Bauernpräsident Schwarz : "Die Kritik ist oft emotional"

W. Schwarz Foto: Michael Müller-Ruchholtz
W. Schwarz Foto: Michael Müller-Ruchholtz

Im Interview spricht der Präsident des Schleswig-Holsteinischen Bauernverbandes, Werner Schwarz, über das Image der Landwirtschaft.

shz.de von
22. Januar 2012, 10:15 Uhr

Es ist inzwischen ein offenes Geheimnis, dass Werner Schwarz, Präsident des Schleswig-Holsteinischen Bauernverbandes, im Gespräch ist, Nachfolger von Gerd Sonnleitner als Präsident des Deutschen Bauernverbandes zu werden. Zur Internationalen Grünen Woche sprach Rainer Mohrmann mit Werner Schwarz über die anstehende Agrarreform, das Image der Landwirtschaft und den ländlichen Raum.

Die Landwirtschaft ist durch Skandale wie der Einsatz von Antibiotika in der Geflügelmast in die öffentliche Kritik geraten. Wie kann verlorenes Vertrauen beim Verbraucher wieder gutgemacht werden?
Es ist schade, dass immer wieder die Landwirtschaft am Pranger steht. Uns Bauern trifft nachweislich keine Schuld am Dioxinskandal. Wir haben den Ehec-Skandal nicht verschuldet. Ich glaube aber, dass der Verbraucher dieses heute begreift. Die rasche Erholung der Nachfrage nach dem ersten Schreck zeigt mir, dass wir das Vertrauen der Verbraucher genießen. Jeder weiß, dass wir Bauern alles tun, damit Lebensmittel Mittel zum Leben bleiben. Antibiotika werden von den Tierhaltern in dem Maß eingesetzt, wie es vom Tierarzt verschrieben wird und wie es dem Tierschutzgedanken entspricht, vermeidbares Leiden vom Tier fernzuhalten. Wir nehmen das Thema Resistenzbildungen bei Keimen sehr ernst. Der Antibiotikaeinsatz muss auf das unabdingbar notwendige Maß beschränkt werden. Wir haben hier im Lande eine Biosicherheitsstrategie initiiert.

Im Zenit der Kritiker befinden sich die industrielle Agrarwirtschaft und die Massentierhaltung. Ist das der Weg für alle?
Auch die Kritiker sagen nicht, wo die Grenze zur Massentierhaltung verläuft. Ich kann Ihnen aus eigener Erfahrung versichern, die Haltungsbedingungen sind im Verlauf der Jahre immer weiter verbessert worden und wir bleiben nicht bei Erreichtem stehen. Dafür müssen unsere Höfe aber wirtschaftlich leistungsfähig und wettbewerbsfähig sein und dafür müssen sich die Betriebe weiterentwickeln. Dazu gehört gerade in der Tierhaltung auch betriebliches Wachstum. Bei weitem nicht alle haben die Chance, dies zum Beispiel über Direktvermarktung statt über Größenwachstum zu erreichen. Im Übrigen ist nichts gewonnen, wenn die Tierhaltung in andere Länder abwandert und dort ausgebaut wird. Im Gegenteil, dem Tierschutz erweist man damit einen Bärendienst. Die Käfigeinzelhaltung von Legehennen ist dafür ein gutes - oder besser gesagt negatives - Beispiel. Wir haben sie in Deutschland schon vor zwei Jahren abgeschafft. Diese Haltungsform wanderte daraufhin in andere Mitgliedstaaten ab und die Käfigeier kommen seitdem von dort. In der EU gilt das Verbot der Käfighaltung seit Jahresanfang, wird aber in 14 von 27 Mitgliedstaaten nicht eingehalten und das trotz mehr als zwölfjähriger Übergangsfrist.

Neben Lebensmitteln erzeugen Landwirte heute auch Energie. Gefährdet die Landwirtschaft mit diesem Spagat ihre Akzeptanz im ländlichen Raum?
Den weitaus überwiegenden Anteil unserer Energie gewinnen wir nach wie vor aus fossilen Energieträgern. Wir alle wissen, dass dies so nicht weitergeht. Diese Energieträger sind endlich und nicht CO2-neutral, belasten also unser Klima. Vor hundert Jahren musste alles, was wir zum Leben brauchten, auf dem Acker erzeugt werden. Wenn wir nun wieder dorthin zurückkehren, ist dies kein Irrweg, sondern ein "Zurück zu den Wurzeln". Es stellt sich also nicht die Frage des Warum, sondern des Wie: Wie können wir diese Anforderungen bewältigen? Ich halte eine regenerative und dabei regionale Energieerzeugung für sinnvoll, soweit die Wirtschaftskreisläufe dies zulassen. Zudem ist doch die Erzeugung von erneuerbarer Energie ein exzellentes Förderprogramm für den ländlichen Raum. Energie wird in Zukunft nicht mehr zentral erzeugt, sondern in die Zentren geliefert. Der ländliche Raum verdient an dieser "Stromumkehr". Es schafft Arbeitsplätze dort, wo sie dringend gebraucht werden. Natürlich haben wir im Moment eine Betonung des Maisanbaus für die Energieerzeugung. Aber der Mais ist immer noch die effizienteste Energiepflanze, die wir haben. Ich bin mir sicher: In einigen Jahren wird es neben dem Mais viele andere Feldfrüchte geben, die in die Biogasanlage wandern. Auch werden wir mehr Gülle und Rest- und Abfallstoffe für die Energieerzeugung nutzen. Damit entschärft sich die Diskussion.

Die Europäische Kommission will die Agrarpolitik reformieren und grüner machen. Sie reagiert offenbar auf die Kritik aus der Gesellschaft und vor allem von den Umweltverbänden an der modernen Landwirtschaft. Ist das für sie kein Problem oder bangen sie gar um die Zukunft unserer landwirtschaftlichen Betriebe?
Wir haben heute schon grundsätzlich andere politische Rahmenbedingungen. Die Politik hat die Landwirtschaft in den Markt entlassen. Wir müssen zu Weltmarktpreisen produzieren und uns laufend Gedanken machen, wie unsere Betriebe wettbewerbsfähig bleiben. Die Welternährungsorganisation FAO sagt, dass wir, um mit der weiter wachsenden Erdbevölkerung Schritt zu halten, bis 2050 die Nahrungsmittelproduktion nahezu verdoppeln müssen. Die von der EU-Kommission vorgeschlagene Stilllegung von bis zu 7 Prozent unserer produktiven Flächen passt da überhaupt nicht in die Zeit. Im Gegenteil: Als Landwirte in einer begünstigten Agrarregion sind wir in besondere Weise aufgerufen, unseren Anteil zur Ernährungssicherstellung zu leisten.

Angesichts dieser geänderten Voraussetzungen sehen Sie die Zukunft Ihres Berufsstandes eher positiv oder eher verhalten?
Die teilweise an unserer Wirtschaftsweise geübte Fundamentalkritik lässt einen aber schon zweifeln, ob die dafür nötige intensive und effiziente Landwirtschaft in Deutschland noch gewollt und auch in Zukunft möglich ist. Die Kritik ist aber allzu oft emotional und nicht objektiv. Eine Landwirtschaft von gestern zu Preisen von heute können wir nicht bieten. Zum Glück sind die Perspektiven angesichts einer weltweit steigenden Nachfrage nach Nahrungsmitteln und Energie nicht schlecht. Die deutschen und die schleswig-holsteinischen Bauern wirtschaften besonders effizient und haben deshalb wirtschaftlich gute Chancen. Ich wünsche mir, dass man in Zukunft darauf genauso stolz ist, wie auf unsere Führungsposition in anderen Wirtschaftsbereichen, wie z.B. im Automobil- und Maschinenbau.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen