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Prostitution in SH : Im Land der Horizonte boomt das horizontale Gewerbe

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

In keinem anderem Flächenland boomt das horizontale Gewerbe so stark wie im Land der Horizonte. Von Nobeletablissment bis Straßenstrich – immer öfter leuchtet in Schleswig-Holstein das Rote Licht.

shz.de von
erstellt am 15.Dez.2013 | 13:27 Uhr

Im Land zwischen den Meeren entwickelt sich die Dienstleistungsbranche immer mehr zur Stütze der heimischen Wirtschaft, so die jüngste Konjunkturstudie von Kreditreform – sehr zur Freude von Finanzministerin Monika Heinold. Ein stattlicher Teil der 57 Millionen Euro Mehreinnahmen an Steuern stammt von den Servicebetrieben zwischen Flensburg und Pinneberg. Am Boom eines sehr speziellen Dienstleistungsgewerbes hat Heinolds Kabinettskollege Andreas Breitner jedoch deutlich weniger Freude: Das horizontale Geschäft bereitet dem Innenminister mehr und mehr Sorge.

Luxusbordell

Bereits jetzt gibt es in Schleswig-Holstein laut einem Bericht der Landesregierung zur Auswirkung des Prostitutionsgesetzes 100 Bordelle oder bordellähnliche Betriebe sowie weitere 300 Modellwohnungen. In Flensburg und Umgebung sind über 120 Kontaktadressen auf diversen Internetseiten frei einsehbar – inklusive Fotos der ihre Dienste anbietenden Frauen für die „Vorauswahl“. Aber auch in Lübeck und Kiel leuchtet die Rote Laterne besonders häufig. Landesweit verkaufen knapp 14 000 Frauen ihren Körper. Neben „Großclubs“, die ihren Umsatz über „Masse“ machen (dank Flatrate-Puffs mit bis zu 15 000 Besuchern im Jahr ist das Preis-Leistungs-Verhältnis inzwischen weltweit einmalig, ab 47 Euro gibt es soviel und so oft Sex wie man(n) will und kann) setzen immer mehr Betreiber jedoch auf Luxus-Etablissements. So plant Jürgen Rudloff einen Gentlemen’s Club in Westerland auf Sylt. Der Bordellbetreiber aus Stuttgart will für rund 2,5 Millionen Euro das ehemalige Kino im Appartementhaus Strandburg umbauen. Die Eröffnung des Clubs, in dem die rund 15 bis 20 Angestellten „auch der Prostitution nachgehen“, ist für Ende kommenden Jahres geplant. Gegenüber der Sylter Rundschau betonte der Sex-Unternehmer, dass das Sylter Etablissement nichts mit seinen anderen Großbordellen gemeinsam haben soll – es werde sehr edel, sehr stilvoll. Rudloff, der sich seit Längerem in Schleswig-Holstein nach geeigneten Standorten umschaut, betonte: „Der idyllische Charakter Sylts wird nicht verloren gehen, weil ich komme.“ Auf der Insel regt sich jedoch Widerstand. Carsten Kerkamm, der stellvertretende Bürgermeister: „Die Strandstraße ist kein Rotlichtbezirk, es ist nicht gewollt, dass sie einer wird.“

Seitensprunghotel

Eine Nummer kleiner soll es in Reinfeld (Kreis Stormarn) werden. Zwar gelang es den Stadtverordneten, den Bau eines FKK-Sauna-Clubs mit Wellness-Hotel im Gewerbegebiet an der Autobahn auf Eis zu legen, doch jetzt möchte ein neuer Investor in zentraler Lage an der A 1 ein Flachdach-Gebäude mit einer Fläche von rund 1000 Quadratmetern mit vier Etagen errichten. Im ersten und zweiten Obergeschoss soll ein klassisches Bordell mit insgesamt 30 Zimmern betrieben werden – nach diversen Gerichtsurteilen als „Gewerbebetrieb aller Art“ zulässig in einem Gewerbegebiet wie dem an der Autobahn in Reinfeld. Im dritten Obergeschoss ist zudem ein sogenanntes Stundenhotel, auch „Seitensprunghotel“ genannt, mit 16 Zimmern geplant. Im Antrag heißt es: „Hier sollen speziell eingerichtete Hotelzimmer (Mottozimmer) stundenweise an Hotelgäste vermietet werden, die sich für zwei, vier, sechs Stunden oder auch länger mit einem Partner außerhalb der Öffentlichkeit zu einem amourösen Abenteuer zurückziehen wollen.“

Wanderhuren

Ausgerechnet im sonst eher beschaulichen Neumünster etablierte sich in diesem Jahr der einzige Straßenstrich in Schleswig-Holstein. Erst in der Hanssenstraße, dann vor dem Südfriedhof positionierten sich abends immer drei junge Rumäninnen in knappen Kleidern. Sie telefonieren viel und steigen gelegentlich in haltende Autos. Die Anwohner zeigten sich ob des zunehmenden Verkehrs vor dem Friedhof empört. Als die Kirche ihr Hausrecht durchsetzte („Uns liegt viel daran, die Würde des Ortes aufrecht zu erhalten“, erklärte Pastorin Simone Bremer, Vorsitzende des Kirchengemeindeverbandes), wanderten die Huren weiter – zur Bushaltestelle vor dem Parkplatz einer nahegelegenen Schule. Das löste erst recht eine Welle der Empörung aus. „Das geht so gar nicht. Diesen Zustand werden wir nicht tolerieren“, erklärte Schulleiterin Silke Rohwer. Die Schule habe eine Fürsorgepflicht gegenüber den Schülern und müsse auf den Jugendschutz achten.

 

Die Stadtvertreter diskutierten über den Einsatz von Videokameras – oder zumindest von Attrappen zur Abschreckung. Die Wanderhuren dagegen zogen erneut 200 Meter weiter. Inzwischen hat die Ratsversammlung – in Schleswig-Holstein einmalig – eine Speerbezirksverordnung erlassen und dem Innenministerium zur Genehmigung vorgelegt. Oberbürgermeister Olaf Tauras: „Wir haben damit in Schleswig-Holstein rechtliches Neuland betreten und mussten uns erst einmal in Nordrhein-Westfalen und Bayern kundig machen.“ Selbst wenn die Verordnung greift: „Wohnungsprostitution ist nicht von diesem Erlass betroffen, könnte auch ein Thema werden“, befürchtet Udo Wachholz, Fachdienstleister Öffentliche Ordnung und Sicherheit bei der Stadt. Und ausgerechnet neben der katholischen St. Maria-St. Vicelin-Kirche und deren Gemeindehaus leuchtet seit Kurzem das bekannte rote Licht.
 

Hartes Geschäft

Für die Frauen ist das allerdings kein Vergnügen. Sie müssen bis zu 40 Kunden am Tag bedienen, den Freiern immer öfter rund um die Uhr zur Verfügung stehen. Und deren „Wünsche“ kennen kaum noch Grenzen. So werden bis zu 10 000 Euro für Sex mit einer Jungfrau gezahlt, 300 Euro für den mit einer Schwangeren und 100 Euro für Verkehr ohne Kondom. Ablehnen können die Prostituierten eigentlich niemanden – das Geschäft ist hart: Bundesweit buhlen rund 400 000 Damen um täglich zwischen 1,2 und 1,5 Millionen Freier. Geschätzter Umsatz: 150 Millionen Euro bundesweit, in Schleswig-Holstein immerhin auch noch mindestens 5,2 Millionen – täglich. Und auch der Staat kassiert kräftig mit. 2009 waren es 695 900 Euro an Steuern allein für das Land, 2010 immerhin noch 393 200 Euro. Dafür langten die Kommunen mit „Vergnügungssteuern“ und zusätzlichen Tagespauschalen von bis zu 79 Euro pro Dame kräftig zu. Die Erotikindustrie setzt bundesweit 14,5 Milliarden Euro um. Kein Wunder, dass die chronisch an Geldmangel leidenden Städte die Erotikbranche als Melkkuh entdeckt haben. Unter den Damen kursiert inzwischen der Spruch: Der erste Kunde ist für die Zimmermiete und der zweite fürs Finanzamt. Das kontrolliert Sexarbeiterinnen inzwischen schärfer als die Polizei. Für das größte deutsche Bordell, das „Pascha“ in Stuttgart, werden jedes Jahr über zwei Millionen Euro fällig. Und das Sexgeschäft an den deutschen Grenzen boomt – auch in Schleswig-Holstein. In Skandinavien ist Prostitution verboten, in Schweden werden sogar die Freier bestraft, wenn sie für sexuelle Handlunegn bezahlen. Kein Wunder, dass der Grenz Club bei Flensburg – nach eigenen Angaben der größte FKK- und Saunaclub im Land – floriert.

Sehnsucht nach besserem Leben

Die Sexarbeiterinnen kommen überwiegend aus Osteuropa, werden in ihren Heimatländern gezielt angesprochen und mit falschen Versprechungen von einem besseren Leben nach Deutschland gelockt. Über 65 Prozent der Frauen in deutschen Bordellen stammen zurzeit aus Bulgarien oder Rumänien. Sie erhalten in einer Schicht mehr, als sie zu Hause im Monat verdienen. Wenn sie dort überhaupt Arbeit finden. Und die Menschenhändler sind ständig unterwegs. Der „Frischfleisch“-Bedarf für das horizontale Gewerbe ist schier unersättlich. Kein Wunder, sagt Manfred Paulus, einer von Deutschlands führenden Experten für Rotlicht- und organisierte Kriminalität. „In Wahrheit gibt es keine Frau, die freiwillig im Stunden- oder gar Viertelstundenrhythmus mehr oder weniger appetitliche und mehr oder weniger perverse Freier bedient. Fakt ist: Neun von zehn in Deutschland anschaffende Prostituierte sind fremdbestimmt. Ein hoher Anteil wird getäuscht, in die Schuldenfalle getrieben, in Abhängigkeit und in eine hilflose Lage versetzt und auf diese Weise gefügig gemacht. Dabei leisten Drogen wertvolle Hilfe.“ Schließlich geht es um viel Geld: Im bundesdeutschen Milieu werden täglich rund 150 Millionen Euro umgesetzt.

Umkämpftes Milieu

Die Herrschaft über das Milieu ist hart umkämpft, selbst Rockergruppierungen wie die Hells Angels haben Mühe, sich gegen ausländische Eindringlinge zu behaupten. Insbesondere Nigerianer, Balkansyndikate sowie Russenmafia und albanische Clans drängen auf den lukrativen deutschen Rotlichtmarkt. Dennoch gehen die Behörden davon aus, dass in Schleswig-Holstein sowie im benachbarten Niedersachsen immer noch insbesondere Rockergruppen dominieren. Vor diesem Hintergrund ist auch die Neugründung des im vergangenen Jahr aufgelösten Hells Angels Charters West-Side zu betrachten. Oliver Malchow, Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei in Schleswig-Holstein: „Von kriminellen Rockerbanden geht eine erhebliche Gefahr für die öffentliche Sicherheit aus. Körperverletzung, Menschenhandel, Waffenhandel, Korruption, Rauschgifthandel und Rotlichtkriminalität sind die Geschäftsfelder der Hells Angels, Bandidos und der ihnen angegliederten Gruppierungen. Kriminelle Rockerbanden haben sich in Deutschland als Organisierte Kriminalität fest etabliert.“ Mit erpresserischen Methoden und schwersten Straftaten, so Malchow, erschlössen sich die Banden illegale und legale Geschäftszweige. Gebietsansprüche würden mit Gewalt durchgesetzt, Widersacher zum Schweigen gebracht. Malchow steht hinter der Null-Toleranz-Strategie des Landes und bewertet die Großaktionen der Polizei in Schleswig-Holstein, Hamburg und Niedersachsen in den letzten Monaten als „vollen Erfolg.“ Malchow: „Die klare Botschaft lautet: Kriminelle Parallelgesellschaften werden mit allen rechtsstaatlichen Mitteln bekämpft.“

In Schleswig-Holstein haben Polizei und Justiz weiteraufgerüstet: Bei der Bezirkskriminalinspektion Kiel und bei der Kriminalpolizeistelle Lübeck besteht eine spezielle „Ermittlungsgruppe Milieu“. Im Landeskriminalamt (LKA) ist die Zentralstelle Menschenhandel eingerichtet, die alle relevanten Informationen und Erkenntnisse aufarbeitet. Allerdings kommen jährlich nur zwischen vier und 20 Verfahren in Schleswig-Holstein wegen „Menschenhandels zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung“ vor Gericht, verzeichnet die polizeiliche Kriminalstatistik nur zwischen vier und 42 Straftaten wegen „Ausbeutung von Prostituierten“ beziehungsweise Zuhälterei.

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