Keine Stimmen – keine Chance

Erste Reihe: Werner Stoll (r.) aus Wedel  mit Enno Prahm aus Hamburg hoffen auf Informationen.
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Erste Reihe: Werner Stoll (r.) aus Wedel mit Enno Prahm aus Hamburg hoffen auf Informationen.

Ex-Prokon-Chef Carsten Rodbertus verliert nach Gerichtsbeschluss Vollmachten von 15 000 Gläubigern

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22. Juli 2014, 22:08 Uhr

Nur noch wenige Minuten bis zum Beginn der Gläubigerversammlung. Rund 4000 Menschen sind schon in der Hamburger Messehalle B 6, um über die Zukunft der insolventen Prokon Regenerative Energien GmbH aus Itzehoe (Kreis Steinburg) zu entscheiden. Da kommt er endlich: der Protestler mit Transparent. „Keine (Voll-)Macht an den Architekten der Prokonpleite C. Rodbertus“ steht auf Hartmut Fluckes Schild.

Die meisten anderen Anleger haben Ärger und Empörung über Prokon-Gründer und Ex-Geschäftsführer Carsten Rodbertus offensichtlich hinter sich gelassen. Sie zeigen sich vor Kameras, Mikrofonen und Schreibblöcken nachdenklich. Typisches Beispiel: Werner Stoll aus Wedel. Der 59-Jährige war schon eine halbe Stunde nach Öffnung der Messehalle da, sitzt in der ersten Reihe. Sein Ziel: „Erstmal informieren. Es herrscht große Verunsicherung, weil es verschiedene Lager gibt.“

Wohl wahr. Es geht um 1,4 Milliarden Euro, die 75 000 Anleger in das Windkraftunternehmen investiert haben. Als es die versprochenen sechs bis acht Prozent Zinsen für die Genussrechte nicht zahlen konnte, musste es im Januar Insolvenz anmelden. Die erste Strecke gingen Rodbertus und Insolvenzverwalter Dr. Dietmar Penzlin aus Hamburg noch gemeinsam. Doch längst ist ein erbittertes Ringen um den richtigen Weg für Prokon entbrannt.

An diesem Tag sollen die Gläubiger abstimmen: über den Insolvenzverwalter, den Gläubigerausschuss und eben den richtigen Weg. Penzlin will Prokon auf den Kernbereich – Windparks und Stromverkauf – konzentrieren, möglichst soll das Unternehmen dann ausschließlich den Genussrechtsinhabern gehören. Für ein Magdeburger Pflanzenöl-Werk, die Produktion der eigenen Windkraftanlage P3000 und ein Holzpaletten-Werk in Torgau sieht Penzlin keine Zukunft im Unternehmen. Rodbertus dagegen befürchtet eine Zerschlagung der Firma, sie solle für Investoren geöffnet werden. Mit seinem eigenen, nicht näher erklärten Modell will er das Kapital der Anleger retten und zwei bis drei Prozent Zinsen zahlen.

Ökologisch, gerecht, sozial und ohne Banken, so wollte Rodbertus das Unternehmen führen. Gut so, finden immer noch mittlerweile rund 10 000 Mitglieder des im Januar gegründeten Vereins Freunde von Prokon. Dennoch verteilen sie vor der Messe Flyer an die Gäste: Nach „erheblichen kaufmännischen Fehlleistungen“ haben sie kein Vertrauen mehr in Rodbertus. Ihr Ziel ist „Prokon 2.0“, das Penzlin mit einem Insolvenzplan realisieren soll. Das führe zu einer Abwertung der Genussrechte und neuem Kapitalbedarf, aber: „Wir sehen die Chance der Besserung auf längere Sicht in Prokon 2.0.“ Auch die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger fordert die Gläubiger auf: „Stärken Sie die vernünftigen Kräfte!“

Die Kernfrage: Wie viele Gläubiger kommen, wer hat wie viele Stimmen auf sich vereinigt? An 90 Schaltern können sich die Besucher aus ganz Deutschland registrieren. In der Halle B6 stehen 10 000 Stühle, weitere 3000 in der Nachbarhalle. Knapp ein Drittel davon wird gebraucht. Justiz-Wachmeister aus dem ganzen Land und Hamburg sind im Einsatz, Besucher werden durchsucht, müssen Fotoapparate abgeben. Denn, so mahnt ein Informationsblatt: „Sie befinden sich bei einer Gerichtsverhandlung des Amtsgerichts Itzehoe.“

Deshalb müssen die Medienvertreter nach einem Besuch in der Halle vor Beginn wieder hinaus. Draußen steht Rodbertus in orangefarbenem Prokon-Hemd, raucht und dirigiert: „Da spielt jetzt die Musik.“ Er zeigt auf drei Anwälte, diese haben nach eigenen Angaben für die Abstimmung Vollmachten von 15 000 Anlegern mit knapp 200 Millionen Euro Kapital. Besser: Sie hatten. Denn Rechtspflegerin Susan Renner, die das Verfahren betreut, habe gerade angekündigt, sie in der Versammlung für unwirksam zu erklären, sagt Dieter Graefe, Anwalt aus Berlin. Dabei habe die Möglichkeit dazu seit Wochen bestanden, nun seien die Gläubiger praktisch rechtlos: „Das ist ein verfassungswidriges Vorgehen, das ich in dieser Form noch nicht erlebt habe.“ Für die Landgerichtssprecherin ist der Sachverhalt neu, die offizielle Bestätigung kommt erst abends. Die Juristen reagieren mit Befangenheitsanträgen, diese werden abgelehnt.

Die Versammlung läuft weiter. Vier Stunden hätten Penzlin und sein Team vortragen dürfen, Rodbertus nur 20 Minuten mit Unterbrechung durch das Gericht, klagt jemand aus dem Umfeld des Ex-Prokon-Chefs. Eine Chance hat er ohne die 15 000 Stimmen ohnehin nicht mehr.

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