Aus für Prinovis in Itzehoe : "Diese Entscheidung fällt sehr schwer"

Etwa 1000 Mitarbeiter bangen um ihre Jobs. Am Mittwoch versammelten sie sich zur Schließungsevrkündung an der Druckerei. Foto: Ruff
4 von 4
Etwa 1000 Mitarbeiter bangen um ihre Jobs. Am Mittwoch versammelten sie sich zur Schließungsevrkündung an der Druckerei. Foto: Ruff

Prinovis-Chef Bertram Stausberg spricht im Interview über die Entwicklung des Drucker-Marktes und warum mehr als 1000 Mitarbeiter in Itzehoe ihren Job verlieren.

Avatar_shz von
10. Februar 2013, 09:36 Uhr

Herr Stausberg, Sie haben Ihre Laufbahn selbst in Itzehoe begonnen, waren hier auch Produktionsleiter. Wie fühlt es sich an, nun ausgerechnet diesen Standort schließen zu müssen?
In einem Wort: Schrecklich.

Warum muss überhaupt ein Standort geschlossen werden?
In unserem Marktumfeld sind die Übergänge zwischen Tiefdruck und Offsetdruck fließend. Es gibt hier aber ein Segment, für das der Tiefdruck, und Itzehoe betreibt Tiefdruckmaschinen, aufgrund seiner technischen Ausprägungen prädestiniert ist. Die Nachfrage in diesem Marktbereich ist in den vergangenen fünf Jahren um 25 Prozent gesunken. Wir haben uns mit Prinovis im Vergleich zum Gesamtmarkt deutlich besser geschlagen. Unser Auslastungsrückgang in den fünf Jahren beläuft sich auf "nur" zehn Prozent. Aber noch vor fünf Jahren haben wir Prinovis-weit über 1,1 Millionen Tonnen Papier verdruckt, jetzt sind wir unter die Millionengrenze gerutscht. Und diese Menge entspricht eben etwa der Kapazität eines Standortes dieser Größenordnung. Wir haben sehr lange versucht, diesen Schritt zu vermeiden und haben die Kapazitäten an allen Standorten parallel nach unten gefahren. Das hat dazu geführt, dass wir heute ein durchschnittliches Auslastungsniveau von 80 Prozent haben. Die nachlassende Nachfrage führt zu einem unglaublichen Konkurrenzkampf, verbunden mit einer Preisspirale nach unten. Wir sind jetzt an einem Punkt angekommen, an dem wir nicht mehr in der Lage sind, unsere vier Druckereien in Deutschland profitabel zu betreiben. Wir müssen diesen Schritt jetzt tun, ansonsten wird die gesamte Gruppe in eine finanzielle Schieflage geraten.

Man kann also sagen: Itzehoe wird geopfert, um die anderen Standorte am Leben zu halten?
Im Grunde ist das so.

Aber warum Itzehoe und nicht Ahrensburg, Nürnberg oder Dresden?
Wir diskutieren diesen Prozess schon seit sehr langer Zeit mit den Mitarbeitervertretern und Belegschaften aller Betriebe. Die Situation kommt nicht überraschend. Alle wissen, dass der Druckmarkt rückläufig ist. Wir haben überall Anstrengungen unternommen, die Wettbewerbsfähigkeit unserer Betriebe zu verbessern. Und da waren die anderen Betriebe einfach schneller in der Umsetzung von Kostensenkungsmaßnahmen als Itzehoe. Wir haben in Itzehoe gemeinsam mit den Arbeitnehmern erst in den vergangenen zwei Jahren viel umgesetzt. Aber wir haben die Lücke, die sich zu den anderen Standorten ergeben hat, nicht mehr schließen können. Und um die ganze Gruppe am Markt zu halten, muss man sich vom teuersten Standort trennen. Das ist eine betriebswirtschaftliche Entscheidung, die jedoch sehr schwer fällt, wenn man hier groß geworden ist.

Warum ist Itzehoe so teuer?
Dafür gibt es im Wesent lichen zwei Gründe: Zum einen die schlechtere Personalkostenstruktur. Diese ergibt sich daraus, dass wir im Verhältnis zu unseren anderen Betrieben hier eine höhere Anzahl an eigenen Mitarbeitern haben, die wir besser bezahlen als diejenigen, die wir über Werkvertragsunternehmen beschäftigen. Der zweite Grund ist, dass wir aufgrund des zeitlichen Verzugs bei den Kostensenkungsmaßnahmen in Itzehoe die vorhandenen Investitionsmittel der vergangenen Jahre an anderen Standorten eingesetzt haben. Deshalb ist der Maschinenpark in Itzehoe nicht mehr so effizient wie an anderen Standorten.

Von Mitarbeiterseite aus wird das so ausgelegt, dass die Maschinen an andere Standorte gebracht wurden, weil die Schließung in Itzehoe von langer Hand geplant war. Wurde die Entscheidung tatsächlich erst jetzt getroffen?
Ja, aber seit zwei, drei Jahren war erkennbar: Wenn es einen Standort treffen wird, dann ist es Itzehoe. Als wir vor zwei Jahren das Perspektivprogramm mit dem Verzicht auf Weihnachts- und Urlaubsgeld abgeschlossen haben, haben wir allen Mitarbeitern gesagt, dass dies keine Garantie auf eine langfristige Perspektive ist, sondern sozusagen die Eintrittskarte auf die Chance, den Standort zu erhalten. Wir haben immer betont, dass am Ende der Markt ausschlaggebend sein wird, und dieser hat sich leider seit Abschluss des Perspektivprogramms schlechter entwickelt als erwartet. Die endgültige Entscheidung ist definitiv erst in der letzten Woche in den Gremien unserer Gesellschafter und am Dienstag im Board von Prinovis gefallen.

Von Unternehmensseite aus wird stets auf die roten Zahlen verwiesen. Dabei erwirtschaftet die Itzehoer Druckerei aber doch ein Plus in Millionenhöhe. Können Sie erklären, wie daraus ein Minus wird?
Der offizielle Gewinn, den wir ausweisen, richtet sich nach dem internationalen Rechnungslegungsstandard, bei dem auch sehr viele Sondereffekte eine Rolle spielen. In der Tat haben wir demnach in 2012 ein positives Ergebnis von über drei Millionen Euro erwirtschaftet. Der Jahresüberschuss, also das, was am Ende tatsächlich in der Kasse übrig bleibt, war aber im letzten Jahr schon negativ. Und vor allem ist der Cashflow, also der Kassenbestand eines Jahres, seit einigen Jahren negativ. Er wird in den kommenden Jahren in den negativen zweistelligen Millionenbereich steigen. Dies beeinträchtigt das gesamte Unternehmen und es ist unmöglich, Itzehoe wirtschaftlich weiter zu führen. Wir würden auf lange Sicht nicht mehr in der Lage sein, den negativen Cashflow in Itzehoe durch die anderen Betriebe auszugleichen.

Deswegen kann man die Schließung auch nicht über einen längeren Zeitraum strecken, wie es sich der Betriebsrat gewünscht hat?
Ja, das ist der Grund.

Ein wesentlicher Kostenfaktor sind offenbar die Altersbezüge für ehemalige Mitarbeiter. Stimmt das?
Das ist hier in Itzehoe mittlerweile der Haupt-Mittelabfluss, den wir schon gar nicht mehr erwirtschaften können. Die Auszahlungen der Betriebsrente liegen an diesem Standort jährlich schon jetzt im zweistelligen Millionenbereich. Das ist einer der Gründe, weshalb wir diesen schmerzhaften Schritt machen müssen. Die Gruppe trägt die Verpflichtungen weiter, aber die Kapitalmittel müssen ja auch erwirtschaftet werden.

Das Problem wird damit aber doch nur verlagert auf die anderen Standorte?
Das war auch in den letzten zwei Jahren schon so. So lange der Cashflow negativ ist, kommen die Zahlungen aus den anderen Betrieben.

Man muss also schon fragen: Welcher Standort ist der nächste?
Der Schritt wird uns helfen, die anderen Standorte deutlich besser auszulasten und damit auch die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Wir sind nicht das einzige Unternehmen in der Branche, das massiv unter Druck steht. Es gab gerade im Januar zwei Insolvenzen im Offset-Druck. Ich erwarte, dass das auch in diesem Jahr weitergehen wird.

Aber es kann sich keiner sicher fühlen?
Wir werden mit den Belegschaften unserer anderen Standorte weiter darüber reden müssen, was wir noch tun können, um kostengünstiger zu werden. Ein solcher schrumpfender Markt ist ein Verdrängungsmarkt. Am Ende werden nur die Stärksten überleben.

Es ist ja ein strukturelles Problem der gesamten Branche. Was wollen Sie unternehmen, damit Prinovis überleben kann?
In der Marktwirtschaft gibt es für so etwas keine Regularien. Am Ende muss man besser sein als die Konkurrenz. Das werden wir auch in der Zukunft versuchen. Und ich bin zuversichtlich, denn wir sind gut positioniert.

Was macht Prinovis besser als die anderen?
Wir können ein sehr hohes Maß an Qualität und Service liefern. Wir sind eine große Organisation mit hohen professionellen Standards. Damit sind wir sicher besser aufgestellt als der eine oder andere vielleicht auch kleinere Mitbewerber.

Qualität, die bislang auch Itzehoe geliefert hat?
Der Standort hat ein sehr hohes Qualitätsniveau. Das wissen die Kunden sehr zu schätzen - und ich auch.

Es ist immer wieder der Vorwurf zu hören: Jetzt müssen die Itzehoer die strategischen Fehlentscheidungen ausbaden, die bei Bertelsmann getroffen wurden. Gab es solche Fehler? Hätte man etwa die Altersversorgung viel früher aufgeben müssen?
Die Altersversorgung bzw. Betriebsrente ist schon 1996 gekündigt worden. Sie geht zurück auf Vereinbarungen bei Gruner + Jahr aus den 70er Jahren. Man sieht anhand der heute noch hohen Belastung für Prinovis, welch großen Nachlauf diese Regelung hat, und es war nach 1996 nicht mehr zu korrigieren.
Der Vorwurf der Managementfehler wird sehr schnell geäußert. Ich werde nicht sagen: Die hat es nie gegeben, weil das rückwirkend ganz schwer zu beurteilen ist. Aber die Fehler in so einem Prozess liegen nie nur auf einer Seite.

Wie geht es jetzt in Itzehoe konkret weiter?
Ich hoffe, dass wir nach der ersten Welle der Aufregung zügig zum Gesprächstisch finden. Wir kommen jetzt in die Pflicht, über einen Interessenausgleich und Sozialplan zu verhandeln. Ich hoffe, dass wir sehr schnell zu vernünftigen Lösungen kommen. Die Beschäftigten empfanden schon das letzte halbe Jahr als quälend, was ich gut verstehen kann.

Wird das Unternehmen dabei auch die Leiharbeiter einbeziehen?
Das wird Gegenstand der Verhandlungen sein.

Wird es für betroffene Mitarbeiter die Möglichkeit geben, an andere Druckerei-Standorte zu wechseln?
Wir werden die offenen Stellen, die sich in anderen Betrieben ergeben, natürlich bevorzugt den Itzehoer Mitarbeitern anbieten. Aber ich glaube, dass die Itzehoer Mitarbeiter eine ganz hohe Bindung an den Standort haben. Ob die Mitarbeiter bereit sind, an andere Standorte zu wechseln, ist eine sehr individuelle Entscheidung. Einige Beschäftigte haben aber bereits ihr Interesse bekundet.

Der Betriebsrat hat seinen Mitarbeitern am Mittwoch gesagt: Macht nicht das, was sie von euch erwarten. Also in anderen Worten: Seid vernünftig. Welches Verhalten würden Sie sich denn von den Mitarbeitern wünschen?
Wir haben ein hohes Interesse daran, die Produktionssicherheit aufrecht zu erhalten. Wir haben wichtige Kunden, die wir weiter bedienen müssen. Ich wünsche mir, dass wir das schaffen.

Soll in Itzehoe noch bis zur Stilllegung produziert werden?
Unser Ziel ist es, dass wir die Mitarbeiter hier auch bis zur endgültigen Schließung beschäftigen.

Steht schon fest, wo die Itzehoer Aufträge künftig gedruckt werden?
Es gibt erste Vorüberlegungen, abschließend wird das jedoch erst entschieden, wenn wir den Interessenausgleich und Sozialplan verhandelt haben. Aber wir werden alle Aufträge verteilen können.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen