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Arbeitsmarkt in SH : Immer mehr Minijobs und Teilzeit in SH

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Jede zweite Stelle in Schleswig-Holstein ist keine reguläre Beschäftigung. Der Deutsche Gewerkschaftsbund Nord fordert „eine neue Ordnung der Arbeit“.

Kiel | Teilzeit, Minijobs und Leiharbeit sind für immer mehr Menschen in Schleswig-Holstein die Regel. Fast jeder zweite Job im Land ist kein reguläres Beschäftigungsverhältnis mehr. Das geht aus am Montag veröffentlichten Zahlen der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung hervor. Demnach lag der Anteil der sogenannten atypischen Beschäftigung an den rund 1,15 Millionen abhängig Beschäftigten im Norden im vergangenen Jahr bei 47,3 Prozent – und damit höher als im Bundesschnitt (43,3 Prozent). In manchen Regionen wie zum Beispiel Flensburg oder im Kreis Ostholstein machen Teilzeit, Minijob und Leiharbeit mit 50,8 beziehungsweise 54,8 Prozent sogar mehr als die Hälfte aller Beschäftigungsverhältnisse aus. Bei den abhängig Beschäftigten zählt die Studie, die auf Zahlen der Bundesagentur für Arbeit beruht, Beamte nicht mit.

Landesweit gingen im vergangenen Jahr von den sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten 619.232 Männer und Frauen einer Vollzeittätigkeit nach; 248.815 Arbeitnehmer arbeiteten Teilzeit, 15.475 als Leiharbeiter. Hinzu kamen 278.164 Minijobs.

„Der weiterhin hohe Anteil atypischer Beschäftigung ist nicht unproblematisch“, sagte Toralf Pusch vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut der Stiftung. „Häufig ist diese Arbeit geringer bezahlt und sozial schlechter abgesichert als im Normalarbeitsverhältnis, das gilt insbesondere für Leiharbeit und Minijobs.“

Bei der Teilzeit hänge vieles laut Pusch davon ab, „ob die Beschäftigten das so wollen“. In keinem anderen Bereich war der Anstieg dabei zuletzt so groß. Waren 2005 noch 14,7 Prozent der Beschäftigungsverhältnisse Teilzeitstellen, waren es vergangenes Jahr bereits 21,7 Prozent.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund Nord forderte angesichts der Zahlen, diese Entwicklung am Arbeitsmarkt zu stoppen. „Der Norden braucht eine neue Ordnung der Arbeit“, so der Vorsitzende Uwe Polkaehn. Mit Minijobs und anderen atypischen Beschäftigungen erreiche niemand eine Rente, die im Alter zum Leben reicht.

Wirtschaftsvertreter wiesen die Kritik zurück. „Wir verwehren uns gegen die ständig immer wiederkehrende Skandalisierung des norddeutschen Arbeitsmarktes und der mittelständischen Betriebe im Land“, sagte Michael Thomas Fröhlich, Hauptgeschäftsführer des Unternehmensverbands Nord (UVNord). Er verwies in diesem Zusammenhang darauf, dass der Anteil sozialversicherungspflichtiger Jobs im Land selten so hoch gewesen sei wie derzeit. Viele der von der Gewerkschaft kritisierten Beschäftigungsverhältnisse seien zudem eine Chance gerade für gering und schwächer Qualifizierte, auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Viele Arbeitsmarktexperten befürchten indes, dass genau dies ab nächstem Jahr schwerer werden dürfte – durch die Einführung des Mindestlohns. „Wir befürchten, dass im schlimmsten Fall 10.000 bis 15.000 Jobs bis Mitte 2015 verloren gehen“, warnt auch Fröhlich.

Vielfältige Wahrheit – Ein Kommentar von Till H. Lorenz

Das normale Angestelltenverhältnis ist im Norden offenkundig ein Auslaufmodell. Die Zahl der atypischen Beschäftigungsverhältnisse steigt. Fast jede zweite Anstellung im Norden ist der Hans-Böckler-Stiftung zufolge Teilzeit, ein Minijob oder Leiharbeit. Tendenz steigend – vor allem da die Zahl der Teilzeitstellen weitaus schneller zulegt als jene der sozialversicherungspflichtigen Vollzeitstellen. Sicherlich, der von der Politik oft beschworene Aufschwung am Arbeitsmarkt erscheint so zunächst einmal in einem etwas anderen Licht. Nur: Die Zahlen sind eine Sache. Ihre Interpretation hingegen eine andere – und die Wahrheit ist hier mitunter von mannigfaltiger Gestalt.

So  ist beispielsweise doch vollkommen unklar, was die Motive all jener sind, die in Teilzeit arbeiten: Geht es um die nackte Existenz oder um ein zusätzliches Einkommen, ist es Pflicht oder Kür? Wo der eine Ehepartner als Aushilfe oder Teilzeitkraft im Betrieb des anderen arbeitet, dürfte zumeist nicht von einem sozialen Härtefall die Rede sein. Auch dort, wo Paare sich beispielsweise der Kinder wegen für eine Vollzeit und eine Teilzeitstelle entscheiden, ist die Wirklichkeit komplizierter. Und nicht anders verhält es sich dann auch bei den Minijobs.

Die Gesellschaft ist vielfältiger geworden – und die Beschäftigungsformen am Arbeitsmarkt sind es auch. Und das ist gut so. Denn eine Vollzeitstelle zu schaffen, wenn Bewerber nur Teilzeit arbeiten wollen, befriedigt allenfalls Ideologien.  

Übrigens: Einer Erhebung zufolge will die Mehrzahl der Teilzeitkräfte mehr arbeiten – im Schnitt bis zu drei Stunden. Der Wunsch nach einer Vollzeitstelle lässt sich da nur schwerlich herauslesen.

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erstellt am 30.Sep.2014 | 05:30 Uhr

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