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Sparkassen-Präsident zur Zinspolitik : „Durch die Niedrigzinsen kommt ein sozialpolitisches Problem auf uns zu“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Sparkassen-Präsident Georg Fahrenschon über die Bankenunion und die Gefahren, die die Zinspolitik für Anleger und Kreditinstitute mit sich bringt

shz.de von
erstellt am 14.Jan.2016 | 17:20 Uhr

Herr Fahrenschon, sitzt hier Deutschlands mächtigster Banker am Tisch?
Nein, ich bin der oberste Repräsentant der größten finanzwirtschaftlichen Gruppe in Europa.

Also sind Sie der größte Banker Europas?
Auch nicht. Ich bin eben nicht Vorstand eines Konzerns, sondern bin Präsident des Dachverbandes der Sparkassen-Finanzgruppe. Die Verantwortung für das operative Geschäft liegt bei jeder einzelnen Sparkasse vor Ort. Meine Aufgabe ist es, die Gesamtstrategie für alle 409 Sparkassen zu entwickeln und ich trage Verantwortung für die Marke. Zudem gehört die Interessenvertretung für Sparkassen, Landesbanken und unsere Verbundunternehmen in Berlin und Brüssel zu meinen Aufgaben, und ich bin Verwaltungsratsvorsitzender der zentralen Dienstleister der Sparkassen, wie beispielsweise unserem Wertpapierhaus, der DekaBank.

Als oberster Sparkassen-Repräsentant müssten Sie über die Bankenkrise in Europa deshalb fast schon froh sein.
Sicher nicht, denn die Bankenkrise hat dramatische Lasten ausgelöst. Natürlich haben Sparkassen, Volks- und Raiffeisenbanken und auch kleine Privatbanken während und nach der Finanzkrise zahlreiche Einlagen eingesammelt. Sicherheit und Stabilität haben den Sparkassen viele neue Kunden gebracht. Mit dem Einlagenüberhang müssen die Institute jetzt arbeiten. Gleichzeitig aber stellt die Europäische Zentralbank den Zins auf Null.

Heißt das, die deutschen Sparkassen schwimmen im Geld, wissen aber nichts damit anzufangen?

Nein, wir freuen uns ja darüber, dass die Kunden uns ihr Vertrauen schenken. Und die ersten Geschäftsergebnisse für das vergangene Jahr zeigen, dass die Sparkassen hervorragend gearbeitet haben. So wurden über 17 Prozent mehr Kredite an Unternehmen und Selbstständige vergeben – so viele wie noch nie zuvor. Aber das Arbeiten mit Geld in einer Zeit, in der der Zins abgeschafft ist, bleibt natürlich eine Herausforderung, weil wir mit den Einlagen unserer Kunden sehr sicher und solide wirtschaften müssen.

Europa driftet derzeit politisch auseinander. Mit Blick auf die Finanzbranche wächst Europa dagegen aufs engste zu einer Bankenunion zusammen. Eine gemeinsame Bankenaufsicht gibt es bereits. Anfang dieses Jahres ist der Notfallfonds gegründet worden. Ist das aus Sicht der stark regional ausgerichteten Sparkassen der richtige Weg?
Die Finanzmärkte sind heute sicherer als vor fünf Jahren – das muss man anerkennen. Wir müssen aber aufpassen, dass das europäische Motto „In Vielfalt geeint“ nicht immer weiter ausgehöhlt wird. Die Regierung Juncker steuert inzwischen einen Einheitskurs, der die Unterschiede der einzelnen Finanzmärkte weitgehend negiert. Damit laufen wir Gefahr, dass viele wichtige und stabilisierende Elemente „wegharmonisiert“ werden. Das dürfen wir nicht zulassen.

Sie sprechen von der „Regierung Juncker“ – das ist Polemik.

Jean-Claude Juncker ist angetreten und hat gesagt: Ich mache aus der EU-Kommission eine Regierung – und er handelt auch so. Unter der Überschrift Bankenunion legt er einen Kurs fest, der genau zu hinterfragen ist.

Was heißt das?

Wir müssen uns fragen: Ist es wirklich richtig, nach der notwendigen Vereinheitlichung der Bankenaufsicht und der Abwicklungsmechanismen jetzt auch zwangsweise eine einheitliche Vergemeinschaftung der Einlagensicherung durchzusetzen. Oder ist das ein Fehler, weil die Einlagensicherung nur dann stabil ist, wenn sie regional ausgerichtet ist? Am Ende erhöht Juncker mit dieser Vereinheitlichung die Ansteckungsgefahr. Er entwickelt eine Monokultur, die zu gefährlichen Instabilitäten führen kann.

Mit welchen Folgen?

Wenn Banken in Zypern, Portugal oder Italien voll ins Risiko gehen und für den Fall, dass es schief geht, unbeteiligte Dritte dafür einzustehen haben, dann ist das ein völlig falsches Signal. Es lädt zum Trittbrettfahren ein. 14 von 28 EU-Mitgliedsstaaten haben die gemeinsamen Regeln für die nationale Einlagensicherung noch nicht einmal umgesetzt – darunter sind die Niederlande, Frankreich, Italien und Luxemburg. An dieser Stelle muss angesetzt werden – eine Vereinheitlichung der Einlagensysteme ist falsch, wir brauchen sie nicht!

Die deutschen Sparer leiden jetzt schon seit Jahren unter der Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank. In den USA ist Ende vergangenen Jahres die Zinswende vorsichtig eingeläutet worden. Wann erwarten Sie wieder steigende Zinsen in Europa?
Durch die Niedrigzinspolitik ergeben sich zwei Probleme. Erstens: Es wird absehbar ein großes sozialpolitisches Problem auf uns zukommen. Die Mehrzahl der Deutschen hat stabilen Anlageprodukten vertraut, die jetzt immer weniger abwerfen. Da baut sich eine Lücke bei der Altersvorsorge auf, die nicht zu unterschätzen ist. Deshalb würde ich mir wünschen, dass von der Bundesregierung klassische Instrumente wie die vermögenswirksamen Leistungen wieder mit Leben erfüllt werden.

Und zweitens?

Wenn in den USA die Zinsen schrittweise weiter erhöht werden und in Europa die Zinsen bei Null verharren, dann werden riesige Anlagevolumen von Europa weg in den Dollarraum abfließen.

Noch einmal gefragt: Wann rechnen Sie mit steigenden Zinsen in Europa?

Da wage ich keine Prognose.

Die niedrigen Zinsen bringen nicht nur die Sparer ins Schwitzen, sondern auch die Kreditinstitute. Die Zinsmarge sinkt bedenklich. Wie gehen die Sparkassen mit dem Problem um?
Einlagenstarke Kreditinstitute sind ähnlich wie Versicherungen, Stiftungen und natürlich auch die Kunden von dieser Entwicklung gleichermaßen betroffen, weil auch wir auf unsere Eigenmittel keine Zinsen mehr bekommen. Das führt dazu, dass wir uns sämtliche Strukturen unter Einbeziehung der Kostenseite genau anschauen.

Die Sparkassen unterhalten ein teures Filialnetz. Wie viele der derzeit noch bestehenden Filialen werden in den nächsten Jahren geschlossen?
Das ist eine Entscheidung der Sparkassen vor Ort. Die Frage der Anzahl von Filialen hat aber weniger mit notwendigen Einsparungen zu tun. Wir richten uns damit lediglich an den Bedürfnissen unserer Kunden aus. Wenn die ein oder andere Filiale nicht mehr frequentiert wird, gleichzeitig die Kunden aber immer stärker digitale Zugangswege nachfragen, dann ist es nur konsequent, wenn wir stärker in den Ausbau unserer digitalen Angebote investieren.

Bei der Hypovereinsbank wurden gerade 40 Prozent der Filialen geschlossen…
… der Vergleich hinkt. Die Hypovereinsbank hat ihre Filialen vor allem in den Großstädten geschlossen – in München, Hamburg, Frankfurt oder Berlin. Wir stehen in der Fläche, und wir werden auch in Zukunft dort bleiben. Wir haben die meisten Filialen, und wir werden sie auch morgen und übermorgen noch haben. Dem Schreiner in Schleswig-Holstein kann eine Privatbank aus den Türmen in Frankfurt überhaupt nicht den richtigen Kredit stellen – weil sie ihn nicht kennt. Das ist bei den Sparkassen anders, wir haben eine wesentlich größere Nähe zum Kunden.

Eine andere Möglichkeit, die Kosten in den Griff zu bekommen, sind Sparkassen-Fusionen. Halten Sie das für sinnvoll?
Wir werden wie in der Vergangenheit auch künftig Fusionen erleben. Insbesondere die ständig wachsenden regulatorischen Anforderungen schnüren gerade kleineren Instituten immer mehr die Luft zum Atmen ab. Das führt dazu, dass die Kleinen, obwohl sie in aller Regel gute Ergebnisse erzielen, sich Gedanken darüber machen müssen, ob sie in größeren Einheiten nicht vielleicht doch besser zurechtkommen.

Die Sparkassen sitzen auf milliardenschweren Rücklagen, die mittlerweile Begehrlichkeiten wecken. Wie groß ist die Gefahr, dass die Eigentümer, also die klammen Kommunen, künftig auf Ausschüttung dieser Rücklagen pochen – so wie es beispielsweise in Essen geschehen ist?
Ich sehe da deutschlandweit keine Gefahr. Jeder vernünftige Kommunalpolitiker weiß, dass eine funktionierende Sparkasse ein zentrales Instrument ist, um regionale Impulse und regionale Entwicklungen erfolgreich zu unterstützen. Das Eigenkapital ist der Betriebsstoff jeder Sparkasse. Zapft man das Eigenkapital an, schwächt man nicht nur die Sparkasse, sondern gleichzeitig die wirtschaftliche Entwicklung der gesamten Region.

Letzte Frage zum aktuellen Marktgeschehen: Was passiert da gerade an den Börsen, die zum Jahresbeginn so massiv eingebrochen sind – das ist doch nicht den wirtschaftlichen Daten geschuldet?
Ich glaube, dass wir gerade feststellen, in welcher Unordnung die internationalen Finanzmärkte nach wie vor sind. Das ist aus meiner Sicht die unmittelbare Folge des Überangebots von Zentralbankgeld in Europa, Asien und den USA. Dieses Geld muss angelegt werden. Gleichzeitig fällt der Zins als Regulativ für das Risiko aus. Damit agieren die internationalen Kapitalmärkte im Blindflug. Wir haben steigende Risiken bei schlechter werdenden Wachstumsperspektiven. Das heißt, es wird ungemütlicher.

Ist das gerade ein Revival der Realwirtschaft und Wertschöpfung?

Wir hatten uns nach der letzten Finanzkrise in die Hand versprochen, dass wir unsere Lektion gelernt haben. Wir haben in den letzten acht Jahren vergessen, was wir uns eigentlich vorgenommen haben: Dass die Doktrin der amerikanischen Investmentbanken „we make money out of money“ vollkommen falsch ist und geradewegs ins Unheil führt. Vor dem Hintergrund kann ich nur hoffen, dass wir nicht nur die Lippen spitzen und sagen, wir wollen die regionalen, die auf die Realwirtschaft ausgerichteten Kreditinstitute. Sparkassen verstehen sich nicht als Gewinnmaximierer. Sie wirken stabilisierend, erwirtschaften schwarze Zahlen und sorgen so für eine aktive Entwicklung ihrer jeweiligen Region.


 

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