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Die heimlichen Weltkonzerne

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Manche Unternehmen machen aus ihren Produkten Exportschlager - und sind damit in der Ferne erfolgreicher als daheim

shz.de von
erstellt am 21.Mai.2013 | 03:59 Uhr

Kiel | Gerade erst ist er aus Dänemark zurück, davor war Jürgen Usinger in China und Japan. Das Unternehmen Löwe Scheren aus Kiel gehört zu jenen Firmen aus dem Norden, deren Produkte längst weltweit eine Marke sind. 80 Prozent ihrer Gartenscheren seien für den Export bestimmt. Selbst wer im fernen Indien auf der Suche nach hochwertigen Gartenscheren ist, stößt auf die Firma von der Förde. "Die Markenhersteller, die es noch so gibt, sind dort überhaupt nicht vertreten", sagt Jürgen Usinger. Ein Konkurrent aus der Schweiz habe es zeitweilig versucht - und sei gescheitert. Löwe Scheren hat einen unschätzbaren Vorteil. 1923 hat die Firma ihre Amboss-Scheren patentieren lassen. Die Weltkriege hätten den internationalen Handel der Kieler dann aber erschwert, erzählt Usinger. Also seien Lizenzen an ausländische Partner wie die britische "Rollcut" gegangen, die die Scheren unter anderem in die Kronkolonie Indien verschifften und dort bekannt machten. Die britische Firma ist heute Geschichte, doch die Amboss-Scheren blieben in Indien ein Begriff. 2007 machten die Kieler selbst Gehversuche in der größten Demokratie der Welt. Unterstützung kam dabei von der Wirtschaftsförderungs und Technologietransfer Schleswig-Holstein (WTSH), die unter anderem in Neu Delhi ein Business Center betreibt. Mit diesem ist es ihr möglich, interessierten Firmen auf schnelle und einfache Art ein eigenes Büro mit eigenen Mitarbeitern für die ersten Schritte auf dem neuen Markt bereitstellen.

Auch wenn der Markt sehr, sehr arm sei, betont Usinger, habe Indien seiner Einschätzung nach Potenzial. Bei Löwe Scheren wird langfristig gedacht. Gegenwärtig gehen gerade einmal tausend Scheren im Jahr auf den subindischen Kontinent. 2020 wollen die Kieler mit ihrer Amboss-Schere aber der stärkste Anbieter in dem riesigen Land sein. Bei Job Bulb in Ahrensburg ist man da schon weiter. Vor 40 Jahren kam Eduard Lob auf die Idee, Sprinkleranlagen mit Hilfe kleiner Gasampullen zu steuern, die als thermisches Auslöseelement fungieren. Bis dahin wurden die Sprinkler mit Hilfe von Lötverbindungen ausgelöst. Eduard Jobs Idee war eine kleine Revolution - und eine erfolgverheißende dazu. Die Exportquote von Job Bulb liegt heute bei 85 Prozent, mit 80 Prozent Marktanteil ist sie unangefochtener Weltmarktführer.

Insgesamt haben Schleswig-Holsteins Unternehmen in 2012 Waren im Wert von 18,8 Milliarden ins Ausland exportiert, wie Zahlen des Statistikamts Nord zeigen. Von Lebensmitteln über Unterhaltungselektronik bis hin zu Spezial- und Hightech-Produkten reicht die Produktpalette. Mehr als 200 Länder haben zuletzt Waren mit einem Wert von tausend Euro und mehr bei Firmen im Norden gekauft. Wichtigster Export-Markt ist das benachbarte Dänemark, gefolgt von den USA und Holland. Aber auch exotisch anmutende Länder wie Kirgistan (1,4 Millionen), Guyana (1 Million) oder die spanischen Enklaven in Nordafrika, Melilla (26 000) und Ceuta (6000), standen zuletzt auf der Kundenliste.

Bei den Kieler Unternehmern von Löwe Scheren steht vor allem Italien hoch im Kurs. 50 000 Scheren gingen jedes Jahr nach Südtirol, berichtet Usinger. "Das ist eine echte Hochburg." Und für die Firma ein Glücksfall: "Die Fachwelt guckt besonders viel auf Südtirol." Neue Märkte von dort aus zu erschließen, falle leichter. Seit 2009 drängt Löwe Scheren so etwa auch auf den russischen Markt - die Empfehlung aus Südtirol im Gepäck. Das Südtirol des Lautsprecherherstellers Elac heißt Japan. Dort haben Experten die Geräte aus Kiel mit Preisen in den vergangenen Jahren förmlich überschüttet. "Diese Auszeichnungen haben eine Bedeutung, die weit über den japanischen Markt hinausgeht", erklärt der Marketing- und Vertriebsleiter des Unternehmens, Oliver John. Japan sei im Bereich Hifi ein absoluter Trendsetter für ganz Fernost. Andere Länder wie China, Taiwan oder Korea würden sich daran orientieren. Insgesamt liegt die Exportquote von Elac bei 49,6 Prozent -Tendenz steigend. In der Heimat von Sony, Yamaha und JVC ist die Kieler Lautsprecher-Schmiede inzwischen die stärkste deutsche Importmarke.

Es sei schon, wie Elac-Geschäftsführer Wolfgang John betont, "ein deutliches Qualitätsmerkmal und ein internationaler Imagegewinn, wenn man als deutsche Marke in Asien Erfolg hat". So ist Elac und Löwe Scheren dann auch gemein, dass sich beide der Kennzeichnung "Made in Germany" verpflichtet fühlen. "Bei Elac-Produkten finden tatsächlich fast sämtliche Arbeitsschritte in Kiel statt", sagt Wolfgang John. Auch Usinger betont: "Wir produzieren ausschließlich hier am Kieler Standort." Firmen, die ebenfalls den Gang ins Ausland planen, rät Torsten Drews, Abteilungsleiter Außenwirtschaft bei der WTSH, vor allem, sich gut vorzubereiten. "Viele Wege führen nach Rom. Ich persönlich bevorzuge den kürzesten Weg und einfachsten Weg; dieser führt in Schleswig-Holstein über die WTSH", sagt er. Hier erhielten Unternehmen kostenfreie oder kostengünstige Informationen, aufgrund derer sie entscheiden könnten, ob sich der Weg in einen bestimmten Markt lohne. Zu oft glaubten Unternehmen zudem, so Drews, dass sich ein Auslandsmarkt allein von Deutschland aus aufbauen lasse. "Diese Annahme ist in vielen Fällen falsch. Man benötigt eine Struktur vor Ort - und wenn sie noch so klein ist - und muss sich den Marktgegebenheiten anpassen." Wie dies mit Hilfe der WTSH gelingen kann, zeigt das Beispiel der Gebrüder Wollenhaupt. Ursprünglich als Tee-Importeur im 19. Jahrhundert gegründet, setzt das Unternehmen, das in den 60er Jahren aus Hamburgs Speicherstadt nach Reinbek zog, heute neben klassischen auch auf aromatisierte Sorten. Jährlich verschicken die Gebrüder Wollenhaupt 6500 Tonnen Tee in mehr als 60 Länder. Und unterstützt von der WTSH exportieren sie seit 2005 erfolgreich ausgerechnet auch in die Heimat der Teetrinker - nach China.

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