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Marco-Hahn-Prozess : Ein Hauptzeuge mit tiefen Erinnerungslücken

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Es geht um Millionen-Deals mit Aktien, um möglichen Betrug und spitze Anfeindungen: Der Flensburger Investor Marco Hahn muss sich vor Gericht verantworten.

shz.de von
erstellt am 19.Mär.2015 | 07:21 Uhr

Kiel | Eines wird an diesem Vormittag klar: Freunde werden diese beiden Herren nicht mehr. Als Dirk Kessemeier und Marco Hahn sich gestern im Saal 126 des Kieler Landgerichts begegnen, würdigen sie sich zunächst keines Blickes. Der Hamburger Geschäftsmann Kessemeier ist als Hauptzeuge im Strafprozess gegen den aus Flensburg stammenden Investor geladen. Der Vorwurf lautet: Betrug in einem besonders schweren Fall. Kessemeier fühlt sich von Hahn hintergangen, wirft ihm Millionenbetrug bei Aktiengeschäften vor und hat deshalb vor Jahren schon Strafanzeige gestellt.

Jetzt soll der 60 Jahre alte Kaufmann vor Gericht seine Sicht der Dinge darlegen – die gespickt ist mit verbalen Anfeindungen gegen Hahn. Das fängt schon bei Aufnahme der Personalien an. Auf die Frage des Richters, ob er mit dem Angeklagten verwandt sei, antwortet Kessemeier: „Gott sei Dank nicht.“ Im weiteren Prozessverlauf bezeichnet Kessemeier Hahn immer wieder als „Betrüger“ – oder gar als „Schwerkriminellen“. Marco Hahn zeigt sich davon unbeeindruckt, er wirkt konzentriert, schweigt.

Kessemeier schildert, wie er Marco Hahn kennenlernte und mit ihm ins Geschäft kam. Im Prozess geht es um die Beteiligungsgesellschaft „Flymot“, die im Jahr 2002 kreditfinanziert für 25 Millionen Euro Aktien des ehemaligen Hamburger Flugmotorenherstellers Thielert AG erwarb. Die Staatsanwaltschaft wirft Hahn vor, er habe im Sommer 2006 die knapp 2,5 Millionen Thielert-Aktien der „Flymot“ für rund 57 Millionen Euro verkauft und den erzielten Gewinn von rund 32 Millionen Euro auf seine Privatkonten überwiesen. Als Kessemeier bei der „Flymot“ ausstieg und ausbezahlt wurde, soll Hahn einen niedrigeren Aktienkurs abgerechnet haben, als er selbst beim Verkauf der Aktien erzielt hatte. Dadurch soll Kessemeier ein Verlust von 4,4 Millionen Euro entstanden sein, so der Vorwurf. Belegen kann Kessemeier das nicht.

Es ist eine komplizierte Abfolge von Geschäftsverträgen, die zwischen 2002 und 2007 geschlossen wurden. Erstaunlich dabei ist: Auf Nachfrage hat Kessemeier immer wieder gravierende Erinnerungslücken. Er weiß angeblich nichts Genaues über Vertragsinhalte, nichts Genaues über die millionenschweren Aktienpakete seiner eigenen Vermögensgesellschaften und auch nichts Genaues über die zeitliche Abfolge der Vereinbarungen mit Hahn. Viele Fragen von Hahns Verteidigern bleiben unbeantwortet: Selbst auf die Frage, von wem und zu welchem Wert die Thielert-Aktien ursprünglich erworben wurden, weiß Kessemeier keine Antwort. Er begründet das damit, er habe als damaliger Chef der Euro-Leasing GmbH ein Unternehmen geführt und alle Details zu den Aktiengeschäften seinen Wirtschaftsprüfern überlassen.

Der Ton wird im Verlaufe der Verhandlung rauer. Hahns Verteidiger zeichnen im Gegensatz zur Staatsanwaltschaft ein völlig anderes Bild der Ereignisse: Kessemeier sei im Juni 2006 bei der „Flymot“ für einen Euro ausgestiegen – und damit bevor die Aktien veräußert wurden. Dabei habe Kessemeier seinen Drittel-Anteil an den 2,5 Millionen Aktien in einen Wertpapier-Darlehensvertrag gewandelt – als er das Aktienpaket für 20 Millionen Euro an die Warburg-Bank verkaufen wollte, habe Kessemeier somit gar keinen Anspruch mehr auf die Aktien der „Flymot“ gehabt. Zugleich stellen Hahns Anwälte in Abrede, dass Kessemeier in Verbindung mit der „Flymot“ überhaupt ein finanzieller Schaden entstanden ist. Schließlich habe Kessemeier nie eigenes Geld eingesetzt, sondern nur für Kredite gebürgt, die zurückbezahlt wurden. Zudem habe es am Ende einen Vergleich mit Marco Hahn gegeben, bei dem die Ansprüche aus dem Wertpapier-Darlehensvertrag in ein millionenschweres Darlehen gewandelt wurden, für das Hahn – zumindest für einige Zeit – Zins- und Tilgungszahlungen leistete.

Nach exakt drei Stunden endet die Befragung. Staatsanwalt Martin Soyka, der seine Anklageschrift gegen Marco Hahn nach eigenem Bekunden „total klasse“ findet und den Prozesstag schweigend verfolgte, hat weder Fragen noch weitere Beweismittel, die er einbringen kann. Hahns Verteidiger wenden sich an den Richter: Nach den Ausführungen des Zeugen sei der Tatvorwurf des Betruges weder erkennbar noch begründet, erklärt Klaus Ulrich Ventzke und hinterfragt den weiteren Prozessverlauf. Die Richter verweisen auf Beratungsbedarf und vertagen den Prozess auf kommende Woche. Und der Angeklagte? Marco Hahn erhebt sich von Anklagebank, setzt ein breites Lächeln auf und verlässt sichtlich gut gelaunt den Gerichtssaal.

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