Kunst oder Handwerk? Torten-Designerin in Lübeck vor Gericht

Ist das noch Handwerk – oder schon Kunst? Sylvia Zenz mit einer Design-Torte.
Ist das noch Handwerk – oder schon Kunst? Sylvia Zenz mit einer Design-Torte.

till_maj_0539 von
08. Juni 2015, 18:24 Uhr

Seit zehn Jahren dekoriert Sylvia Zenz Torten mit Figuren aus Zucker. Bunt, oft schrill und unverschämt süß. Dass sie dafür einmal vor Gericht kommen würde, hätte die Torten-Designerin sich selbst nicht träumen lassen. Doch kommende Woche werden Lübecker Richter darüber urteilen müssen, wo Kunst an der Torte beginnt, das Handwerk aufhört.

Begonnen hat alles vor fünf Jahren. Damals hat sich die 47-Jährige nebenberuflich selbstständig gemacht – als Torten-Designerin und Dozentin, so hat sie sich auch beim Finanzamt angemeldet. In Kursen bringt sie bei, wie Torten aufwendig verziert werden.

Vor eineinhalb Jahren meldete sich die Kreishandwerkerschaft bei Zenz und warf ihr unlauteren Wettbewerb sowie irreführende Werbung vor. „Ich hatte immer darauf hingewiesen, dass ich nicht backe“, sagt sie jedoch. Ihre Torten beziehe sie vom Konditor. Eine strafbewährte Unterlassungserklärung in Höhe von 4000 Euro unterschrieb sie nicht, widersprach – und hatte vorerst Ruhe. Vorerst. Denn nach der Kreishandwerkerschaft trat die Handwerkskammer Lübeck (HWK) auf den Plan. Diese warf der 47-Jährigen unerlaubte Handwerkstätigkeit vor, da sie nicht in die Handwerksrolle eingetragen sei und keinen Meister habe.

Doch Zenz sieht sich nicht als Handwerkerin. „Ich mache Kunst mit Zucker und mit Torten“, sagt sie. Von einem Künstler, der Bilder male, würde auch nicht verlangt, eine Malerlehre zu machen. Ihr Haupterwerb seien nicht die Torten, sondern ein Zubehör-Geschäft für Torten-Design. Die Kammer überzeugte das nicht – sie meldete den Fall dem Ordnungsamt, das ein Bußgeld verhängte. Ob dies zu recht geschah, muss nun das Amtsgericht Lübeck klären.

„Die Kammer hat sie nicht vor Gericht gezerrt“, betont Christian Maack, Geschäftsführer bei der HWK. „Wir sind verpflichtet, solchen Sachen nachzugehen.“ Sie würde Tätigkeiten ausüben, die unter die Vorschriften des Konditoren-Handwerks fallen. Dass Zenz die Torten nicht selbst backe, überzeugt Maack nicht. „Wenn sich der Tischler die Fensterrohlinge liefern lässt und daraus tolle Fenster macht, ist er auch kein Künstler.“ Sondern eben Handwerker. „Es gibt Vorschriften, die einzuhalten sind.“

Noch vor gut einem Jahrzehnt war das Torten-Design in Deutschland weitestgehend unbekannt. Zenz gehörte zu den ersten in Deutschland, die die Techniken damals aus den USA einführten, gilt als Expertin, sitzt bundesweit bei Wettbewerben in der Jury.

Zwei Torten verarbeitet Zenz nach eigenen Angaben durchschnittlich im Monat. Aus ihrer Sicht allenfalls ein handwerklicher Nebenerwerb – für den weder der Eintrag in die Handwerksrolle noch der Meisterbrief notwendig wäre. „Wie man es dreht und wendet: Ich gehöre nicht in die Handwerksrolle.“

Doch HWK-Geschäftsführer Maack hält dem entgegen: „Ein Pelzmantel im Monat reicht auch.“ Sprich: Es komme auf den Umsatz an, den Zenz mit den gestalteten Torten mache – die als Kunstwerke mit 19 Prozent und nicht wie „handwerkliche“ Torten mit einem ermäßigten Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent besteuert werden.

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