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Probleme für Krankenkassen : Hohe Arzneimittelkosten in SH: Manche Pillen gibt es nur zu „Mondpreisen“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

In SH wird so viel Geld für Arzneimittel ausgegeben wie nie zuvor. Das könnte Folgen für die Versicherten haben.

488 Euro verschluckt – mit einer einzigen Tablette Sovaldi. Und das jeden Morgen. Die Wunderpille müssen Hepatits-C-Patienten einnehmen, in Kombination mit anderen teuren Medikamenten. Für die Kassen ein harter Brocken, denn ein Therapie-Zyklus schlägt locker mit 60.000 Euro zu Buche. Da ist es kaum tröstlich, dass die Tablette Sovaldi noch vor Jahresfrist pro Stück über 700 Euro kostete.

Wenn die Ausgaben für Medikamente weiter so steigen, könnten Versicherungen die Kosten auf ihre Versicherten umgelegt werden. Kleinere Krankenkassen könnten durch zwei oder drei „teure Patienten“ schnell in finanzielle Not geraten.

Selbst die große AOK Nordwest stöhnt. Dass in Schleswig-Holstein für Arzneimittel so viel Geld wie nie zuvor ausgegeben wird, liege auch an der „Hochpreispolitik der Pharmaindustrie bei vielen neuen patentgeschützten Produkten“, sagte AOK-Chef Martin Litsch. Im ersten Halbjahr 2015 haben die niedergelassenen Ärzte im Land für die rund 2,4 Millionen gesetzlich Versicherten Medikamente im Wert von fast 600 Millionen Euro und damit über 20 Millionen Euro mehr als im Vorjahreshalbjahr verordnet – ein Anstieg von 3,7 Prozent. Als Paradebeispiel für die Kostenexplosion nennt auch Litsch die neuartigen Hepatitis-C-Präparate.

Aber auch Medikamente gegen Hauttumoren (15.000 Euro pro 40 ml-Packung) oder gegen Mukovizidose (22.000 Euro) sowie eine Reihe von Innovationen zur dringend benötigten Behandlung von Demenz sorgen für eine Kostenexplosion. „Die Preise, die die Pharmaindustrie dafür verlangt, sind trotz des hohen Forschungs- und Entwicklungsaufwands so unangemessen hoch, dass das GKV-Solidarsystem über alle Maßen belastet wird“, warnte Litsch.

Von Januar bis Ende Juli wurden 18,9 Millionen Euro für die Hepatitis-C-Therapie von rund 300 erkrankten Schleswig-Holsteinern bezahlt. Das sind bislang unvorstellbare Dimensionen für Medikamente auf Massenmärkten. Die Kassenchefs fordern deshalb einen rechtlichen Rahmen zur Begrenzung der Hochpreispolitik. „Wir brauchen dringend eine adäquate Antwort auf die Frage nach fairen Arzneimittelpreisen“, so Litsch.

Derzeit ist es so, dass die Hersteller eines neuen Arzneimittels mit Zusatznutzen in den ersten zwölf Monaten den Preis willkürlich festsetzen dürfen. Weil sich schwerkranke Patienten an jeden Strohhalm klammern und Druck auf Kassen und Politiker ausüben, befinden sich Pharmakonzerne in einer guten Position.

Die Kassen haben im ersten Jahr nach der Marktzulassung kaum Möglichkeiten, auf die „Mondpreise“ mäßigend einzuwirken, beklagt auch Armin Tank vom Ersatzkassenverband Schleswig-Holstein. In dieser Zeit verhandeln die Konzerne mit dem GKV-Spitzenverband über den Erstattungsbetrag, der ab dem 13. Monat niedriger liegt. Litsch und Tank plädieren schon seit längerem dafür, den Preis rückwirkend vom ersten Tag der Markteinführung zu zahlen. Dies würde „Mondpreise“ unterbinden.

Im Durchschnitt bekam im ersten Halbjahr 2015 jeder gesetzlich Versicherte in Schleswig-Holstein Arzneimittel für 246 Euro verordnet. Insgesamt haben die Patienten 2014 Zuzahlungen für Arzneimittel in Höhe von 38 Millionen Euro geleistet, das sind 16 Euro je Versicherten. Die Arzneimittelausgaben lagen bundesweit um 30 Prozent über dem OECD-Durchschnitt. Im Ranking vor Deutschland liegen nur noch die USA, Japan, Griechenland und Kanada.

Der Pharmariese Gilead verbuchte wegen Sovaldi zuletzt einen Jahresgewinn von 12,1 Milliarden US-Dollar und ist damit profitabler als Apple. Und die Zukunftsaussichten sind hervorragend: Gerade in einer alternden Gesellschaft wird die Forschung in der Krebstherapie eher zunehmen. Der SPD Gesundheitsexperte Karl Lauterbach räumte kürzlich ein, „nirgendwo sei so viel Geld zu verdienen wie auf dem Feld der Krebsbekämpfung“.

Für den Kieler Kassenchef Litsch, der derzeit kommissarisch auch die Bundes-AOK leitet, steht deshalb schon jetzt fest: „Wenn die Ausgaben für Medikamente weiter so steigen wie im vergangenen und in diesem Jahr, führt das zu baldigen Beitragserhöhungen für die Versicherten.“ 2014 klettern sie um 10,3 Prozent. Acht der insgesamt 46 neuen Präparate kosteten in der Apotheke mehr als 10.000 Euro. Das Hauptproblem bei vielen Krankheiten sei heute nicht mehr die medizinische Machbarkeit, sondern die Bezahlbarkeit.

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erstellt am 23.Nov.2015 | 13:30 Uhr

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