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Zwei Fälle in Jütland : Kartoffelkrebs in Dänemark: Besteht Gefahr für SH?

vom
Aus der Onlineredaktion

Auf zwei Betrieben in Jütland wurden Kartoffeln mit der hochansteckenden Pilzkrankheit gefunden. Für die betreffenden Bauern bedeutet der Fund eine Katastrophe. Kommt die Seuche auch nach Schleswig-Holstein?

shz.de von
erstellt am 13.Nov.2014 | 04:30 Uhr

Herning | Nach 33 Jahren sind in Dänemark wieder Fälle von Kartoffelkrebs nachgewiesen worden. Bereits im Oktober waren im Gebiet Sunds bei Herning in Mitteljütland Knollen mit Tumoren aufgetaucht, die vom Pilz Synchytrium endobioticum ausgelöst werden. Nun ist abermals ein Fall der Quarantänekrankheit aufgetreten – bei einem Erzeuger aus derselben Region, aber nicht in unmittelbarer Nähe.

Die Fachleute rätseln, wie es jetzt zum Ausbruch kommen konnte. Kristine Riskær von der obersten dänischen Agardirektion erklärt, dass den Experten vor allem Kopfzerbrechen bereite, dass der Pilz nicht innerhalb eines zusammenhängenden Abschnitts der Betriebsflächen aufgetaucht ist, sondern über das jeweilige Areal verteilt vorkommt. Bei dem einen Anbauer sind sechs, bei dem anderen drei Felder betroffen. Es sei möglich, dass der Erreger durch Erdeinträge von außerhalb eingebracht wurde.

Laut der dänischen Lebensmittelüberwachung handelt es sich bei beiden Betrieben um Erzeuger von Stärkekartoffeln, so dass keine Rohware mit den hochansteckenden Knollen verbreitet wurde. Obwohl das Risiko einer Ausbreitung daher als gering eingestuft wird, ruft der erste Nachweis der Pilzerkrankung in Dänemark seit 1981 die Behörden auf den Plan. Mit verschärften Kontrollen wolle man dem Problem begegnen, heißt es vom dänischen Landwirtschaftsministerium.

Für die Kartoffelanbauer auf beiden Seiten der Grenze dürfte die Wiederkehr der meldepflichtigen Krankheit für Unbehagen sorgen. Der Handel mit infizierten Knollen ist verboten und die drohenden wirtschaftlichen Schäden für die Betriebe wären enorm. Verseuchte Flächen werden laut der „Verordnung zur Bekämpfung des Kartoffelkrebses“ mit bis zu 300 Meter breiten Sicherheitszonen versehen, in der der Kartoffelanbau und das Anpflanzen von Setzlingen verboten ist.

Käme es in in Schleswig-Holstein zu einem Fall von Kartoffelkrebs, würde ein betroffener Betrieb für mindestens 20 Jahre gesperrt, so die Sprecherin der Landwirtschaftskammer, Daniela Rixen. Erst nach bescheinigter Befallsfreiheit durch Gutachten und Behörden kann der Anbau laut Verordnung auf einer verseuchten Fläche wieder aufgenommen werden – für spezialisierte Höfe ein existenzielles Problem. Die Ausnahme in den anliegenden Grundstücken der Sicherheitszone bilden allerdings Sorten, die gegen den nachgewiesenen Erreger immun sind.

Kartoffelkrebs ist seit 1908 in Deutschland bekannt und wird sichtbar durch blumenkohlartige Zellwucherungen an den Knollen und Stängeln. Der Erreger kann alle Organe der Pflanze befallen. In manchen Fällen sind die befallenen Früchte bei der Ernte bereits vollständig verfault und können daher übersehen werden. Vor allem in den 1920er und 1930er Jahren verbreitete sich der Schadorganismus rasant und sorgte für drastische Ertragseinbußen. Erst die Umstellung auf resistente Anbausorten konnte die Epidemie wirkungsvoll eindämmen.

Wissenschaftliche Studien weisen darauf hin, dass die Witterungsbedingungen für die Ausbreitung des Pilzes in Dänemark und Schleswig-Holstein generell sehr günstig sind. Hohe Niederschlagsmengen in den Sommermonaten bei milden Temperaturen bieten dem Pilz, der die feuchte Umgebung liebt, einen hervorragenden Nährboden. Verwunderlich ist daher, dass der Erreger ausgerechnet nach dem enorm trockenen Sommer von 2014 wieder auftaucht.

Mit Pestiziden ist dem Kartoffelkrebs nicht beizukommen. Über die Hälfte der aktuell erfassten Sorten wurde daher so gezüchtet, dass der früher weit verbreitete Pathotyp 1 sie nicht befallen kann. Beim neuen Aufkommen der Erkrankungen in Gärten und Landwirtschaft handelt es sich allerdings fast ausschließlich um Abweichungen des Pilzes mit den Pathotypen (Rassen) 2, 6 und 18, die erst seit den 1940er bzw. 1970er Jahren in Deutschland bekannt sind. Das Hauptaugenmerk bei der Bekämpfung liegt daher neben der strikten Quarantäne bei der Resistenzzüchtung.

Mehrfach krebsresistente Arten - wie die deutschen Wirtschaftssorten Django, Ulme und Kuba - gibt es laut einer Studie des Julius Kühn Instituts weltweit nur ein halbes Dutzend. Die besonders beliebte Sorte Linda ist den Parasiten quasi wehrlos ausgesetzt.

In Schleswig-Holstein deutet bisher allerdings nichts auf einen Ausbruch von Kartoffelkrebs hin. „Im Moment besteht Anlass, Entwarnung zu geben“, sagt Daniela Rixen. Zum einen verweist sie darauf, dass Kartoffeln aus dem betroffenen Anbaugebiet in Dänemark ausschließlich innerhalb des Königreichs zu Stärke verarbeitet werden. Zum anderen hat der Pflanzenschutzdienst der Kammer in 1000 Proben, die dieses Jahr genommen wurden, keinen Kartoffelkrebs entdeckt. Nach Angaben der Landwirtschaftskammer trat der Kartoffelkrebs in Schleswig-Holstein zuletzt Anfang der 1970er Jahre auf – hier allerdings nicht in der Landwirtschaft, sondern in einem Kleingarten.

Im nördlichsten Bundesland werden auf 5700 Hektar Kartoffeln angebaut. Auf 3400 Hektar wachsen Speisekartoffeln, 2150 Hektar sind Pflanzkartoffeln vorbehalten, also der Aufzucht von Pflanzen, aus denen Saatgut gewonnen wird. Nur 150 Hektar werden für so genannte Verarbeitungskartoffeln genutzt – also solche, die beispielsweise zu Stärke oder Kartoffelchips umgewandelt werden.

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