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Biogas : Es muss nicht immer Mais sein

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Forscher und Landwirte suchen nach neuen Energiepflanzen, um Biogas ökologischer zu produzieren - doch noch sind die Hürden hoch.

shz.de von
erstellt am 02.Mai.2013 | 01:30 Uhr

Niebüll/Rendsburg | Es ist ein Feld-Versuch. Mit einer alten Kohlpflanzmaschine werden in Sprakebüll (Kreis Nordfriesland) 70.000 Sätzlinge einer Pflanze bestellt, die womöglich eines Tages dem Mais Konkurrenz machen kann. Diese Hoffnung treibt zumindest die Biogasbetreiber Finn Johannsen und Christian Andresen beim Anbau der "Durchwachsenen Silphie" an. Gut 2,3 Hektar hat Johannsen für die Pflanze reserviert - eine Fläche, die sich zunächst geradezu winzig ausnimmt angesichts der 340 Hektar, auf denen er Mais für seine Biogas-Anlagen wachsen lässt. Allerdings ist der Versuch auch alles andere als günstig. 5000 bis 6000 Euro müssen für die Bepflanzung eines Hektars mit Silphie ausgegeben werden, erzählt Johannsen. Zum Vergleich: Gerade einmal 1000 Euro seien es ihm zufolge für den Hektar Mais. Anders als der Mais kann die bis zu drei Meter hohe Energiepflanze aber, erst einmal gepflanzt, 15 Jahre in Folge geerntet werden. Zudem gilt sie als recht anspruchslos und soll durch eine Durchwurzelung des Bodens der Erosion entgegenwirken. Und so steht Finn Johannsen dem Silphie-Anbau dann derzeit auch noch optimistisch gegenüber: "Das ist ja eine gute Alternative zum Mais, wenn das alles so funktioniert, wie einige sagen."

Doch eben dies ist die bislang ungelöste Frage hinter dem Versuch in Sprakebüll: Denn wie ertragreich Silphie und andere Energiepflanzen wirklich sind, ist unter Experten umstritten. Während die Thüringer Landesanstalt für Landwirtschaft ab dem zweiten Anbaujahr einen Trockenmasse-Ertrag von 130 bis 180 Dezitonnen (dt) pro Hektar und damit das Niveau von Silomais erreicht, fallen die Zahlen auf einem Testfeld bei Schuby nach Unterlagen des Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein mit gerade einmal 89,8 dt deutlich hinter den Mais als Vergleichsgröße mit 150 dt zurück.

Ähnlich klaffen die Ergebnisse beim Energiegras Szarvasi auseinander, das Johannsen ebenfalls seit einem Jahr auf fünf Hektar anbaut. Während der Trockenmasse-Ertrag mit 58,31 dt auf dem Testfeld in Schuby gerade einmal auf knapp ein Drittel der Mais-Ergebnisse kommt, sind aus Versuchen im brandenburgischen Triesdorf Mengen von Trockenmasse bekannt, die diese deutlich übersteigen.

Jens Dauber forscht seit Längerem mit Silphie. Die unterschiedlichen Studienergebnisse führt der Wissenschaftler am Thünen-Institut für Biodiversität in Braunschweig vor allem darauf zurück, dass faire Vergleiche bislang noch fehlten. "Meistens ist es so, dass der Landwirt irgendeine Restfläche nimmt", beschreibt der Forscher das Dilemma. Auf dieser Fläche würden dann Energiepflanzen angebaut, während der Mais von besseren Böden profitiere. Entsprechend fielen später auch die Erträge aus. Dies müsse aus Daubers Sicht beim Betrachten der Zahlen immer berücksichtigt werden. "Das Potenzial der Silphie als Energiepflanze ist relativ gut", ist sich Dauber sicher. Das Problem sei jetzt für den Landwirt, dass die Anfangskosten recht hoch seien, zudem fehle die Erfahrung im Umgang mit der Pflanze. "Da ist auch ein gewisser Vorlauf gefragt", so der Forscher. Erschwerend komme hinzu, dass sich die aus Amerika stammende Pflanze bislang nicht säen lasse.

In Kiel sind die Wissenschaftler weitaus skeptischer. Professor Friedhelm Tauber von der Kieler Christian-Albrechts-Universität (CAU) betont, dass wohl 15 bis 20 Jahre ins Land gingen, bevor eine Energiepflanze wie Silphie überhaupt zu einer ertragreichen Pflanze hochgezüchtet wäre. Der Experte für Grünland und Futterbau verweist in diesem Zusammenhang darauf, dass Mais bereits seit rund 40 Jahren weltweit gezielt gezüchtet werde - und Jahr für Jahr bei den Erträgen zulege. "Das Problem ist halt, dass Mais auf den sandigen Böden der Geest konkurrenzlos günstig angebaut werden kann", sagt Taube. Die Notwendigkeit einer neuen Superpflanze, die diesen Triumphzug des Mais’ und die Vermaisung stoppen könnte, sieht der Wissenschaftler auch nicht so recht. "Wenn man das Thema Vermaisung seriös diskutieren möchte, müsste man erst einmal von einer Verweizung ausgehen", sagt er stattdessen. Schließlich habe der Weizen im Laufe der vergangenen Jahre viele andere Getreide arten in Norddeutschland verdrängt. Anders als der Mais sei das für viele Menschen aber nicht so augenfällig.

Statt auf neue Energiepflanzen zu hoffen, müsse es ihm zufolge künftig wohl eher darum gehen, bessere Anbausysteme zu entwickeln - unter anderem indem Zwischenfrüchte gepflanzt werden. Die Kenntnisse hierfür seien bereits auf dem Tisch. "Womöglich ist da mehr Druck notwendig, um diese auch stärker umzusetzen."

Beim Naturschutzbund Schleswig-Holstein (Nabu) ist man mit Blick auf Energiepflanzen indes insgesamt skeptisch. Die negativen Effekte des Maisanbaus würden, erklärt Nabu-Sprecher Ingo Ludwichowski, auch mit anderen Energiepflanzen nicht gemindert. Zudem sei stets zu befürchten, dass der Ertrag auf der Fläche geringer sei, es also zu noch mehr Grünlandumbruch und ähnlichem käme. "Wir halten die Anpflanzung von Energiepflanzen grundsätzlich für verkehrt", so Ludwichowski weiter. "Biomasse, ja - aber nur mit Reststoffen."

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