Neuer Wirtschaftsverband : Hanse-Unternehmerinnen setzen auf alte Kaufmannstugenden

Vermögensberaterin und Bankdirektorin a.D. Ellen Ehrich.
Vermögensberaterin und Bankdirektorin a.D. Ellen Ehrich.

Ihr Verband ist neu, ihr Zulauf groß. Die Hanse-Unternehmerinnen stellen Fragen - und unterscheiden sich damit von Männern. "Denn die behaupten", sagt die Gründerin.

Avatar_shz von
19. April 2011, 11:03 Uhr

Lübeck | Sie nennen sich Hanse-Unternehmerinnen und ihre philosophische Basis orientiert sich an dem, was "ein jeder wahrer und ehrlicher Kaufmann beherzigen" soll. In Lübeck haben sich - angestoßen von der Vermögensberaterin und Bankdirektorin a.D. Ellen Ehrich - Geschäftsfrauen zu einem eigenen, neuen Netzwerk zusammengeschlossen. Der Zulauf ist beachtlich. 19 Mitglieder zählt der Verband bisher, zum jüngsten Treffen kamen mehr als 30 Frauen. Tendenz steigend.
Die Werte sind seit Jahrhunderten erprobt. "Dies soll ein jeder wahrer und ehrlicher Kaufmann beherzigen: Integrität steht ihm gut an. Weitblick hält seine Geschäfte gesund und was er verspricht soll er halten. Und er sollte - so es ihm gelingt - sich bewundernswert und ehrlich verhalten im Einklang mit dem was er benötigt oder beabsichtigt. Um günstig einzukaufen soll er teuer ohne Tadel verkaufen mit bewundernswerter Höflichkeit. Er unterwirft sich der Kirche und spendet für Gott. Er wächst im Ansehen und sein Wort bindet ihn. Wucher und Würfelspiel, welche alles vernichten können, sind ihm verboten. Er rechnet sorgfältig und irrt sich nie." Was der Florentinische Kaufmann Dino Compagni zu Beginn des 13. Jahrhunderts als Verhaltenskodex für Kaufleute verfasste, haben sich die Hanse-Unternehmerinnen in ihr Leitbild geschrieben. Aus erlebtem Mangel in der gegenwärtigen Wirtschaftswelt?
Impulswerkstatt statt Antithese
Als Antithese will Ellen Ehrich (58) ihren Verband nicht definiert wissen, sondern als Impulswerkstatt, in der Integrität, Nachhaltigkeit, Zuverlässigkeit, Ehrlichkeit und Maßhalten gelebt und gepflegt werden. Sind Männer dafür ungeeignet? "Darum geht es nicht", sagt Ellen Ehrich und nennt als Grund, aus dem die Hanse-Unternehmerinnen per Definition weiblich sind: "Tatsache ist, dass Frauen anders kommunizieren. Sie stellen Fragen. Männer behaupten. Und wo Männer viel Zeit und Energie verbrauchen, um eine Hackordnung aufzustellen, geht es Frauen viel eher um die Arbeit an einer Sache." Die Sache der Hanse-Unternehmerinnen ist es, Menschen, Kompetenzen und Können miteinander zu vernetzen - "ohne Machtstrukturen und ohne Positionierung", wie Ellen Ehrich noch einmal betont. "Und den Menschen zugewandt."
Noch sind die Hanse-Unternehmerinnen in der Findungsphase, heißt: An jedem zweiten Dienstag im Monat treffen sie sich zu Vortrag, Diskussion und Austausch. Gäste und neue Mitglieder sind nach Anmeldung (04502/8808580) willkommen. Der bisherige Zulauf hat auch die Initiatorin überrascht. "Bei uns sind Alter und Branchen querbeet vertreten", sagt sie und nimmt dies als Zeichen dafür, dass auch die moderne Geschäftswelt eben nicht bereit ist, sich dem schnellen Geldverdienen bedingungslos zu beugen.
"Wir selbst müssen Vorbilder sein"
"Integrität, Weitblick, Zuverlässigkeit, Ehrlichkeit und Maßhalten gehen im Alltag oft verloren. Aktuell und hilfreich sind sie dennoch nach wie vor." Vor allem geht es den Hanse-Unternehmerinnen darum, die bewährten Werte nicht nur nach außen, sondern auch in die eigenen Unternehmen hinein zu tragen. "Wir selbst müssen Vorbilder sein", sagt Ellen Ehrich. "Was nützt es, wenn Unternehmen ihre Leitbilder in Hochglanzbroschüren herausstellen, ihre Grundsätze im Innern aber nicht leben?" Streitkultur, Respekt vor Mitarbeitern und Kollegen, familienfreundliche Arbeitszeiten - "auch das gehört in einen Wertekatalog", sagt sie.
Dass der Wertekatalog nach der Findungsphase auch aus dem Netzwerk hinausgetragen werden soll, ist so gut wie sicher. "Ich kann mir vorstellen, projektbezogen mit IHK und Handwerkskammer zusammenzuarbeiten."
(lub, shz)

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen