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Atommüll : Irgendwo muss das Zeug hin

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Politik ist die Kunst des Machbaren und nicht die Lehre der reinen Vernunft. Ein Kommentar von Henning Baethge.

shz.de von
erstellt am 23.Jan.2014 | 09:19 Uhr

Baden-Württembergs grüner Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat es richtig erkannt und eingängig formuliert: Irgendwo muss das Zeug halt hin. Darum hat er sich wie sein Kieler Parteifreund Robert Habeck vor einem Jahr zur Aufnahme von wiederaufbereitetem Atommüll im eigenen Bundesland bereit erklärt. Bedingung: Ein drittes Land muss mitmachen. Seither hat sich nicht viel getan. Doch jetzt bringt die neue hessische Umweltministerin Priska Hinz Bewegung in die Sache: Die Grüne wäre unter Umständen bereit, die Dritte im Bunde zu werden.

Anders als Habeck muss sie allerdings noch ihren Vorgesetzten überzeugen. Im Gegensatz zum Kieler SPD-Regierungschef Torsten Albig will Hessens CDU-Ministerpräsident Volker Bouffier bisher wenig von Castoren in seinem Land wissen. Und er hat gute Argumente auf seiner Seite: Vor allem der hohe Sicherheits- und Transportaufwand sprechen dagegen, die auf dem Seeweg aus England kommenden Behälter von der deutschen Küste hunderte Kilometer durch die ganze Republik bis nach Biblis zu bringen. Viel vernünftiger wäre etwa eine Lagerung im niedersächsischen Kernkraftwerk Unterweser, weil das wie Brunsbüttel nur wenige Kilometer vom nächsten Hafen entfernt liegt.

Andererseits ist Politik die Kunst des Machbaren und nicht die Lehre der reinen Vernunft. Viele sinnvolle Entscheidungen sind nur möglich gewesen, weil auch Sinnloses mitbeschlossen wurde. Berlin etwa wäre noch heute keine Hauptstadt, wenn die halbe Regierung nicht noch in Bonn säße. Manchmal muss man also zwei Schritte vor und einen zurück gehen – auch so kommt man voran. Den Schritt zurück kann man später ja noch immer aufholen.

Wenn Niedersachsen daher keinen Atommüll mehr aufnehmen will, weil das Land schon genug unter seinen jetzigen Zwischenlagern leidet, dann sollen trotz hohem Aufwand ruhig ein paar Castoren nach Hessen gehen. Die weiten Transporte nach Gorleben haben den Bund und die Atomkraft-Befürworter aus der CDU ja jahrzehntelang auch nicht gestört.

Zudem drängt die Zeit: Die ersten Castoren kommen schon nächstes Jahr – und noch gibt es für sie kein einziges genehmigtes Zwischenlager in Deutschland. Aber irgendwo muss das Zeug eben hin.

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