zur Navigation springen

600 Arbeitsplätze : Fehmarnbelt wird zum Jobmotor

vom

Die Arbeitsagentur sieht beim Bau des Tunnels gute Chancen für mehr als die 600 Arbeitsplätze. Die sind für die deutsche Seite vorhergesagt. Ziel ist eine einheitliche Hotline, über die deutsche und dänische Arbeitskräfte vermittelt werden.

shz.de von
erstellt am 30.Dez.2013 | 10:47 Uhr

Fehmarn | Der erste Spatenstich findet zwar frühestens 2015 statt. Doch bereits jetzt geht es darum, dass der deutsche Arbeitsmarkt so viel wie möglich vom Bau des Fehmarnbelttunnels profitiert. Die Arbeitsagentur Lübeck bereitet dazu mit der Arbeitsverwaltung im dänischen Lolland einen Kooperationsvertrag vor. Ziel ist es, den vier internationalen Konsortien, die die größten Aufträge erhalten werden, und weiteren Auftragnehmern regionale Arbeitskräfte aus einer Hand zu vermitteln. „Ich glaube, dass wir von der Bauphase auch auf der deutschen Seite sehr, sehr profitieren werden“, sagte der Geschäftsführer der Lübecker BA, Markus Dusch. Ziel sei eine einheitliche Hotline, an die sich Unternehmer wenden können – und über die dann Fachleute sowohl aus Dänemark als auch Deutschland rekrutiert werden.

Dusch sieht darin eine Chance, dass der Job-Effekt des Jahrhundertprojekts diesseits des Fehmarnbelts noch größer sein könnte als von der Planungsgesellschaft Femern A/S direkt beziffert. Die nimmt auf Grund eines Gutachtens des Forschungsinstituts Copenhagen Economics an: Dänemark darf während der Bauphase auf 3500 bis 4000 Arbeitsplätze hoffen, Deutschland auf 500 bis 600. Der dänische Vorsprung liegt vor allem an der arbeitskräfteintensiven Fabrik für die Betonelemente des Absenktunnels in Rødbyhavn. Dusch stellt klar: Mit der Aufteilung der Zahlen sei überhaupt nicht gesagt, dass nicht auch ein Teil des Job-Kontingents der dänischen Seite mit Deutschen oder anderen Nationalitäten besetzt werde.

„Ich kann mir durchaus vorstellen, dass man auch bei der Vergabe von Arbeitsplätzen in Dänemark auf Deutsche zukommt“, glaubt auch der Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Lübeck, Andreas Katschke. Gerade der nahe Einzugsbereich dänischerseits auf Lolland, Falster und Südseeland biete auf Grund von Bevölkerungsschwund und Strukturschwäche kein unendliches Potenzial an Beschäftigten. Es sei erst wenige Jahre her, dass im dänischen Handwerk – auch damals schon zum Vorteil deutscher Grenzpendler – ein großer Fachkräftemangel geherrscht habe. Der ist zwar rezessionsbedingt zurückgegangen, könnte sich aber bald erneut abzeichnen: Nach Angaben der deutschen Handelskammer in Kopenhagen erwartet die dänische Wirtschaft für 2014 nach fünf Jahren Rezession erstmals wieder ein Wachstum der Wirtschaft um 1,5 Prozent.

Allerdings ruft Katschke das schleswig-holsteinische Handwerk auf, im Hinblick auf Aufträge am Fehmarnbelt wacher zu sein. „Ich befürchte, dass sich die Betriebe alles in allem noch nicht genug darauf eingestellt haben.“ Gerade im Bereich von Elektro, Sanitär, Heizung, Klima, Abwasser, Licht und Brandschutz machen Handwerkskammer und Arbeitsagentur in Lübeck Chancen für Firmen aus Schleswig-Holstein aus.

Diese Kompetenzen sind bei einer Ausschreibung gefragt, die Femern A/S gerade im Amtsblatt der Europäischen Union angekündigt hat. Dabei geht es um die elektrischen und mechanischen Anlagen im Tunnelinnern. Volumen: etwa 200 Millionen Euro. Am 21. Januar können sich Interessenten bei einem Branchentag in Kopenhagen einen Überblick über Art und Inhalt dieser Arbeiten verschaffen.

Ob dieser oder andere Aufträge rund um den Tunnel: „Um die sich bietenden Chancen zu nutzen, sollten regionale Unternehmer bereits jetzt aktiv werden“, appelliert der Vorstandsvorsitzende von Femern A/S, Claus F. Baunkjær. „Der Tunnel wird die Wirtschaft auf beiden Seiten des Fehmarnbelts ankurbeln.“ Sein Haus hat unmittelbar vor Weihnachten einen Leitfaden für Subunternehmer herausgegeben, die sich als Partner bei den vier Haupt-Konsortien bewerben wollen. Insbesondere geht es dabei um Stahlbau- und Schweißarbeiten, die Lieferung von maritimer Ausrüstung oder Dienstleistungen wie Bewachung oder Catering. „Wir gehen davon aus, dass die Konsortien bereits in der Angebotsphase untersuchen, welche Aufgaben sich bei den kleineren und mittelgroßen Unternehmen einkaufen lassen“, sagt Steen Lykke, Technischer Direktor von Femern A/S. Die Gesellschaft will im Frühjahr eine Internetseite freischalten, die als Marktplatz fungiert. Subunternehmer können dort ihr Angebot beschreiben. Sobald bei den Konsortien ein Bedarf entsteht, haben sie Gelegenheit, sich dort einen Partner zu angeln.

Für die Befürchtung, Arbeitskräfte aus China oder anderen Billiglohnländern könnten westlichen Konkurrenten die Jobs am Fehmarnbelt streitig machen, sieht Femern A/S-Sprecher Obina van Capelleveen keinen Raum. „Es gibt dafür keine Motivation.“ Denn die Auftragsvergabe mache zur Bedingung, das dänische beziehungsweise deutsche Lohnniveau einzuhalten – also auch den deutschen Mindestlohn, wie er nun kommen soll.

Unter den neun Konsortien von Bauunternehmern, die um die dicken Fische unter den Aufträgen wetteifern, befinden sich keine Chinesen. Sieben stammen aus Europa, einer aus den USA und ein Anbieter aus Südkorea. Arbeitsagentur-Mann Dusch wundert das nicht: „Ich glaube nicht, dass es günstiger ist, jemanden von der anderen Seite der Erdhalbkugel hierherzubringen, drei Jahre zu beherbergen und zu verpflegen als europäische Arbeitskräfte zu nehmen.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen