Niederdeutsch : Image-Kampagnen auf Platt

Viel Literatur gibt es nicht, mit deren Unterstützung man Plattdeutsch lernen kann.
Viel Literatur gibt es nicht, mit deren Unterstützung man Plattdeutsch lernen kann.

Immer mehr Unternehmen im Norden schulen ihre Mitarbeiter im Niederdeutschen - um näher an ihre Kunden heranzukommen.

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05. März 2013, 11:03 Uhr

Glückstadt | Heiko Gauerts Ansage ist deutlich: "Achtung, her wird plattdüütsch snackt." Der Lehrer sitzt in einem kleinen Raum, der laut eigenen Angaben kleinsten Krankenkasse Schleswig-Holsteins, der BKK Schleswig-Holstein in Glückstadt (Kreis Steinburg). Er unterrichtet fast die Hälfte der 13 Mitarbeiter auf Platt. Sie lesen Geschichten von Ina Müller, übersetzen sie ins Hochdeutsche, fassen sie wieder auf Platt zusammen. Es wird viel gelacht, dabei ist der Unterricht Teil einer ernsten Imagekampagne. Denn die Krankenkasse will sich ein bewusst norddeutsches Profil geben.

"Wir sind die einzige Krankenkasse, die ihren Hauptsitz noch in Schleswig-Holstein hat, da müssen wir uns überlegen, was wir anders als andere machen können", sagt Geschäftsführer Michael Peschel. Und kam aufs Plattdeutsche. Die Homepage ist schon ins Niederdeutsche übersetzt, jetzt sollen die Kundenberater auch sprechen lernen, um einen direkteren Draht zu ihren knapp 7000 Kunden vor allem im Kreis Steinburg zu bekommen. "Da läuft viel über die Sprache", sagt Peschel. Die Kunden verlören Hemmungen, öffneten sich mehr. "Das schafft Vertrauen." Schon hat er Anfragen von Kindergärten und Schulen, die sich Lehrer Gauert ausleihen wollen. Allerdings hat der noch einen kleinen Nebenjob als Leiter einer Gemeinschaftsschule in Hohenlockstedt (Kreis Steinburg).

"Plattdeutsch als Wirtschaftsfaktor wird zunehmend erkannt"

Wie die BKK SH haben auch andere Unternehmen das Plattdeutsche für sich entdeckt - und nicht nur auf dem ganz platten Land. Die Itzehoer Versicherung macht zwar keine Plattdeutsch-Kurse, "aber es ist ein Vorteil, dass viele unserer Mitarbeiter platt sprechen", sagt Unternehmenssprecher Rainer Lemke. Immerhin snacken in Schleswig-Holstein noch 700.000 Menschen platt. "Plattdeutsch als Wirtschaftsfaktor wird zunehmend erkannt. Und wir tun alles, um das zu fördern", sagt Dr. Reinhard Goltz vom Institut für Niederdeutsche Sprache in Bremen.

Die Regiokliniken in Wedel, Elmshorn und Pinneberg haben einen Kursus angeboten, planen gerade den zweiten. "Für uns ist das auch ein Standortvorteil, wenn unsere Ärzte und Pfleger platt sprechen. Die Patienten fühlen sich wohler", sagt Unternehmenssprecher Sebastian Kimstädt. Deshalb zahlt die Klinik den Teilnehmern den Kursus "Platt ist einfach sympathisch".

"Wir werden das ausweiten, weil es so ein großer Erfolg ist"

Mathias Eberenz, Sprecher der Asklepioskliniken, spricht gar von einer "Renaissance" des Plattdeutschen. In der Klinik in Hamburg-Wandsbek hat er schon einen Modellversuch gestartet, in dem Ärzte und Pfleger Platt lernen, damit sie einen besseren Draht zu ihren Patienten bekommen. "Wir werden das ausweiten, weil es so ein großer Erfolg ist", sagt Eberenz. Zunächst ist an eine weitere Klinik gedacht, nicht ausgeschlossen, dass weitere in Schleswig-Holstein folgen. Dem Medizin-Konzern gehe es nicht um Patientenwerbung, sondern vor allem um Mitarbeiter-Motivation, so Eberenz.

Doch auch Patienten schätzen das Angebot, die unkomplizierte Ansprache. "Wir wissen, dass etwa demente Patienten oft in die Sprache ihrer Kindheit zurückfallen - und das ist bei vielen eben Platt", sagt Heiko Gauert. Doch wer soll sich mit diesen Menschen verständigen, wenn sie keiner mehr versteht?

Keine guten plattdeutschen Lehrbücher

Bei der BKK SH in Glückstadt trainieren die Mitarbeiter seit über einem Jahr platt - einmal die Woche in ihrer Freizeit. "Mir fällt es relativ leicht, weil meine Eltern und Großeltern mit mir platt gesprochen haben. Ich habe sogar in der Grundschule Platt gelernt", erzählt Sandra Wollschläger (26), die in Elmshorn groß wurde. Ihre Kollegin Anne Löschke (22) aus Itzehoe hat hingegen von der Pike auf alles lernen müssen. Jetzt ist sie so weit, dass sie mit den ersten Kunden ein paar Sätze auf Platt wechselt. "Man muss sich nur trauen, die Leute finden das richtig super, auch wenn noch nicht alles richtig ist."

Und so pauken die beiden fleißig weiter, denn bis man Platt richtig kann, dauere es Jahre, sagt Heiko Gauert. Problematisch findet er, dass es keine guten plattdeutschen Lehrbücher gebe. So stehen auch in Ina Müllers Buch Wörter, die selbst Gauert nicht versteht. Dennoch findet er es wichtig, gerade diese Bücher zu benutzen. "Ina Müller begeistert auch jüngere Leute wieder fürs Plattdeutsche." So ist es auch in Glückstadt. "Es kommt darauf an, dass wir den Kunden zeigen, dass wir uns auf sie einlassen und sie verstehen", sagt Sandra Wollschläger. Und zahlt sich das auch wirtschaftlich aus? Heiko Gauert ist sich sicher: "Na kloor."

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