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Reinhard Meyer : „Ein Guru will ich nicht sein“

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Wirtschaftsminister und Tourismus-Experte Reinhard Meyer erklärt, wie er für das Urlaubsland Schleswig-Holstein nach Jahren der Flaute die Kehrtwende plant.

Lübeck | Erstmals findet in Schleswig-Holstein von morgen bis Freitag ein Bundes-Tourismustag statt. Reinhard Meyer ist im doppelten Sinne Gastgeber – als Präsident des einladenden Deutschen Tourismusverbands und als für den Fremdenverkehr zuständiger Wirtschaftsminister Schleswig-Holsteins. Er versteht den Branchen-Treff mit 400 Teilnehmern als Signal, dass sich der Norden im Kreis der ehrgeizigen Tourismus-Länder zurückmeldet. Im Interview erklärt Meyer, wie der zuletzt lahmende Norden wieder Anschluss an den florierenden Bundestrend finden soll.

Bisher gab es noch nie einen Bundes-Tourismustag in Schleswig-Holstein – Symptom für ein Defizit?
Für einen Tourismustag braucht man ein gemeinsames Bekenntnis. Man möchte der Tourismusgemeinde in Deutschland aus diesem Anlass signalisieren, was man sich als Urlaubsziel auf die Fahnen geschrieben hat. Insofern ist jedenfalls die Tatsache, dass dieser Tourismustag jetzt in Schleswig-Holstein stattfindet, ein wichtiges Aufbruchsignal auch für den Tourismus in unserem Land. Nach dem Motto: Schaut her in Deutschland, wir sind wieder da, wir wollen mehr erreichen.

Wenn Sie ähnlich wie ein Arzt eine Diagnose für zwei Kandidaten stellen: Wie geht es dem Deutschland-Tourismus insgesamt, wie geht es andererseits dem Schleswig-Holstein-Tourismus?
Der Deutschland-Tourismus erfreut sich guter Gesundheit, er wächst ungebrochen. Da wird es auch in diesem Jahr, obwohl wir 2012 mit 407 Millionen Übernachtungen ein Rekordergebnis hatten, einen Zuwachs zwischen einem und zwei Prozent geben. Schleswig-Holstein ist demgegenüber zwar kein Patient, aber entwicklungsfähig. Bei den Übernachtungszahlen der letzten Jahre lag es unter dem Trend.

Warum ist das so?
Es kommt eins zum anderen. Es hat damit zu tun, dass es kein geschlossenes Bild von Schleswig-Holstein gibt. Die starken Marken Nord- und Ostsee wurden zu wenig mit Schleswig-Holstein verbunden, ebensowenig mit den starken Angeboten, die es zwischen den Meeren ja auch gibt. Dann haben wir – um es vorsichtig auszudrücken – nicht die leistungsfähigsten Strukturen. Da sind die landesweite Tourismusagentur TASH sowie regionale Tourismusorganisationen wie Nord- und Ostsee, viele lokale Tourismusorganisation und dann immer auch noch der Kirchturm in jeder Gemeinde – und alle machen Marketing. Alle im Zweifel mit zu wenig Geld, alle ohne inhaltliche Absprachen im notwendigen Maß. Wir sind nicht ausgefeilt genug in der Zielgruppenstrategie. Es reicht nicht, nur Familien mit Kindern, Best Ager und anspruchsvolle Genießer anzusprechen. Wir haben die Themen vernachlässigt, die vor allem – siehe Programm des Tourismustags – Zukunftstrends sind, etwa Gesundheit, Natur, Städte und Kultur.

Für Anfang nächsten Jahres haben Sie eine neue Tourismusstrategie für das Land angekündigt. Gibt es über die gerade benannten Defizite hinaus Stellschrauben, wo diese umsteuern soll?
Als weiteren großen Punkt sehe ich die Frage: Wie kommen wir zu mehr Qualität gerade bei der Unterbringung? Nach wie vor herrscht ein Modernisierungsstau in kleinen und mittleren Betrieben. Den wollen wir als Land mit einem Strukturförderprogramm Tourismus überwinden, das wir mit Hilfe europäischer Strukturfonds ab 2014 auflegen werden.

Und eine Verschlankung der bemängelten Strukturen? Etwa, indem man die Verbände für Nord- und Ostsee auflöst?
Nein, wir müssen einfach zusammen diskutieren und festlegen, wer welche Aufgabe erledigt. Es fehlt an Verpflichtungen auf gemeinsame Ziele, etwa indem man sagt: In den nächsten zwei Jahren wollen wir ein Thema X in den Vordergrund stellen. Wenn es um Gesundheit geht, reicht es ja nicht, wenn die Nordsee mal eine Aktion macht. Dann muss jeder nach seinen Möglichkeiten dafür mehr Mittel einsetzen. Mehr gemeinsames Handeln ist gefragt.

Sehen Sie bei den touristischen Akteuren genügend Eigeninitiative für einen Aufbruch zu neuen Ufern – oder starren diese nicht vielfach zu sehr darauf, was der Minister als eine Art Guru macht?
Ich beobachte schon ein gewisses Abwarten. Das halte ich aber für falsch. Und ein Guru will ich schon gar nicht sein. Ich bin zwar der zuständige Minister und habe schon mit vielen touristischen Fragen zu tun gehabt. Aber es kommt in erster Linie auf die Kraft der Touristiker aus dem Land an. Viele kluge Menschen sind da am Werkeln. Was ich bei Amtsantritt festgestellt habe, ist, dass es aus der Vergangenheit eine gewisse Frustration über das Verhältnis von Landespolitik und Tourismus gibt.

Als Verkehrsminister wissen Sie um die Probleme bei der Erreichbarkeit Schleswig-Holsteins. Wenn durch die A7-Verbreiterung zwischen Hamburg und dem Bordesholmer Dreieck mehr als fünf Jahre Dauerstau-Garantie bevorstehen – ist dann nicht jeder Versuch, touristisches Wachstum zu erzielen, zum Scheitern verurteilt?
Natürlich sehe auch ich mit Sorge: Wenn wir über Jahre eine Autobahn ausbauen, wird es zu Behinderungen kommen. Aber meine Erfahrung zeigt nicht, dass die Gäste genervt sind, weil die Situation so ist, wie sie ist. Viel wichtiger ist die rechtzeitige Information, damit sich die Menschen darauf einstellen können. Auf eventuell längere Fahrzeiten, auf Umleitungen.

Sie meinen also im Ernst, dass ein absehbarer Stau keine Urlauber abhalten wird? Schon die Klagen von der Lübecker Bucht über Dauerbaustelle A1 über viele Jahre lassen das Gegenteil vermuten.
Ich kann ja nicht sagen, dass wir deswegen die Autobahnen nicht ausbauen. Auf der A7 gehen wir das Großprojekt ja an, damit wir sagen können: Ab voraussichtlich 2019 wird es dort keine Stauprobleme mehr geben. Deswegen müssen wir den Übergangszeitraum managen. Den Stau gibt es in der Sommerzeit überall, auch, wenn Sie sich auf den Weg nach Mecklenburg-Vorpommern oder Bayern machen.

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erstellt am 22.Okt.2013 | 08:06 Uhr

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