“

Mit der öffentlichen Entschuldigung könnte das Thema für Stöcker allerdings noch nicht erledigt sein. Das Interview wird ein juristisches Nachspiel haben. Der Zentralrat der afrikanischen Gemeinde in Deutschland hat am 21. Dezember Anzeige wegen Volksverhetzung gestellt.

Der sächsische Linken-Politiker Sven Scheidemantel hat ebenfalls Strafanzeige gestellt. „Im abgedruckten Interview mit Hr. Dr. Winfried Stöcker sind öffentlich diskriminierende Äußerungen über Minderheiten [ wie z.B. die türkische Minderheit in Deutschland], sind diskriminierende Äußerungen allgemein über Menschen dunkler Hautfarbe [ Zitat: Neger] und allgemein diskriminierende, abwertende Äußerungen über Menschen mit Mitgrationshintergrund geäußert und veröffentlicht worden“, schreibt Scheidemantel auf seiner Facebook-Seite. Er halte die Äußerungen nicht von dem Recht auf freie Meinungsäußerung gedeckt.

Die Türkische Gemeinde Schleswig-Holstein beabsichtigt, eine Anzeige zu erstatten. „Die Aussagen von Winfried Stöcker sind nicht akzeptabel“, sagte der Vorsitzende Cebel Küçükkaraca shz.de. Er bezeichnet die Äußerungen als „menschenverachtend“ und „menschenunwürdiges Verhalten“. Küçükkaraca versteht nicht, wie ein Mensch aus der Mitte der Gesellschaft solche Formulierungen gebrauchen und danach verharmlosen könne. „Es gibt keine Entschuldigung für sein Verhalten.“

„Die TGS-H hat sich zum Ziel gesetzt, Diskriminierungen und Rassismus jedweder Art konsequent zu bekämpfen. Die Äußerungen von Herrn Stöcker gehen weit über eine Meinungsäußerung hinaus. Sie sind rassistisch und menschenverachtend und könnten den Straftatbestand der Volksverhetzung erfüllen. Wir fordern, dass Herr Prof. Stöcker gegebenenfalls angemessen bestraft wird“, sagte Küçükkaraca.

Die Universität Lübeck, für die Stöcker seit 2011 als Honorarprofessor tätig ist, distanzierte sich von seinen Aussagen. „An der Universität zu Lübeck forschen, lehren und lernen Wissenschaftlerinnen, Wissenschaftler und Studierende aus aller Welt. Toleranz, Weltoffenheit und ein klares Bekenntnis zu multikulturellem Denken und Handeln sind unveräußerliche Werte unserer Campus-Kultur“, sagte Universitätspräsident Hendrik Lehnert.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert



Nachrichtenticker