Die Akteure : Klar zur Wende: Wer mischt mit?

Tauziehen um Netze und Strom. Darstellung: sh:z
Tauziehen um Netze und Strom. Darstellung: sh:z

Was wollen Politik, Netzbetreiber, Produzenten und Verbraucher - und was erwartet sie? Absichten und Aktivitäten der Energie-Akteure im Überblick.

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12. September 2012, 11:05 Uhr

Energiewende in Schleswig-Holstein: Jeder muss Verantwortung übernehmen. Was sind die Herausforderungen und Chancen?



1. Die Politik
Was sie will:
Das Ziel der Landesregierung in Schleswig-Holstein ist es, den Treibhausgasausstoß bis 2020 um 40 Prozent zu mindern und die regenerativen Energien so weit auszubauen, dass sie die landesweite Versorgung ganzjährig sicherstellen. Insgesamt soll dreimal so viel erneuerbarer Strom produziert werden, wie das Land verbraucht, so dass Schleswig-Holstein als Stromexporteur wirtschaftlich von der Ökoenergie profitiert. Um diese Ziele zu erreichen, muss laut Energiewende-Minister Robert Habeck (Grüne) der deutschlandweite Netzausbau beschleunigt, die Windkraft ausgebaut und Speicher entwickelt werden. In allen Bereichen stellt der Minister Bürgerbeteiligung in Aussicht. Wenn der Netzausbau weiter stocken sollte, könnten sich die Bürger an deren Finanzierung beteiligen. Insgesamt sollen seine Bemühungen zu Versorgungssicherheit und Bezahlbarkeit von Strom für alle führen. Um den Strom für den einzelnen Haushalt günstiger zu machen, soll mehr Energieeffizienz den Verbrauch senken.

Was sie tut:
An der Politik ist es, die gesetzlichen Voraussetzungen für die Umsetzung der Energiewende zu schaffen. Hierbei müssen die Zuständigkeiten von Bund und Ländern beachtet werden und die der unterschiedlichen Ministerien. Das Bundesumweltministerium etwa justiert regelmäßig die Einspeisevergütung nach dem Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) nach. Im Bundeswirtschaftsministerium, bei der Bundesnetzagentur und durch die Netzbetreiber wird der Leitungsausbau geplant. Für die Windeignungsflächen und hiesige Leitungsplanung ist das Land zuständig. Die Energiewende hängt daher von der Koordination der vielen Akteure ab. Ein bundesweiter Netzentwicklungsplan ist da nur der Anfang. Künftig sollte auch der Kraftwerksbau abgestimmt werden. Minister Habeck will in Schleswig-Holstein, auf Bundes- und Europaebene vor allem mit allen Beteiligten reden. Er beschäftigt sich gleichermaßen mit den Anliegen der Stromtrassen-Gegner und der Netzbetreiber, wie auch der Windmüller. Habeck ist sich sicher: "Bei allen ist der Wille dazu da, die Energiewende zu verwirklichen."


2. Die Netzbetreiber
Was sie wollen:
Mit den gleichen Einnahmen wie bisher Milliardeninvestitionen stemmen? Das fällt selbst großen Netzbetreiber-Unternehmen wie Eon Netz oder Tennet schwer. Deswegen wünschen sie sich Unterstützung beim Jahrhundert-Projekt Netzausbau; entweder in Gestalt von höheren Netzentgelten oder einer Förderung durch den Staat. Besonders mahnen sie aber die fehlende Planungssicherheit bei der Politik an.
Geht es dann los mit der Planung der neuen Trassen, plädieren die Bauherren für beschleunigte Planungsbedingungen. Gleichzeitig werben sie für Verständnis für die teure und zeitaufwändige Beschaffung der Technik: Allein die Herstellung und Lieferung eines Großtrafos, wie sie zur Netzverstärkung in vielen Umspannwerken neu aufgestellt werden müssen, dauert ein bis eineinhalb Jahre und kostet schnell über 650.000 Euro.
Was sie tun: Der Netzausbau ist längst im Gange. So hat zum Beispiel Verteilnetzbetreiber Schleswig-Holstein Netz AG bereits 30000 Anschlüsse zu den Wind-, Biogas- und Solarkraftwerken im Land gelegt, davon allein über 10000 im letzten Jahr. In den nächsten Jahren werden 120 Millionen Euro investiert, unter anderem für 1100 neue Ortsnetztrafos, 32 Großtrafos, neun Umspannwerke und mehrere hundert Kilometer neue Leitungen.
Auch die Netzbetreiber haben die Zeichen der Zeit erkannt und setzen auf Innovation: Die Eon Hanse entwickelt zum Beispiel zusammen mit der Fachhochschule Westküste, der Schleswig-Holstein Netz AG und einem Verbund aus Industrie und Wissenschaft ein Smart-Grid Modell auf der Insel Pellworm. Auf dem Eiland sollen dabei die Stromerzeugung aus Photovoltaik und Wind, die Speicherung und der Verbrauch intelligent aufeinander abgestimmt werden. Dadurch soll sich die Insel, die bereits heute häufig dreimal so viel Strom erzeugt wie verbraucht, noch besser rund um die Uhr selbst versorgen können. Der Strombedarf vom Festland könnte um bis zu 90 Prozent reduziert werden.
Ein weiteres Projekt des Netzbetreibers ist die Nutzung überschüssigen Windstroms zur Wasserstoffherstellung. In Hamburg wird in Kürze eine solche "Power to Gas"-Anlage erprobt, die den Wasserstoff direkt ins Erdgasnetz einspeist.


3. Die Ökostrom-Produzenten
Was sie wollen:
Ob Wind-, Photovoltaik-oder Biogasanlagenbetreiber: Sie alle wünschen sie sich vor allem eine beständige Förderung durch das EEG – sprich Planungssicherheit. Für die Windmüller gilt dies nicht nur für die Einspeisevergütung, sondern auch für den Beschluss der neuen Windeignungsflächen, auf denen Investoren, Gemeinden und Bürger lieber heute als morgen neue Windparks errichten wollen - schließlich nimmt die Förderung aus dem EEG immer weiter ab, je später eine Anlage angeschlossen wird.
Damit ihr Strom auch tatsächlich beim Verbraucher ankommt, fordern die Windmüller den beschleunigten Netzausbau. Ohne die Rechte des einzelnen Betroffenen zu schmählern, sollten Planfeststellungsverfahren schlanker werden, sagt Reinhard Christiansen von der Arge Netz, die Ökostromerzeuger im Land berät. Christiansen ist der Ansicht, dass es nicht an den Netzbetreibern liegt, wenn sich der Leitungsausbau verzögert, sondern vor allem an den Regelungen, die das Verfahren bürokratisch in die Länge ziehen.
Mit dem Windkraftzubau warten, bis die Leitungen gespannt oder verlegt sind, ist hingegen keine Option für die Windmüller. Die notwendige Netzentlastung könne an Engpässen auch oft schon dadurch hergestellt werden, dass über wenige Kilometer Bypässe installiert werden.
Was sie tun:
Um ihre Windparks errichten zu können und den produzierten Strom auch abzuführen, haben die Windmüller bereits begonnen, ihre eigenen Netze und Umspannwerke zu bauen. Sie kaufen dafür Land und finanzieren den Leitungsbau. Später besteht die Möglichkeit, die Leitung entweder selber zu betreiben, oder sie an einen der großen Netzbetreiber zu übertragen. "Wir bekämpfen damit ein Zeitproblem", erklärt Reinhard Christiansen, der auch Geschäftsführer eines Bürgerwindparks in Nordfriesland ist.
Denn je später die Inbetriebnahme, desto weniger Einspeisevergütung gibt es in den kommenden Jahren – so regelt es das EEG. "Der Bau von Anschlussleitungen und Umspannwerken ist teuer für uns, aber es lohnt sich, weil wir dann unseren Strom ins Netz und vergütet bekommen."


4. Die Verbraucher
Was sie wollen: Die Energiewende. Immer wieder ergeben Umfragen, dass bis zu 70 Prozent der Bevölkerung für den eingeschlagenen Kurs bei der Energieversorgung in Deutschland sind. Und das trotz steigender Kosten für Strom. Einschränkungen ergeben sich immer dann, wenn einzelnen Bürgern die Energiewende zu nah kommt.
Was im amerikanischen niedlich klingend als "Nimby-War"bezeichnet wird (Nimby = Not in my backyard = nicht in meinem Hinterhof) bedeutet in Schleswig-Holstein ganz konkret, dass sich Menschen in Form von Bürgerinitiativen gegen Windkraftanlagen und Stromleitungen wehren, die an ihren Häusern und Gärten (Hinterhöfen) vorbeiführen. Die meisten Betroffenen stimmen vehement für Erdleitungen, die jedoch von den Netzbetreibern zumeist als zu teuer abgelehnt werden.
Was sie erwartet: Zeitweilig steigende Strompreise und Bauprojekte. Um betroffene Bürger gegenüber Stromtrassen und Windrädern in ihrem Blickfeld milder zu stimmen, sollen sie in zweierlei Hinsicht beteiligt werden: Erstens an den Planverfahren und zweitens finanziell. Interessierte könnten Anteile an einer Gesellschaft erwerben, die dann den Leitungsbau finanziert. Ein "Stück der Stromautobahn" könnte für die Bürger-Investoren bis zu neun Prozent Rendite bringen. Ob die Aussicht "Je schneller neue Netze, desto schneller die Ausschüttung auf dem Konto" bei den Bürgern fruchtet, ist allerdings noch nicht erwiesen. Sicher ist: Wer an der Energiewende mit verdient, den belasten auch steigenden Strompreise weniger.
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