Arbeitsmarkt : Hakan hat es bei Bewerbungen schwer

Fingierte Bewerbungen zeigen: Menschen mit türkischen Wurzeln haben weniger Chancen auf Ausbildung. Das fanden Wissenschaftler bei einer Untersuchung heraus.

till_maj_0539 von
27. März 2014, 07:37 Uhr

Kiel | Sie haben beide gute Noten, während eines Praktikums schon in den Beruf geschnuppert und machen bald denselben Abschluss – und doch wird der eine häufiger zu Bewerbungsgesprächen eingeladen als der andere. Der Grund liegt für die Autoren einer aktuellen Untersuchung auf der Hand: Der erfolgreichere Bewerber heißt Tim. Der Name des anderen ist hingegen Hakan. „Wir haben es in Deutschland mit einem ernsthaften Diskriminierungsproblem zu tun“, warnte Studienleiter Jan Schneider vom Forschungsbereich beim Sachverständigenrat Deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR). Am Mittwoch stellte die Einrichtung ihre Studie, die von der Robert-Bosch-Stiftung gefördert wurde, in Berlin vor.

Die Wissenschaftler wollten herausfinden, ob es für Jugendliche mit türkischem Namen schwieriger ist, einen Ausbildungsplatz zu finden, als für Jugendliche mit deutschem Namen. Sie verschickten mehr als 3500 Bewerbungen an gut 1750 Unternehmen. Jede Firma bekam zwei Versionen: Ein Jugendlicher hatte einen türkischen, der andere einen deutschen Namen.

Außerdem beschränkten sich die Forscher auf zwei Berufe: Automechaniker und Bankkaufmann. Für den Büro-Job erfanden sie die Bewerber Lukas Heumann und Ahmet Aydin. Für die Mechaniker-Stellen schickten sie Tim Schultheiß und Hakan Yilmaz ins Rennen.

Das Ergebnis: Automechaniker Hakan musste sieben Bewerbungen verschicken, bis er zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen wurde – bei seinem Konkurrenten Tim waren es nur vier. Bürokaufmann Lukas erhielt nach sechs Bewerbungen eine Einladung, Ahmet nach sieben. Dabei bringen Lukas und Ahmet beziehungsweise Tim und Hakan dieselben Voraussetzungen mit. Sie sind 16 Jahre alt, deutsche Staatsangehörige, machen demnächst den Realschulabschluss und können ein Praktikum in der jeweiligen Branche vorweisen. Die Anschreiben waren nicht vollkommen identisch, aber gemeinsam mit Berufsberatern so formuliert, dass kein Bewerber einen erkennbaren Vorteil hatte. „Die Studie belegt: Menschen mit Migrationshintergrund werden auf dem deutschen Arbeitsmarkt nachweislich benachteiligt“, resümiert die Leiterin des Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS), Christine Lüders. Die Autoren der Studie befürworten daher die anonyme Bewerbung. Sie sei ein sehr gutes Mittel gegen Benachteiligung, betont auch ADS-Leiterin Lüders. Bereits 2011 testeten acht Arbeitgeber, darunter Deutsche Post und Telekom, in einem Pilotprojekt der ADS diese Art von Bewerbung. Die Anschreiben und Lebensläufe enthielten keine Fotos oder Angaben wie Name, Alter, Geschlecht. So sollte verhindert werden, dass Ausländer, Alte und Mütter kleiner Kinder vorzeitig ausschieden.

Die Industrie- und Handelskammer Schleswig-Holstein in Kiel gibt zudem zu bedenken, dass Unternehmen sich so ein Verhalten kaum leisten können. „Sollte es ein derartiges Verhalten in der Wirtschaft je gegeben haben, gehört es spätestens in Zeiten des Fachkräftemangels der Vergangenheit an“, so Michael Legband, Pressesprecher der IHK Schleswig-Holstein auf sh:z-Anfrage.

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