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Lebensmittel aus SH : Fleisch: Fast jede vierte Probe ist mangelhaft

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Kontrolleure schauen nur selten hin: In der gesamten Nahrungsmittelbranche werden nur 34 Prozent der Betriebe vor Ort geprüft.

Es hat bisher keine tödlichen Ausmaße angenommen wie beim Skandal um listerienverseuchte Wurst in Dänemark – doch auch in Schleswig-Holstein liegt bei Fleisch, Fleischerzeugnissen und Wurstwaren nach neuesten Statistiken manches im Argen. Bei den Proben aus dieser Warenpalette hat das Landeslabor Schleswig-Holstein 2013 eine Beanstandungsquote von 22,4 Prozent verzeichnet. Die bisher noch unveröffentlichte Zahl teilte das Agrarministerium in Kiel auf Anfrage des sh:z mit.

„Wenn es bei fast einem Viertel der Fälle Mängel gibt, ist das ganz schön viel“, kritisiert Gudrun Köster, Lebensmittelexpertin der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein. „Da ist im Hygiene-Management reichlich Luft nach oben.“ Mit einer Mängelquote von 22,4 Prozent bei Fleisch und Wurst liege das Land zwischen den Meeren um 6,5 Punkte über dem Bundesdurchschnitt von 15,9 Prozent. Was Köster besonders empört: Es handele sich in der Regel um Verstöße sehenden Auges. „Die Firmen wissen ja, was sie zu tun und zu lassen haben. Alle diese Mängel müssten nicht sein, wenn die Unternehmen die Vorschriften einhalten würden.“

Insgesamt hat das Landeslabor in Neumünster im vergangenen Jahr 1624 Proben von Fleisch, Fleisch- und Wurstprodukten untersucht. 363 davon entsprachen nicht den Vorschriften. Von 455 Fleischproben wurden 106 beanstandet. 48-mal waren sie mikrobiologisch so stark verunreinigt, dass das Fleisch als gesundheitsschädlich eingestuft wurde. 18 weitere Fleischproben wiesen noch so hohe Belastungswerte auf, dass sie in die ebenfalls kritische Kategorie „nicht zum Verzehr geeignet“ fielen.

Bei aus Fleisch hergestellten Erzeugnissen (ohne Wurst) führen irreführende Produktangaben die Hitliste der Verstöße an. Solche wurden hier 42-mal registriert. 41-mal waren Produkte aus Fleisch mikrobiologisch leicht überhöht belastet, 20-mal in gesundheitsgefährdendem Maße, viermal so sehr, dass sie sich nicht zum Verzehr eigneten. Unterm Strich listet das Landeslabor bei 627 Proben von Fleischerzeugnissen 149 Verstöße auf.

Etwas anders das Bild bei der gesondert erfassten Wurst: Von 542 Wurstwaren beanstandete das Labor 108. Weil die Herstellung hier oft mit großer Hitze einhergeht, spielt Keimbefall eine untergeordnete Rolle. Bei fünf Proben war die Wurst regelrecht gesundheitsschädlich, bei sieben Proben nicht zum Verzehr geeignet. Die meisten Mängel gab es bei der Wurst, weil die Hersteller gegen Kennzeichnungsvorschriften verstießen – also nicht transparent machten, was das Produkt alles enthält. Auf Rang zwei der Beanstandungen bei der Wurst folgt mit 23 Proben die Kategorie Nachgemacht/Wertgemindert/Geschönt. Auf Rang drei der Mängel stehen mit 19 Fällen irreführende Angaben.

Laut Ministeriumssprecherin Nicola Kabel liegen die Beanstandungsquoten 2013 „im Schwankungsbereich der letzten Jahre“. Gegenüber 2012 gebe es leichte Rückgänge – über die letzten fünf Jahre gesehen, seien die Beanstandungen hingegen „leicht ansteigend“. Die Sprecherin weist darauf hin, dass die in der Statistik erfassten amtlichen Proben durch Lebensmittelkontrolleure und Veterinäre nicht die einzigen sind. Darüber hinaus müssen die Unternehmen „im Rahmen ihrer Sorgfaltspflicht“ Eigenkontrollen organisieren. Dazu schalten sie laufend private Labore ein. Denn nach den Grundsätzen des europäischen Lebensmittelrechts, erklärt das Ministerium den Grundgedanken des Systems, tragen die Firmen die Verantwortung für die Sicherheit ihrer Erzeugnisse. „Der amtlichen Kontrolle“, so Kabel, „kommt eine Stichprobenfunktion hinsichtlich der Wahrnehmung der Unternehmerverantwortung zu.“ Zahlenmäßig werden die Eigenkontrollen nicht erfasst. Lediglich, wie die Betriebe die Eigenkontrollen dokumentieren, nehmen staatliche Stellen unter die Lupe, wenn sie zu Betriebskontrollen durchs Land reisen.

Kontrollbesuche der Behörden in Betrieben sind, neben den Proben von Waren, die zweite Überwachungsschiene. Zu 24.688 solcher Visiten rückten Lebensmittelkontrolleure und Veterinäre in Schleswig-Holstein 2013 innerhalb der gesamten Nahrungsmittelbranche aus. Fleisch- und Wurstbetriebe sind in dieser Übersicht nicht gesondert erfasst. Bei den Betriebskontrollen ergab sich 2013 eine Beanstandungsquote von 28,8 Prozent. Verbraucherschützerin Köster befürchtet eine hohe Dunkelziffer. Denn die Tester nahmen von 42.194 in Frage kommenden Betrieben nur 14.388 in Augenschein. Das entspricht 34,1 Prozent. Wie häufig eine Firma Besuch von den Kontrolleuren erhält, richtet sich danach, in welche Risiko-Kategorie sie die Behörden eingruppieren. Die hängt ab von der Betriebsart, davon, ob der Unternehmer in der Vergangenheit auffällig geworden ist, vom Hygienemanagement und der Dokumentation der Eigenkontrollen.

Von den landwirtschaftlichen Betrieben wurden 2013 nur 1,8 Prozent durchleuchtet. Am entgegengesetzten Ende der Skala steht die Gastronomie: Dort suchten die Kontrolleure die Hälfte aller Betriebe auf. Von den Herstellern und Abpackern erhielten 47,3 Prozent mindestens einen Besuch, von den Einzelhändlern 42,8 Prozent, von Vertriebsunternehmen und Transporteuren 18 Prozent. Die höchste Beanstandungsquote bei den Betriebskontrollen ergab sich in der Gastronomie (31,1 Prozent). Bei Herstellern und Abpackern liegt sie bei 27,2 Prozent, in der Landwirtschaft – der weitaus niedrigste Wert – bei 10,6 Prozent. Bei der Art der Verstöße dominieren solche gegen die Hygiene: Sie machen 82 Prozent davon aus.

Lebensmittelkontrolleure sind in Schleswig-Holstein ausschließlich bei den Kreisen und kreisfreien Städten beschäftigt. Nach Angaben ihres Landesverbands sind es derzeit „65 bis 70 Personen“. Ihre Zahl stagniere seit Jahren, sagt Vorsitzender Eckhard Beckmann. „Wenn wir die Standards zu 100 Prozent erfüllen sollen, bräuchten wir mindestens zehn Prozent mehr Personal.“

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erstellt am 20.Aug.2014 | 19:43 Uhr

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