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Neues Logo : Lebensmittel: Wie regional ist regional?

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Verunsicherung beim Verbraucher: Wer heimische Produkte bevorzugt, hat es schwer. Denn nicht alles, was als regional bezeichnet wird, kommt tatsächlich aus der näheren Umgebung. Ein neues Logo soll das ändern – auch in SH.

Kiel | Regionale Produkte stehen bei den Konsumenten hoch im Kurs. Sie versprechen sich davon Frische, Geschmack und Qualität, kurze umweltfreundliche Transportwege und Vorteile für die heimische Wirtschaft. Kein Wunder, dass die Werbung mit dem Reiz des Regionalen lockt. Was Wappen und Medaillen auf der Packung genau garantieren, ist aber oft nicht recht durchschaubar.

Was bedeutet regional? Wie viele Kilometer durchmisst „Unser Norden“, das Motto, mit dem Sky, Plaza und Coop ihre Handelsmarke anpreisen? Müssen die Hauptzutaten der Produkte zu 100 Prozent aus regionalen Rohstoffen bestehen, oder nur vor Ort verarbeitet und verpackt oder gar ausschließlich in der Region verkauft werden? Noch ist „regional“ kein geschützter Begriff. „Bayerischer Leberkäs“ muss nicht aus Bayern stammen und Sylter Dressing nicht von der Insel. Verbraucherschützer kritisieren Mogeleien bei manchen Etiketten. Mehr Klarheit schaffen soll ein neues hellblau-weißes Logo, das jetzt nach einer Testphase auf breiterer Front in den Handel kommt. Der Name: „Regionalfenster“.

Welche Informationen enthält das „Regionalfenster“?

In dem Info-Feld auf der Packung können Kunden ablesen, woher die wichtigsten Zutaten stammen und wo sie verarbeitet wurden. Die Region muss kleiner sein als Deutschland. Möglich sind ein Bundesland, ein Landkreis, aber auch Umschreibungen wie „100 Kilometer um Neumünster“ oder „aus  Nordfriesland“. Die erste Hauptzutat muss zu 100 Prozent aus der Region stammen, genau wie die „wertgebenden Zutaten“ – zum Beispiel Erdbeeren in Erdbeerjoghurt. Bei zusammengesetzten Produkten wird die Gesamtsumme aller regionalen Rohstoffe in Prozent angegeben. Auf dem Etikett eines Landrauchschinkens könnte also stehen: „Schweine zu 100 Prozent  aus Schleswig-Holstein“ und „hergestellt in Bad Bramstedt“.

Was sagen die Verbraucherschützer?

„Im Prinzip eine gute Idee“, findet Gudrun Köster, Ernährungswissenschaftlerin der Verbraucherzentrale in Kiel. Momentan gebe es so viele Gütesiegel  für Lebensmittel, dass Verbraucher kaum noch durchblicken. „Die neue Kennzeichnung  ist aber nur ein erster Schritt und längst nicht ausreichend“. Genauso wie die Verbraucherorganisation Foodwatch mahnt sie schärfere Regeln gegen irreführende Werbung bei regionalen Lebensmitteln an. „Verbraucher können Regionalschwindeleien kaum erkennen, weil eine verpflichtende Herkunftsangabe auf der Packung fehlt", sagte Foodwatch-Experte Oliver Huizinga.

Trotzdem gibt sich Bundesernährungsminister Hans-Peter Friedrich (CSU) zuversichtlich. Er erwarte durch das neue Regionalfenster mehr Transparenz beim Einkauf. „Der Verbraucher erkennt auf einen Blick, woher die Hauptzutat des Produktes stammt, wie die Region definiert ist und wo das Produkt verarbeitet wurde.“ Foodwatch sieht das anders: Hersteller, die bewusst mit Herkunftsangaben täuschten, könnten das legal weiter tun, indem sie auf das freiwillige Siegel verzichteten. Nötig sei daher eine Pflicht, die Herkunftsländer der Hauptzutaten anzugeben. Auch  den Mindestanteil regionaler Zutaten in verarbeiteten Produkten, die aus mehreren Zutaten bestehen, hätten sich die Verbraucherzentralen höher gewünscht. Auch Köster kritisiert: „Da das Regionalfenster ein freiwilliges Zeichen ist und nicht staatlich kontrolliert wird, können Hersteller, die irreführend mit einer regionalen Herkunft werben, einfach auf das Siegel verzichten und so weitermachen wie bisher“.

Ist regional auch „öko“? Was wollen die Konsumenten?

„Häufig besteht bei Verbrauchern die Erwartung, dass regionale Erzeugnisse zusätzliche Produktqualitäten wie ‚mehr Frische‘, ‚Ohne Gentechnik‘, „Ökoqualität‘ oder ‚artgerechte Tierhaltung‘ gewährleisten sollen“, berichtet  Köster. Doch das ist nicht zwangsläufig der Fall.  Auch sind regionale Produkte nicht grundsätzlich besser als Produkte aus überregionaler oder internationaler Produktion, wenn es um den Vergleich von Klimaverträglichkeit geht. So hat das Fleisch von Rindern, die in Argentinien frei herumgelaufen sind, etwa einen geringeren ökologischen Fußabdruck als jenes von Rindern, die hierzulande auf einem kleinen Hof im Stall gehalten und womöglich noch mit Kraftfutter aus brasilianischen Sojabohnen gefüttert wurden. Sinnvoll ist ohne Frage, saisonales Obst und Gemüse aus der Region zu kaufen. Eine Aufzucht im beheizten Gewächshaus macht die positive Energiebilanz jedoch wieder zunichte. Auch lange Autofahrten zum Einkaufen können die Umweltfreundlichkeit regionaler Produkte ins Gegenteil verkehren.

 

Regionallogo – Der Handel zieht mit: Nach einem Testlauf in 20 ausgewählten Läden soll das neue Logo in diesem Jahr in größerem Stil auf den Markt kommen. Der Discounter Lidl startete bereits in seinen rund 500 bayerischen Märkten, die für ein Fünftel des bundesweiten Filialnetzes stehen. Das Regionalfenster prangt ergänzend auf Milch-, Wurst- und Fleischartikeln der Marke „Ein gutes Stück Heimat“. Edeka plant die Einführung in den nächsten Wochen ebenfalls als Zusatzdeklaration zu einer eigenen Regionalmarke unter anderem für Obst und Gemüse, Eier, Säfte sowie Suppen. Die Ketten Rewe und Netto wollen „im Laufe des Jahres“ einsteigen.

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erstellt am 03.Feb.2014 | 12:35 Uhr

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