Ausbildung : Handwerk sucht dringend Lehrlinge – 1000 offene Angebote

Betriebe hoffen, mit Flüchtlingen die Lehrstellen-Lücken zu schließen. Doch das gestaltet sich schwierig.

till_maj_0539 von
23. Juli 2015, 19:57 Uhr

Kiel | Eine Woche vor dem Beginn des neuen Ausbildungsjahres drohen Tausende Lehrstellen im Land frei zu bleiben. Vor allem das Handwerk sucht händeringend Auszubildende. Zum jetzigen Zeitpunkt verzeichnen die Handwerkskammern in Lübeck und Flensburg mit 4142 eingetragenen Lehrlingsverträgen ein Minus von 3,1 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitpunkt. Dabei boomt das Handwerk. Die Konjunktur befindet sich auf einem Rekordhoch. Doch der Nachwuchs wendet sich immer stärker ab. Allein zwischen 2009 und 2014 ging die Zahl der Lehrlinge von 6900 auf 6100 zurück, weil der Nachwuchs ausblieb. Das ist mehr als jede zehnte Stelle.

Bei den drei Industrie- und Handelskammern (IHK) im Land wurden zur Monatsmitte 7080 Ausbildungsverträge gezählt – ein Plus von 1,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das Minus im Handwerk gleicht dies aber nicht aus. Zudem drohen auch hier etliche Stellen unbesetzt zu bleiben. Schon 2014 galt das für jede dritte Lehrstelle. „Allein in der Lehrstellen-Börse gibt es noch über 1000 Angebote“, sagt der Ausbildungsexperte der IHK, Hans Joachim Beckers. Und das ist nur ein kleiner Ausschnitt. Die Ausbildungsbereitschaft der Betriebe ist hoch. Einer Umfrage zufolge wollen 82 Prozent der Betriebe im Land die Zahl ihrer Ausbildungsplätze unverändert lassen oder erhöhen.

Dass es an passenden Bewerbern fehlt, ist auch dem Wandel des Arbeitsmarktes geschuldet – vom Arbeitgeber- zum Arbeitnehmermarkt. „Die Situation auf dem Ausbildungsmarkt hat sich bei den Jugendlichen rumgesprochen“, sagt Beckers. Die Ansprüche mancher Schulabgänger seien gar nicht erfüllbar. Mehr als 6900 unversorgte Bewerber in Schleswig-Holstein zählte die Arbeitsagentur Ende Juni.

Lehrstellen mit Flüchtlingen zu besetzen, gestaltet sich für die Wirtschaft indes schwierig. 140 Flüchtlinge hat allein die Handwerkskammer Lübeck im vergangenen Jahr beraten. 35 befinden sich derzeit in Qualifizierungsmaßnahmen, um eine Ausbildung zu beginnen. Bei der Flensburger Handwerkskammer sind nur Einzelfälle bekannt. „Es ist ein zähes Geschäft, weil vieles an Sprachkenntnissen scheitert“, sagt IHK-Experte Beckers. Daneben blieben Rechtsunsicherheiten beim Aufenthaltsstatus bestehen. „Auf der Agenda der Flüchtlinge stehen primär Themen wie die Aufnahme, die Unterbringung, die Verteilung auf die Kommunen und das Erlangen von ersten Sprachkenntnissen“, betont Michael Thomas Fröhlich, Hauptgeschäftsführer des Unternehmensverbandes Nord. Sobald die Fragen zum Aufenthaltsstatus geklärt seien, würden die Unternehmen alles tun, um jungen Flüchtlingen Ausbildung und Arbeit zu ermöglichen.

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