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Steigende Arbeitsausfälle wegen Depressionen : Jeder sechste Bauer in SH vor dem Burnout

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Schlechtes Image, Schulden, Arbeitsüberlastung, fehlende Einnahmen: Viele Krankheitsfälle auf Höfen im Norden psychisch sind bedingt.

shz.de von
erstellt am 23.Jan.2016 | 11:00 Uhr

Kiel | Die Agrarmesse Grüne Woche hat die trübe Stimmung in der deutschen Landwirtschaft nicht aufhellen können. „Wir sehen kein Licht am Horizont“, bilanzierte Bauernpräsident Joachim Rukwied gestern nach Gesprächen mit den Kunden der Landwirte, darunter Meiereien, Schlachthöfe und Mühlen. Keiner habe für das erste Halbjahr höhere Preise in Aussicht gestellt. Und nicht nur wirtschaftlich, sondern auch psychisch sah es kaum je so düster aus. Immer mehr Bauern leiden unter Depression und Burnout.

Viele Landwirte fühlen sich gesellschaftlich ins Abseits gedrängt. Ebenso ist die Arbeitsbelastung immens. Verbrauchern fordern günstige Preise, gute Qualität und gleichzeitig hohe Tierschutzstandards. Vielen Bauern macht das zu schaffen.

Als Gradmesser nimmt Schleswig-Holsteins Bauernverbands-Sprecherin Kirsten Hess die Zahlen der landwirtschaftlichen Sozialversicherung: Mittlerweile 17 Prozent der Arbeitsausfälle auf den Höfen, die dort gemeldet werden, sind auf die beiden seelischen Krankheitsbilder zurückzuführen. Also immerhin jeder sechste Krankheitsfall unter den Bauern.

Konkrete Vergleichszahlen kann die Landwirtschaftliche Krankenkasse (LKK) in Kiel zwar nicht nennen, bestätigt aber auf Anfrage: „In den letzten Jahren ist ein merklicher Anstieg dieser Fälle zu verzeichnen.“ Hess ergänzt: „Wir hören aus den Kreisgeschäftsstellen, dass das Thema hochkommt. Wir versuchen einen Weg zu finden, wie wir das auffangen können.“ Mitarbeiter des Bauernverbands in den Außen-Dependancen sollen mit Schulungen sensibilisiert werden; für Ende Februar/Anfang März befindet sich ein „Impulstag“ zur Burnout-Prävention in Vorbereitung. Weiteres Ziel ist ein Netzwerk von Vertrauensleuten, bei dem sich Betroffene Rat holen können. Als erste Person dafür benannt hat der Bauernverband Hans Friedrichsen aus dem nordfriesischen Horstedt. Er war bis vor kurzem Vorsitzender seines Kreisbauernverbands und ebenfalls Vorstandsvorsitzender der LKK Schleswig-Holstein – hat also für das Problem einen doppelt geschärften Blick.

So fällt es ihm nicht schwer zu erklären, woher die psychischen Leiden zahlreicher Berufskollegen stammen. „Es kommt viel zusammen“, sagt Friedrichsen und zählt auf: „öffentliche Verunglimpfung unseres Berufsstands, der Druck, mit immer mehr Verordnungen und Gesetzen umzugehen, Arbeitsüberlastung und zunehmend finanzielle Sorgen.“ Nicht allein die miserablen Erlöse meint der Nordfriese mit letzterem. Bei ihm klingt Nachdenklichkeit an, ob die traditionelle „Wachse-Oder-Weiche“-Linie für jeden Hof richtig ist: „In Teilen kritisiere ich auch, wie die Betriebe beraten werden. Zu einer gewissen Größe gehört auch eine gewisse Substanz. Zu oft wurde aber nur auf Wachstum beraten. Die Eigenkapitalbasis hat man da mitunter aus den Augen verloren.“ Das steigert die Nervosität, ob gewährte Kredite wirklich bedient werden können. Und es zieht andere Anforderungen an die Bewirtschaftung nach sich: „Wer plötzlich 400 Kühe hat, braucht ein anderes Management als mit 200.“

Friedrichsen befürchtet, dass die Fälle von Depressionen und Burnout noch deutlich steigen, nachdem die Erlöse der Höfe – zumindest im bundesweiten Durchschnitt – um ein Drittel abgesackt sind. Die ohnehin schwierige, geschilderte Gemengelage habe sich schließlich bereits über Jahre aufgebaut. „Wenn dann auch noch die Motivation über das Einkommen wegfällt, bricht eine Welt zusammen.“

Prof. Edgar Schallenberger begegnet die steigende Depressions- und Burnout-Problematik fast jedesmal, wenn er einen Hof besucht. Eigentlich hat Agrarminister Robert Habeck den Tiermediziner und Landwirt als Vertrauensmann für Tierschutz berufen. Schallenberger hat jedoch festgestellt: „Meine Arbeit allein auf Tierschutz zu beziehen, ist viel zu kurz gegriffen. Die Tiere leiden, weil die Bauern leiden. Fast alle Probleme in der Tierhaltung kommen aus Überforderung, Stress und Verschuldung – und nicht aus Böswilligkeit.“

„Als Ursache ziemlich weit oben“ siedelt auch Schallenberger das „schlechte Image“ der Landwirtschaft an. „Bauern waren daran gewohnt, ein stolzer Berufsstand zu sein – heute werden sie oft nicht nur nicht anerkannt, sondern verachtet“, beobachtet der Vertrauensmann. Einem Teil der Bauern schlage aufs Gemüt, „dass sie die Anforderungen der Öffentlichkeit kaum erfüllen können: ganz viel Tierschutz und trotzdem schön billig – diesen Konflikt kann keiner aushalten“. Auf dem Dorf drohten Landwirte, gesellschaftlich ins Abseits zu geraten – häufig stellten dort Zugezogene die Bevölkerungsmehrheit.

„Die schnelle Lösung haben wir nicht“, gibt Schallenberger zu bedenken. Dennoch: Am Versuch, wenigstens einen Anfang zu machen, schmiedet er eifrig mit. Der Professor berichtet von einem „intensiven Austausch mit Bauernverband, Ministerium und Landwirtschaftskammer“ über die Zusammenstellung einer „niedrigschwellig erreichbaren Expertengruppe. Interner Arbeitstitel: „Bauern in Not“. Schallenberger denkt an Ehemalige mit landwirtschaftlicher Branchennähe wie sich selbst und Friedrichsen, dazu ein paar Mitstreiter mit psychologischer Expertise. In etwa zwei Monaten, schätzt er, könnte das Team stehen. „Die Hilfe muss zu den Bauern kommen, bevor es knallt.“

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