Immobilien : In SH droht die Immobilienblase

Deutschlands teuerstes Pflaster: Auf Sylt liegt der durchschnittliche Immobilienkaufpreis bei 6000 Euro pro Quadratmeter.
Deutschlands teuerstes Pflaster: Auf Sylt liegt der durchschnittliche Immobilienkaufpreis bei 6000 Euro pro Quadratmeter.

In einzelnen Regionen Deutschlands sehen Experten die ersten Anzeichen einer Immobilienblase. Wenn sie platzt, könnte auch Schleswig-Holstein betroffen sein, wie eine Studie zeigt.

Till Lorenz ist Mitglied der Wirtschaftsredaktion. von
15. Juni 2014, 07:30 Uhr

Hamburg/Kiel | Als in den Vereinigten Staaten im Jahr 2007 die Immobilienblase platzte, waren die Erschütterungen weltweit zu spüren. Überall standen Banken mit einem Mal ab Abgrund, mussten Steuerzahler mit Milliarden einspringen. Wenig später platzten auch die Blasen auf anderen Immobilienmärkten wie beispielsweise in Spanien und Irland. Die Nachwirkungen der Finanzkrise halten bis heute an – und die nächste könnte schon wieder vor der Tür stehen. Das geht aus einer Auswertung des Portals Immobilienscout24 hervor, die unserer Zeitung vorliegt – demnach haben Kiel und Sylt viele der typischen teuren Pflaster im Land bei der Preisentwicklung längst abgehängt.

Flüchteten Deutschlands Anleger in den vergangenen Jahren aus Angst vor Inflation und einem Auseinanderbrechen des Euros ins Betongold, ist es inzwischen die Niedrigzins-Politik der Europäischen Zentralbank, die immer mehr Deutsche das Geld in Immobilien stecken und dabei offenbar in manchen Regionen auch zum Teil jedes Maß vergessen lässt.

Die Studie hat 23 deutsche Städte sowie die Nordsee-Insel Sylt auf die Frage hin untersucht, wie sich Kaufpreis und Mieten zwischen 2007 und 2010 entwickelt haben. Steigen Kaufpreise dabei schneller als Mieten, gilt dies als Zeichen für Überhitzung. Ab einer Differenz von 20 Prozent zwischen Kaufpreis und Miete sprechen die Experten von einer solchen Überhitzung. Während Flensburg und Lübeck beispielsweise auf Werte von 9,9 und 7,7 Prozent kommen, sind es bei Kiel 25,3 auf Sylt sogar 30,5 Prozent – mehr als beispielsweise in Hamburg (28,2) und Frankfurt (15,2). An die bundesweiten Spitzenreiter Regensburg (39,9) und München (37,2) kommt der Norden damit aber noch lange nicht heran.

Geht es um absolute Zahlen, sticht die Nordseeinsel indes bereits jetzt schon alle anderen Ecken in Deutschland aus mit einem durchschnittlichen Kaufpreis von fast 6000 Euro pro Quadratmeter. Das sind fast 1000 Euro mehr als in München und mehr als doppelt so viel wie in Hamburg. Kiel hingegen kommt demnach gerade einmal auf einen Quadratmeterpreis von im Schnitt 1800 Euro.

Erst im Februar dieses Jahres warnte die Bundesbank, dass Immobilien in Deutschlands Großstädten zu teuer seien. „In den Großstädten weichen die Preise für Wohnimmobilien im Durchschnitt vermutlich um 25 Prozent nach oben ab“, schrieb die Bundesbank in ihrem Monatsbericht. Eine bundesweite Immobilienblase verneinte sie sogleich – zumal die Gründe für den regionalen Boom auf dem Immobilienmarkt in Deutschland andere als beispielsweise zuletzt in den USA sind. Hierzulande ist es meist schlicht die Nachfrage und ein Mangel an Angeboten, die die Preise in immer neue Höhen treiben. Die durchschnittliche Größe der Haushalte in Deutschland steigt, der Bedarf an Wohnraum nimmt dadurch vor allem in sowie rund um die Ballungsgebiete zu. Und nicht zuletzt geht es vielen auch darum, ihr Vermögen zu erhalten. „Angesichts des weiterhin niedrigen Zinsniveaus suchen viele Anleger nach Alternativen zu den Finanzmärkten“, sagt er. „Bundesanleihen mit zehnjähriger Laufzeit erbringen nur eine Rendite von unter zwei Prozent, was nach Inflation und Steuern zu realen Wertverlusten führen kann“, erklärt Burkhard Baum, Immobilienexperte bei der Deutschen Bank in Kiel. Zudem weist die Deutsche Bank in einer eigenen Untersuchung auch darauf hin, dass die aktuelle Marktbelebung „auf eine lang anhaltende Phase stagnierender Preise“ folgt. So habe es von 1998 bis 2008 in keiner deutschen Stadt einen Preiszuwachs von mehr als zwei Prozent im Jahr gegeben.

Also, alles gut? Mitnichten. „Für den Fall, dass wir eine langanhaltende Niedrigzinsphase haben bei so hoher Liquidität“, könne man in Zukunft eine Immobilienblase in Deutschland nicht komplett ausschließen, gibt Bundesbank-Vorstand Andreas Dombret zu bedenken. Von einem Ende der niedrigen Zinsen ist nach der neuerlichen Entscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB) jedoch nichts zu sehen. Viele Experten erwarten frühestens Ende 2015 eine Kursänderung.

Durch die niedrigen Zinsen jedoch sinken auch die Finanzierungskosten – und die eigene Wohnung oder das eigene Haus wird für viele Menschen erschwinglicher. Was zunächst positiv klingt, beinhaltet jedoch auch Gefahren. „Ich beobachte, dass immer mehr Leute mit immer weniger Eigenkapital immer mehr Immobilie kaufen wollen“, zitierte jüngst beispielsweise die „Süddeutsche Zeitung“ den Professor für Immobilienfinanzierung an der Universität Regensburg, Steffen Sebastian. Tatsächlich verzeichnen auch Baufinanzierer im Norden eine starke Nachfrage. Allein im ersten Quartal stieg das Volumen der Kredite bei Vor- und Zwischenfinanzierungen demnach um mehr als 91 Prozent, die Kreditauszahlungen insgesamt um fast 50 Prozent.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen