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Hohe Zinsen : Dispokredite sind in SH ein besonders teurer Spaß

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Ein landesweiter Vergleich zeigt: Bei vielen Sparkassen in SH liegen die Dispo-Zinsen über dem Bundesschnitt.

Kiel | Nach einer Auswertung des Recherche-Netzwerks Correctiv und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung liegt der Einstiegs-Zinssatz vieler Sparkassen in Schleswig-Holstein über dem Bundesschnitt von 10,75 Prozent.

Die Waschmaschine kaputt, eine Autoreparatur fällig – oder der Urlaub schon einmal auf Pump gebucht: Gründe, warum der Kontostand ins Minus rutschen kann, gibt es viele. Trotz der immer wieder vorgebrachten Mahnungen von Verbraucherschützern müssen Sparkassen-Kunden dafür immer noch tief in die Tasche greifen – und in Schleswig-Holstein meist noch tiefer als im Rest Deutschlands.

Den höchsten Zinssatz für den Dispo-Kredit kassiert in Schleswig-Holstein die Sparkasse Mittelholstein mit Sitz in Rendsburg: 12,04 Prozent müssen Kunden hier zahlen. Aber auch die Förde Sparkasse mit Sitz in Kiel langt mit 11,80 Prozent kräftig zu, ebenso die Nord-Ostsee-Sparkasse (Flensburg) mit 11,48 Prozent. Nur einen Ausreißer gibt es: Den niedrigsten Zinssatz Deutschlands (5,71 Prozent) bekommen Kunden bei der in Eutin beheimateten Sparkasse Holstein.

Banken im Vergleich
Dispozinsen in Prozent p.a.  
SparkasseMittelholstein  12,04
Förde Sparkasse  11,8
Nord-Ostsee-Sparkasse 11,48
Sparkasse Westholstein  11,37
Sparkasse Elmshorn  11,08
Bordesholmer Sparkasse 10,94
Sparkasse Südholstein  10,77
Hamburger Sparkasse 10,65
Sparkasse Holstein  5,71
Sparkasse im Bundesschnitt 10,75

Auch im Vergleich mit der Konkurrenz sind die Zinsen bei den Sparkassen meist deutlich höher: So nehmen die Volksbanken und Raiffeisenbanken nach Auskunft von Sprecherin Ann-Kristin Kleinschmidt im Schnitt 6,5 bis 9,5 Prozent, die Deutsche Bank laut Preistabelle 7,95 bis 10,95 Prozent. Warum die Zinsen im Norden so hoch sind, kann auch Reinhardt Hassenstein, Sprecher des Sparkassen- und Giroverbandes in Kiel, nicht erklären. „Diese Zinsen isoliert zu betrachten, greift aber auch zu kurz. Sie sind immer Teil des Kostenmodells der Girokonto-Angebote und auch von der Wettbewerbslage vor Ort abhängig“, sagt er.

Banken im Vergleich
Dispozinsen in Prozent p.a.  
Commerzbank 10,75
Deutsche Bank  7,95-10,95
VR-Banken 6,50-9,50

Die Verbraucherzentralen kritisieren immer wieder, dass Banken trotz Niedrigzinsen in fast allen anderen Bereichen ihre Dispo-Zinsen kaum anpassen. Immobilienkredite sind beispielsweise nach einer Erhebung des Baukredit-Vermittlers Interhyp mit bis zu 1,3 Prozent so günstig wie selten zuvor. Tagesgeld bringt wiederum kaum noch Ertrag. Doch Michael Herte, Referent für den Bereich Finanzdienstleistungen bei der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein, zeigt auch Verständnis: Dass die Sparkassen ein Kostenproblem haben, erkenne man auch an den vergleichsweise hohen Kontoführungsgebühren, so Herte: „Dafür bieten sie aber mit ihrem dichten Filialnetz und den niedrigschwelligen Angeboten auch einen attraktiven Gegenwert.“ Letztlich müsse der Kunde sich entscheiden: „Wer weiß, dass er immer wieder einmal auf den Dispo zugreift, sucht sich eine Bank mit möglichst niedrigen Zinsen. Wer sieht, dass er über lange Zeit nicht aus dem Minus herauskommt, sollte einen viel günstigeren Ratenkredit in Erwägung ziehen.“ Genau das empfiehlt übrigens auch Sparkassen-Verbandssprecher Hassenstein.


Kommentar: Dispozinsen sind Wucherzinsen

Wenn ein Dienstleister seine Preise nicht veröffentlichen mag, dann weiß er vermutlich selber, dass nicht alles mit rechten Dingen vorgeht. So gesehen kann man es getrost als Ausdruck eines schlechten Gewissens werten, dass sich viele Sparkassen geziert oder schlicht geweigert haben, die Höhe der von ihnen erhobenen Dispozinsen zu veröffentlichen. Dabei ist die Erkenntnis nicht neu: Wird das Konto überzogen, dann langen die Banken so richtig hin. Im klassischen Zinsgeschäft lässt sich nicht mehr viel Geld verdienen. Da sind die Dispozinsen ein willkommenes Zubrot, das sich die Banken nicht gern werden nehmen lassen. Die Höhe der Dispozinsen begründen Banken und Sparkassen stets mit den vermeintlichen Risiken, die sie eingehen. Schließlich gibt es keine Sicherheiten, wie zum Beispiel beim Hauskredit oder beim auf Pump finanzierten Autokauf. Am Ende des Tages ist es aber sehr wahrscheinlich, dass die Bank ihr Geld zurückerhält. Immerhin ist die Höhe des Dispokredits an die Höhe des Einkommens gekoppelt. Ohne entsprechende Bonität darf ein Kunde sein Konto ohnehin nicht überziehen.

Dispozinsen tragen alle Anzeichen von Wucherzinsen. Sie liegen deutlich über den Konditionen für „normale“ Kredite, und sie nutzen – zumindest manchmal – Notlagen der Kunden aus. Gerade Menschen mit geringen Einkünften können leicht in eine Abwärtsspirale geraten. Wenn das Einkommen nur dafür reicht, die Zinsen zu bezahlen und nicht mehr, um den Rückstand auszugleichen, wachsen die Kosten über den Kopf. Anstatt sich mit Feigenblättern aufzuhalten, wie Pflichtbenachrichtungen zu fordern, sollte der Gesetzgeber eine Obergrenze für Dispozinsen einführen. Diese kann leicht über den marktüblichen Zinsen für einen Konsumkredit liegen, der den Banken und Sparkassen ja auch keine Sicherheiten bietet. Außerdem sollte bei allen Kosten, die für Bankkunden entstehen, höchstmögliche Transparenz eingefordert werden. Kosten und Konditionen gehören nicht nur ins Schaufenster der Filiale, sondern zwingend auch ins Internet.

Stefan Wolff

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erstellt am 04.Mär.2016 | 06:20 Uhr

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