Scoring bei Auskunfteien : Kreditwürdig? Datenschützer Weichert kritisiert Schufa-Methoden

Trotz Gesetzesnovelle: Neue Regeln für das Scoring greifen nicht – Schleswig-Holsteins oberster Datenschützer fordert mehr Transparenz.

shz.de von
18. Januar 2015, 13:33 Uhr

Kiel | Abgelehnte Kredite, hohe Versicherungsprämien, keine neue Wohnung – Urteile von Auskunfteien wie Schufa, Bürgel und Creditreform können der Grund dafür sein, wenn Verbraucher das Nachsehen haben. Gesetzliche Regeln greifen oft nicht. Das zeigt eine Studie des Unabhängigen Landeszentrums für Datenschutz (ULD). Schleswig-Holsteins oberster Datenschützer, Thilo Weichert, warnt, dass Datensammler in immer mehr Bereichen des Alltags Einfluss nehmen – ohne dass Betroffene davon erfahren.

Eine Gesetzesnovelle von 2009 hatte das Ziel, das sogenannte Scoring – also die Bewertung der Kreditwürdigkeit von Verbrauchern – stärker zu reglementieren. Gelungen ist dies aber dem vor kurzem öffentlich gemachten Gutachten zufolge nicht. „Die Ergebnisse gehen dahin, dass nach der Gesetzesänderung 2009 nicht unbedingt eine Eingrenzung erreicht wurde“, so Weichert. „Es werden weiterhin Adressdaten für das Scoring verwendet.“ Die falsche Wohngegend kann also den günstigen Kredit verhindern. Oft sind Informationen dabei auch fehlerhaft. Allein bei der Schufa – Deutschlands größter Auskunftei – war demnach ein Viertel (26,5 Prozent) der Daten falsch, bei Creditreform war es mehr als ein Drittel (36,4 Prozent).

Vor allem das Internet und soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter werden von Experten als gewaltige Datenschätze gesehen. Dass die Auskunfteien in Zukunft verstärkt versuchen werden, auf sie zuzugreifen, steht außer Frage. Erste Firmen arbeiten hier bereits an der – aus Sicht von Politik und Datenschützern fragwürdigen – Zukunft. Die Hamburger Firma Kreditech beispielsweise berechnet nach eigenen Angaben die Kreditwürdigkeit seiner Kunden vollautomatisch – basierend auf 15.000 Einzeldaten, die unter anderem aus sozialen Netzwerk, dem E-Commerce-Verhalten oder auch der mobilen Internetnutzung resultieren können. Wo hält sich das Smartphone auf, welche Bücher wurden zuletzt bei Amazon bestellt, welche Angaben wurden auf dem Facebook-Profil veröffentlicht? All das kann verwendet werden – und über den zukünftigen Kredit und dessen Konditionen entscheiden.

Noch geben einem Gutachten des ULD zufolge die großen Anbieter von Datensätzen an, nicht in sozialen Netzwerken zu fischen. Dass auch sie sich jedoch brennend für die Informationen aus dem Netz interessieren, ist mehr als ein offenes Geheimnis. Erst 2012 hatte die Schufa ein mit dem Hasso-Plattner-Institut vereinbartes Forschungsprojekt zur Verwendung von Internet-Daten nach öffentlichem Protest wieder eingestellt.

Wenn Verbraucher wiederum eine Selbstauskunft über ihren Score einholten, wie es das Gesetz von 2009 vorsieht, herrscht meist Ratlosigkeit. Laut Gutachten können je nach Auskunftei bis zu 75 Prozent der Verbraucher – trotz der bereitgestellten Informationen – ihre Bewertung nicht nachvollziehen. Weichert kritisiert zudem, dass Verbrauchern der Weg zur kostenlosen Selbstauskunft oft erschwert werde: „Gerade die Schufa lenkt Auskunftsanfragen der Verbraucher auf kostenpflichtige Angebote“, sagt er und fordert: „Es muss transparenter und plausibler sein“.

An Unterstützung seitens der Politik mangelt es ihm nicht. „Verbraucherminister Maas muss der zum Teil willkürlichen Diskriminierung von Verbraucherinnen und Verbrauchern aufgrund von Alter, Geschlecht oder Bildungsstand endlich einen Riegel vorschieben“, sagt die Bundestagsabgeordnete der Grünen, Nicole Maisch. Der Parlamentarische Staatssekretär vom zuständigen Bundesjustizministerium, Ulrich Kelber, wiederum betont, dass die Ergebnisse ernst genommen würden. „Es darf nicht sein, dass jemand zu Unrecht ein Darlehen nicht erhält.“

Doch die Mühlen der Politik mahlen langsam. Bereits 2013 haben Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Reinhard Meyer (SPD) und seine Länderkollegen erklärt, dass es einen „dringenden gesetzgeberischen Handlungsbedarf“ gebe und diesen Appell zuletzt sogar erneuert. Vergeblich. In den kommenden Wochen wollen das Justiz- sowie das Innenministerium mit Vertretern der Wirtschaft über die Ergebnisse der Studie beraten. Der Ausgang ist offen.

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