Dramatische Entwicklung : Ernteschäden: Gänse bringen Bauern in SH in Not

Kämpft auf verlorenem Posten: Der Amrumer Landwirt Irk Martinen.
Kämpft auf verlorenem Posten: Der Amrumer Landwirt Irk Martinen.

In Schleswig-Holstein sind 350 Betriebe mit 18.000 Hektar betroffen. Landwirte fordern eine Entschädigung. Einige Bauern sollen vor dem Ruin stehen.

shz.de von
27. Juli 2015, 20:26 Uhr

In Schleswig-Holstein gibt es immer mehr Gänse – die zunehmend schwere Ernteschäden verursachen. Dies geht aus Daten des Landes und des Bauernverbands hervor. Allein die Zahl der hier rastenden Nonnengänse stieg nach Auskunft des Umweltministeriums zwischen 2005 und 2013 von 100.000 auf 135.000 an. Im gleichen Zeitraum nahm die Zahl der Graugänse von 27.000 auf 35.000 zu, deren Brutbestand erhöhte sich zwischen 2005 und 2010 um 1800 Paare auf 6300 Paare.

Die Kehrseite der Medaille: Laut einer Erhebung des Bauernverbands von Herbst 2014 bis Frühjahr 2015 waren im besagten Zeitraum 350 Betriebe von Fraßschäden durch Gänse betroffen, die gesamte Schadensfläche betrug rund 18.000 Hektar. Davon entfielen rund 8000 Hektar auf den Kreis Nordfriesland sowie 3100 Hektar auf Dithmarschen, auch Steinburg (2500) und Ostholstein (1800) sind betroffen.

Von einer dramatischen Entwicklung spricht Wolfgang Stapelfeld, Vorstandsmitglied des Bauernverbands. Es gehe nicht nur um die Schädigung der Ackerpflanzen, sondern auch um eine übermäßige Verkotung von Weideflächen und dadurch die Gefahr der Übertragung von Krankheiten auf Tierbestände. „Der Druck ist so massiv, wir haben eine absolute Notsituation, den Landwirten muss geholfen werden“, so Stapelfeld. Einige Bauern stünden vor dem Ruin.

Janine Bruser vom Schafzuchtverband kennt „Betriebe an der Nordseeküste, die kurz vor dem Verzweifeln sind“. Es gebe jedes Frühjahr mehr Deichabschnitte, die von Gänsen leergefressen sind und nicht genutzt werden könnten. Verlängerte Stallhaltung oder Transport zu Ausgleichsflächen bringe Umstände und Kosten mit sich. „Mit den Schafen machen wir den Deich überhaupt erst sicher“, so Bruser. „Sie treten deren Oberfläche fest und stärken über den Verbiss die Grasnarbe.“

Man nehme die Sorgen sehr ernst, heißt es aus dem Kieler Umweltministerium. Etwa durch die Optimierung der Jagdmöglichkeiten, das Angebot des kostenlosen Ausweichens auf landeseigene Grünflächen sowie die Option per Vertragsnaturschutz Vergütungen für die Duldung der Gänse zu bekommen, habe man reagiert. Die Bauern sollten robustere Sorten anbauen und noch mehr auf Vergrämung setzen.

„Eine Bejagung der Gänse ist aufgrund der riesigen Population ebenso sinnlos wie Vergrämung“, sagt Wolfgang Stapelfeld. Er fordert vom Land eine Bewirtschaftung von Naturschutzflächen in Problemzonen, um die Gänse dorthin zu locken und den Druck auf die Bauern zu mindern. Zudem müsse es angemessene Entschädigungen geben. Das sieht Tobias Langguth vom Bund für Umwelt und Naturschutz genauso. „Der Schutz der Gänse ist gewollt. Dann müssen wir auch denen helfen, die dadurch benachteiligt sind.“
 

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