Planung und Umsetzung : Erst die Netze - dann der Wind?

Energiewende: eine Frage des Timings und der Ausdauer. Foto: Grafikfoto.de
Energiewende: eine Frage des Timings und der Ausdauer. Foto: Grafikfoto.de

Damit die Energiewende gelingen kann, muss das Stromnetz nicht nur um- und ausgebaut werden - das alles muss auch zur richtigen Zeit am rechten Ort geschehen.

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12. September 2012, 11:05 Uhr

Am 8. Mai 2011 bläst der Wind ordentlich. Die Windkraftanlagen im Land drehen sich auf Hochtouren. Vom Umspannwerk in Breklum (Nordfriesland) aus fließt jede Menge Energie ins Stromnetz. Gegen Mittag ist die Verbrauchsspitze überschritten, die Nachfrage nach Strom sinkt. Schrittweise werden auch die angeschlossenen Anlagen abgeregelt, damit das Netz nicht überlastet wird. Irgendwann stehen die Windräder still. Der Wind jedoch bläst weiter.
Alte Netze - alte Logik
"Wir müssen von dem Problem wegkommen, dass vorhandene Energie einfach nicht genutzt werden kann", sagt Clemens Jauch, Professor am Institut für Windenergietechnik an der Fachhochschule Flensburg. Das Stromnetz sei nicht dafür ausgelegt, den von Wind-, Biomasse- oder Photovoltaikanlagen erzeugten Strom zu verarbeiten. Das hat historische Gründe.
Ursprünglich kannte das Netz nur eine Richtung: Von den Kraftwerken ausgehend verteilte es den Strom auf die Steckdosen im Land. Ähnlich dem Straßennetz verästelten sich die Leitungen dabei, wurden immer dünner, je weiter es in abgelegene Regionen ging. Mittlerweile hat sich die Erzeugungsstruktur geändert. Windparks, Solar- oder Biomasseanlagen sind vor allem im ländlichen Raum entstanden. Viele lokale Erzeuger sind ans Netz angeschlossen. Von hier muss die erzeugte Energie nun abtransportiert werden. "Dafür ist das Netz ungeeignet", erklärt Jauch.
"Zu viel Wind für zu wenige Leitungen"
Allein in Schleswig-Holstein passten im Jahr 2009 etwa 50 Millionen Kilowattstunden Windstrom nicht mehr ins Hochspannungsnetz. Die installierte Leistung aus erneuerbaren Energien beträgt im Netz der Schleswig-Holstein Netz AG über 4000 Megawatt . Die kann theoretisch abgerufen werden - wenn die Sonne scheint und Windstärke 6 herrscht. Im Durchschnitt werden 1000 bis 1500 Megawatt verbraucht. Da auch nicht eingespeister Windstrom trotzdem vergütet werden musste, wurden im Jahr 2011 zudem 20 Millionen Euro ausgezahlt, obwohl der Strom gar nicht gebraucht werden konnte.
Gleichzeitig soll in Schleswig-Holstein auf neuen Windeignungsflächen in den kommenden Jahren sogar noch mehr Windenergie erzeugt werden. Wie das Dilemma "zu viel Wind für zu wenige Leitungen" gelöst werden soll, darüber scheiden sich die Geister.
Stagnierender Netzausbau soll forciert werden
Der notwendige Ausbau der Netze verzögert sich, weil für die Netzbetreiber die Finanzierung der großen neuen Trassen nicht geklärt ist und weil sich die Planungsverfahren für solche Großprojekte bis zu zehn Jahre hinziehen. Die Netzbetreiber und der Geschäftsführer des Schleswig-Holsteinischen Landkreistages, Jan-Christian Erps, sind daher der Ansicht, mit weiteren Windparks müsse gewartet werden, bis die Netze soweit sind. "Alles andere wäre volkswirtschaftlicher Unsinn, weil dann die Eigner der neuen Windparks jahrelang vom Verbraucher für Strom bezahlt werden, der gar nicht eingespeist werden kann." In Schleswig-Holstein könnten das im Jahr 2015 bis zu 300 Millionen Euro sein, rechnet Erps vor.Nach dem plötzlichen Atomausstieg habe die Planungssicherheit für alle Beteiligten, auch für die Netzbetreiber gefehlt. Das müsse die Landesregierung nun nachholen.
Der neue Energieminister Robert Habeck (Grüne) möchte den Ausbau der Windenergie trotzdem ohne Verzögerung vollziehen. "Die Netzbetreiber sind ihrer gesetzlichen Verpflichtung, den Strom aus erneuerbaren Energien abzunehmen nicht nachgekommen - für diese Schlafmützigkeit wollen wir sie nicht auch noch belohnen." Habeck hält es daher für das falsche Signal, mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien zu warten, vielmehr müsse nun entsprechend Druck gemacht werden, damit der Leitungsbau schnell geschehe. "In Schleswig-Holstein sind die Netzbetreiber in dieser Hinsicht sehr kooperativ", so der Minister.

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