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„Wissen, wie ausländische Gäste ticken“ : Dithmarschen wirbt um Urlauber aus dem Ausland

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Ausgerechnet Dithmarschen wird zur Modellregion: IHK und Fachhochschule Westküste wollen die Kompetenz der Gastgeber für ein internationales Publikum stärken.

shz.de von
erstellt am 23.Okt.2017 | 12:31 Uhr

Heide/Kiel | Deutschlandweit haben sich die Ankünfte ausländischer Gäste in den letzten 25 Jahren verdoppelt. In Schleswig-Holstein sind sie zwar auch gewachsen – aber nur um ein Drittel. „Im Gegensatz zu anderen Bundesländern ist ganz im Norden die Dynamik noch nicht so richtig spürbar“, bilanziert Tim Harms vom Institut für Management und Tourismus an der Fachhochschule Westküste in Heide. Deshalb hat die Hochschule gemeinsam mit der Industrie- und Handelskammer Flensburg jetzt ein landesweit einzigartiges Modellprojekt aufgelegt: „Wissen, wie ausländische Gäste ticken“. Es soll Dithmarschen zu Schleswig-Holsteins Pilotregion für die Ansprache eines internationaleren Publikums machen.

Mit dem Westküsten-Kreis haben sich die Akteure dafür ausgerechnet ein Gebiet ausgesucht, das bisher besonders weit hinten steht. Nur 5,2 Prozent der Gäste haben hier einen nicht-deutschen Pass. Schleswig-Holstein insgesamt kommt auf einen Ausländergäste-Anteil von 12,5 Prozent. Spitzenreiter sind – durch die Nähe zu Dänemark – Flensburg mit 45,3 und der Kreis Schleswig-Flensburg mit 38 Prozent sowie Lübeck mit 25,9 und Kiel mit 20,9 Prozent. Selbst das auch direkt an Dänemark angrenzende Nordfriesland hingegen rutscht auf einen Quasi-Dithmarschen-Wert von wiederum nur 5,2 Prozent ab.

Für den Leiter der IHK-Geschäftsstelle in Heide, Thomas Bultjes, ist die maue Platzierung der Nordsee aber kein Widerspruch für seine ehrgeizigen Pläne: „Im Gegenteil – man kann es gerade so sehen, dass es hier besonders viel zu tun gibt“, argumentiert er. Die Initiative trifft zeitlich zusammen mit großer Aufbruchstimmung der Dithmarscher Tourismus-Lokomotive Büsum, ausgelöst von einem Hotel-Boom in dem lange als behäbig geltenden Nordseebad.

„Wissen, wie ausländische Gäste ticken“ wird von der Urlaubsbranche landesweit mit Interesse beobachtet, weil Schleswig-Holsteins neue Tourismusstrategie für alle Landesteile stärker auf internationale Besucher setzt. Die Tourismusagentur Schleswig-Holstein (Tash) weitet dafür ihr Marketing aus, zunächst nach Dänemark, Österreich und die Schweiz, in einem zweiten Schritt in die Niederlande und nach Schweden.

„Wir wollen mit unserem Projekt nicht einfach nur erzählen, dass es ungehobene Potenziale im Ausland gibt, sondern das ganz praktisch auf die Ebene der Anbieter runterbrechen“, verdeutlicht IHK-Mann Bultjes das Neue. Es geht um Coaching: Vermieter und Gastronomen erhalten individuell zugeschnittene Tipps, wie sie nicht-deutsche Urlauber in den Blick nehmen können. Experten gehen dafür in die Betriebe und loten aus, was jeweils passt. Das ganze Jahr 2018 über misst die Fachhochschule dann per Controlling, was die frischen Ideen für Buchungszahlen und Umsatz gebracht haben. „Die große Chance besteht darin, dass wir dann nicht nur etwas über den Erfolg des einzelnen Betriebs wissen, sondern in der Summe auch, inwieweit sich der Einsatz für die ganze Region auszahlt“, hebt Fachhochschul-Experte Tim Harms hervor.

Ein Betrieb zahlt für die Teilnahme nur 450 Euro. Das ist die Hälfte der tatsächlichen Kosten. Die andere Hälfte wird aus Bundesmitteln zur Stärkung der deutschen Außenwirtschaft bezuschusst.

„Manchmal genügen schon kleine Stellschrauben“, betont Michael Lohmann von der Husumer Unternehmensberatung „Concept Nord“. Sie stellt für das Auslands-Projekt die Betriebsberater. Lohmann empfiehlt zum Beispiel, Feiertage in Skandinavien oder den Niederlanden in den Blick zu nehmen, um zu diesen Terminen Pauschalpakete anzubieten. Auf Buchungsportalen vertreten zu sein, die in deutschen Nachbarländern stark sind, sei wichtig. Dass Skandinavier und auch Holländer lieber per Du als mit Sie begrüßt werden wollen, zählt ebenso zu ersten Tipps von „Concept Nord“ wie der Hinweis, dass Dänen, Schweden und Norweger mittlerweile ausschließlich ans digitale Bezahlen per Kreditkarte gewohnt sind. Rund um Sportarten wie Angeln oder Golf, die speziell in Dänemark beliebt seien, lasse sich Vieles stricken. Ein Selbstgänger dürfte eine Speisekarte auch auf Englisch sein. Dass gerade potenzielle Gäste aus den Schleswig-Holstein nahen Ländern Wert auf eine „kuschelige“ Ausstattung der Unterkunft legen, wie man bei „Concept Nord“ betont, mag hingegen noch nicht überall verinnerlicht worden sein. „Man muss die Leute kulturell und technisch bei dem abholen, was sie von zu Hause erwarten“, so Lohmann.

Dass mehr Ausrichtung auf das Ausland trotz der derzeitigen Hochs des Inlands-Tourismus auf jeden Fall lohnt, unterstreicht Fachhochschul-Experte Harms. Nach Prognosen seines Instituts wachsen die inländischen Gästeankünfte bis 2030 nur noch um 2,5, die Zahl ausländischer Gäste in Deutschland hingegen um fünf Prozent.

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