Bredstedt : Deutschlands kleinste freie Sparkasse ist gerettet

Die Sparkasse Bredstedt:  Die Zukunft des  170 Jahre  alten Kreditinstituts ist gesichert. Foto: Bandixen
Die Sparkasse Bredstedt: Die Zukunft des 170 Jahre alten Kreditinstituts ist gesichert. Foto: Bandixen

Die Sparkasse Bredstedt ist gerettet. Für das 170 Jahre alte Institut mit gut 90 Mitarbeitern ergab sich nach langer Ungewissheit eine ungewöhnliche Lösung.

shz.de von
05. Mai 2012, 02:41 Uhr

Bredstedt | "Es ist Neuland, das wir betreten." Reinhard Boll wirkt ein wenig angespannt, als er diesen Satz sagt. Und dann erläutert der Präsident des Sparkassen- und Giroverbandes Schleswig-Holstein während einer am Donnerstag anberaumten Pressekonferenz seinen überraschenden Plan: Der Sparkassenverband wird selbst Anteilseigner einer Sparkasse. Das hat es in der Tat noch nicht gegeben. Es geht um die schwer angeschlagene Spar- und Leihkasse zu Bredstedt AG, die wegen akuter finanzieller Schwierigkeiten vor der Pleite gerettet werden muss - und jetzt gerettet ist, wenn Aufsichtsbehörden und Kartellamt grünes Licht geben. Denn: Der Sparkassenverband und die Haspa Finanzholding aus Hamburg wollen die Sparkasse Bredstedt zu jeweils 50 Prozent übernehmen. Dafür werden die von der Stiftung Spar- und Leihkasse zu Bredstedt gehaltenen Aktien übernommen. Zur Höhe des Kaufpreises wollte sich Reinhard Boll nicht äußern. Zugleich wollen der Verband und die Haspa Finanzholding der Sparkasse Bredstedt frisches Eigenkapital von insgesamt 20 Millionen Euro zur Verfügung stellen. "Der Verband war noch nie Träger einer Sparkasse", erklärte der Sparkassenpräsident.
Neben Boll erschien am Donnerstag auch die Aufsichtsratsvorsitzende der Sparkasse Bredstedt, Karen Hoff - in einem blutroten Kleid. Die passende Farbe. Denn blutrot sind auch die Zahlen der Sparkasse. Karen Hoff ist oberste Kontrolleurin des kleinen, privaten Kreditinstituts in Nordfriesland mit der eher bescheidenen Bilanzsumme von rund 550 Millionen Euro. Die Aufsichtsratchefin betont das "stürmische Wachstum" in der Vergangenheit, das an Grenzen gestoßen sei. Sie erzählt von "Risiken", die aber abgesichert seien. Und von den Mitarbeitern, die jetzt "wieder eine Perspektive" hätten. Bilanzzahlen nennt sie nicht. Auch über die Gründe für die akute Schieflage der Sparkasse redet sie ungern. Und: Kein Wort verliert Karen Hoff darüber, warum Aufsichtsrat und Vorstand nicht rechtzeitig gehandelt haben, um die Beinahe-Pleite zu verhindern.
Auf der Jagd nach renditeträchtigen Geschäften verhoben
Dabei ist es ein offenes Geheimnis: Die Sparkasse Bredstedt hat sich auf der Jagd nach renditeträchtigen Geschäften schlicht verhoben. Im Firmenkundengeschäft hat sich das Geldinstitut auf den Bereich erneuerbare Energien - insbesondere die Finanzierung von Windparks - konzentriert und in der Vergangenheit Millionenkredite vergeben. In Folge gestiegener Sicherheitsanforderungen waren die Kredite irgendwann nicht mehr ausreichend mit Eigenkapital unterlegt. Die Sparkasse hat bis heute einen akuten Kapitalbedarf, der aus eigener Kraft nicht gedeckt werden kann. Zwischenzeitlich drohte sogar eine Schließung durch die Finanzaufsicht Bafin.
Hinzu kam ein Personalproblem. Von den rund 100 Beschäftigten der Sparkasse wechselten zwischenzeitlich rund 20 Prozent den Arbeitgeber - darunter viele Spezialisten und Führungskräfte. Die Folge: Laufende Kreditverträge wurden nicht mehr mit der gebotenen Sorgfalt verwaltet und geprüft. Es kam zu Kreditausfällen und Millionenabschreibungen.
"Wir ducken uns nicht weg, wenn es stürmisch wird"
Das alles soll mit dem Sparkassenverband und der Haspa Finanzholding, die ihre Beteiligung von 25,1 auf 50 Prozent aufstocken will, der Vergangenheit angehören. "Die Rettung und Restrukturierung der Sparkasse Bredstedt zeigt: Als Partner der Sparkassen in Schleswig-Holstein ducken wir uns nicht weg, wenn es stürmisch wird", sagte Jörg Wildgruber, Vorstandsmitglied der Haspa Finanzholding. So hat die Haspa bereits bis zu 15 eigene Bankangestellte nach Bredstedt abgeordert, um für Ordnung sorgen. Der komplette Vorstand wird ausgetauscht. Und mit Aufstockung des Eigenkapitals dürften auch die Geldprobleme des Geldhauses gelöst sein.
Diffus bleibt allerdings der Grund, warum der Sparkassenverband bei der "Chaoskasse Bredstedt" auf eigene Rechnung in die Pflicht geht. Offiziell heißt es beim Sparkassenverband, wesentlich sei der Erhalt der Sparkasse Bredstedt und des Sparkassenwesens. Allerdings gab es mindestens zwei Interessenten, die in Bredstedt nur zu gerne eingestiegen wären. Dazu zählte zum einen die Volks-und Raiffeisenbank in Niebüll. Die soll nach Informationen unserer Zeitung sogar einen akzeptablen Kaufpreis geboten haben - kam aber aus sparkassenpolitischen Gründen nicht in Frage. Die Übernahme einer Sparkasse durch eine Genossenschaftsbank wäre bundesweit ein Novum gewesen und hätte nach ihrem eigenen Selbstverständnis den Sparkassen als Marke geschadet. Ein weiterer Interessent war die benachbarte Nord-Ostsee-Sparkasse. Allerdings ist das größte öffentlich-rechtliche Kreditinstitut im Land in Folge katastrophaler Kreditgeschäfte selbst ein Stützungsfall - und wäre nach Informationen des sh:z finanziell nicht in der Lage gewesen, die Sparkasse Bredstedt zu rekapitalisieren.
Die Frage, ob der Sparkassenverband sich in Zukunft an weiteren Kreditinstituten im Land beteiligen wird, lässt Reinhard Boll vorerst offen. Er schließt es aber auch nicht aus.

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