Ausbringen bei Frost : Gülle-Problem: Nabu warnt schon jetzt vor Algen-Drama im Sommer

Den Bauern steht nicht nur das Wasser, sondern auch die Gülle bis zum Hals.

Den Bauern steht nicht nur das Wasser, sondern auch die Gülle bis zum Hals.

Umweltschützer schlagen Alarm: Sie erwarten eine Verschlechterung der Wasserqualität.

shz.de von
09. Februar 2018, 09:51 Uhr

„Die Quittung kommt im Sommer“, ist Ingo Ludwichowski vom Nabu Schleswig-Holstein überzeugt. „Dann werden wir eine Algenblüte auf unseren Seen erleben, wie nie zuvor.“ Weil Bauern derzeit überall im Land große Mengen Gülle auf gefrorene Böden spritzen, komme es zu einer Abschwemmung in benachbarte Gräben oder Fließgewässer. „Wir erwarten eine dramatische Verschlechterung der Wasserqualität“, so Ludwichowski am Donnerstag.

Sein Telefon stehe nicht still. Besorgte Bürger wollten wissen, ob die wassergesättigten Böden die Gülle bei Tauwetter aufnehmen können und ob die rechtlichen Voraussetzungen für die Düngung angesichts der aktuellen Wetterlage erfüllt sind. Seine Antwort: „Bei Temperaturen von minus 8 bis minus 11 Grad ist es relativ unwahrscheinlich.“ Daran änderten auch ein paar Sonnenstrahlen wenig.

Allerdings bestehe die Düngeverordnung „aus Gummiparagrafen“, und es sei schwierig, „eine gerichtsfeste Nachweiskette vorzulegen“. Er bedauert, dass „Teile der schleswig-holsteinischen Bauernschaft angesichts der drohenden Gefahren für Oberflächen- und Grundwasser den gesellschaftlichen Konsens für den Naturschutz aufgekündigt haben“.

Im Video sehen Sie, wie die Bauern mit den schlechten Wetterverhältnissen kämpfen:

 

Frostprognosen sprechen gegen Güllefahrten

Das Ministerium in Mecklenburg-Vorpommern warnt seine Landwirte trotz Ende der Sperrfrist (1. Februar), Gülle auf die tief gefrorenen Böden auszubringen. Und was sagt das Kieler Habeck-Ministerium? Es verweist auf die Frostprognosen des Deutschen Wetterdienstes. „Ohne weitere Prüfung kann generell nicht von einer landesweiten unerlaubten Gülleausbringung die Rede sein“, teilt die Sprecherin des Umweltministeriums mit.

Ein Blick auf den Wetterdienst für die Landwirte zeigt: Nur für fünf der landesweit 25 Messpunkte wurde am Donnerstag die gesetzlich vorgeschriebene Auftauschicht prognostiziert. Rund um Padenstedt, Elbersbüttel, Ostenfeld, St. Peter-Ording und Leck durften sich die Güllespritzer in Bewegung setzen. Für Freitag sind die Prognosen noch eisiger. Einzig rund um Erfde im Südwesten des Kreises Schleswig-Flensburg ist Düngen erlaubt – überall sonst ist es zu kalt.

Bei aller Kritik an den Bauern: Auch die Naturschützer vom Nabu wissen, dass Landwirte unter Druck stehen. Wegen des nassen Winters sind die Güllebehälter voll bis zum Überlaufen. Der Frost kommt ihnen trotz der damit verbundenen gesetzlichen Restriktionen sogar wie gerufen: Die Schäden, die Trecker samt Güllefass auf gefrorenen Äckern verursachen, halten sich in nämlich Grenzen. Acht Tonnen Ladung hat so ein Güllefass, da kann man sich den Druck, der selbst bei breiten Ballonreifen auf das Erdreich ausgeübt wird, leicht ausrechnen. Ohne Frost würden die Maschinen im Morast  versinken.    

Landwirtschaftskammer mahnt richtigen Umgang mit Gülle an

Dennoch: „Die vollen Güllebehälter sind kein Freibrief“ betont Dietrich Pritschau, Vizechef des Bauernverbandes in Rendsburg. Und auch die Landwirtschaftskammer mahnt. „Der Boden muss durch Auftauen aufnahmefähig  sein, ein Abschwemmen in oberirdische Gewässer oder auf benachbarte Flächen ist nicht zulässig, und der Boden muss eine Pflanzendecke tragen oder Grünland sein“, fasst Kammersprecherin Daniela Rixen die Bedingungen zusammen.  

Pritschau ist jedoch überzeugt, „dass die Mehrheit der Landwirte diese Regeln einhält – so wie sich auch die Mehrheit der Autofahrer an die Straßenverkehrsordnung hält“. Die Bodenfrost-Prognosen des Deutschen Wetterdienstes seien allerdings nur Anhaltspunkte. „Wenn es vor Ort taut, ist Güllefahren erlaubt.“

Für Kontrollen ist das Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume in Flintbek bei Kiel zuständig. Dass die Behörde alle Güllesünder stellt, hält Umweltschützer Ingo Ludwichowski für unrealistisch. Ohnehin gelte  Schleswig-Holstein „als Gülle-Dumpingland“. Nicht umsonst würden Unternehmen aus Dänemark und Holland – wo längst Konsequenzen wegen der  immensen Kollateralschäden der Gülledüngung gezogen wurden – jetzt  ihre Tierhaltung ins Ausland verlegen.

Die Naturschützer hoffen, dass die EU –„da hängt letztlich der Hammer“ –  die Düngeverordnung zügig verschärft. Schon jetzt riskierten Bauern, die widerrechtlich Gülle auf gefroren en Boden ausbringen, eine Kürzung  von  EU-Subventionen.  
 

Tierhaltung reduzieren

Ein Kommentar von Margret Kiosz

Vielen Bauern steht die Gülle bis zum Hals. Sie haben nur die Wahl zwischen Hölle und Fegefeuer: Entweder sie ersticken in ihrer Jauche oder spritzen den Mist rechtswidrig auf gefrorene Äcker. Das Dilemma zeigt, dass wir uns zu lange um die Wahrheit gedrückt haben. Der Norden kann sich nur so viel Tierhaltung leisten, wie die Natur erträgt. Die Konzentration von Schweine- und Geflügelmast auf dem Geestrücken ist fatal. Es muss nicht nur die Notbremse gezogen, sondern reduziert werden. Gerade jetzt, wo die Situation eskaliert, braucht Schleswig-Holstein einen starken, durchsetzungsfähigen Landwirtschaftsminister. Jemand, der auf fremden Hochzeiten tanzt und nur noch halbherzig da ist, schadet dem Land –  nachhaltig.
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