zur Navigation springen

Seefahrtschulen in SH : Deutsche Kapitäne gehen von Bord

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Es mangelt an Schiffen, auf denen angehende Nautiker praktische Erfahrung sammeln können – jetzt laufen die Seefahrtschulen leer.

shz.de von
erstellt am 29.Sep.2014 | 17:30 Uhr

Flensburg | Es ist nicht einmal sechs Jahre her, da wurde landauf landab das Ende der Deutschen Seeschifffahrt prophezeit. „Hilfe, wir haben keine Matrosen, keine Kapitäne und keine Schiffsingenieure“, riefen die Reeder – und die Politik reagiert. Mit enormem finanziellen Aufwand wurden die Kapazitäten an den Seefahrtschulen ausgebaut – Schleswig-Holstein investierte allein sechs Millionen für Gebäude und Fahrsimulatoren in Flensburg. Doch der Wind hat sich gedreht: Die Schifffahrt steckt in der Krise, Schifffonds gehen reihenweise pleite – und die Seefahrtschulen laufen leer.

Auch im Norden herrscht Ebbe an Erstsemestern. Für den Studiengang Nautik an der Fachhochschule Flensburg haben sich bis vergangene Woche gerade einmal 26 junge Leute eingeschrieben, obwohl es viel mehr Interessenten gibt. Doch die finden keinen Praktikumsplatz an Bord eines Schiffes – Voraussetzung für den Studienplatz. „In Boomzeiten hatten wir zwischen 55 und 60 Studienanfänger pro Jahr, unser Limit sind eigentlich mindestens 40, doch die schaffen wir in diesem Jahr bei weitem nicht“, räumt Professor Günther Schmidt ein. „30 bis 50 Bewerbungsschreiben sind inzwischen für einen Praktikumsplatz an der Tagesordnung, noch vor fünf Jahren konnten Studenten aus bis zu 50 Angeboten wählen.“ Während andere Hochschulen fürs Überleben bereits die Studienordnung änderten, hält Flensburg an Bewährtem fest. „Es hat keinen Zweck, wenn die Studenten erst im fünften Semester praktische Erfahrungen auf See machen und dann erst feststellen, dass sie Seekrankheit und Einsamkeit nicht ertragen“, erklärt Schmidt. Eine Verschiebung des Praxissemesters bringe auch deshalb nichts, weil es Probleme nicht nur am Anfang des Studium gibt, sondern auch am Ende: Um das Patent auszufahren, müssen angehende Kapitäne nach dem Studium zunächst 30 Monate als Wachoffizier absolvieren. „Früher verdienten sie dabei schon ordentlich Geld, heute müssen sie für lau fahren, sofern sie überhaupt ein Schiff bekommen.“ Die meisten jungen Leute stehen nicht auf der Brücke, sondern an Land und schauen den Pötten hinterher“.

Wie schnell auf dem Nachfrageboom Flaute wurde, bekommen auch die anderen maritime Studiengänge in Bremen, Leer, Elsfleth und Rostock zu spüren. So konnten an der Jade-Hochschule in Elsfleth kürzlich von 94 Bewerbern für den Studiengang Nautik nur zwei das geforderte Praxissemester vor Antritt des Studiums vorweisen. Selbst das Berufsbild des Schiffsmechanikers (Ausbildung auf dem Priwall/Travemünde) droht gänzlich zu verschwinden.

„Ich frage nach dem Examen immer: Wie geht es jetzt weiter?“, berichtet Schmidt. „Früher konnte ich dann den Namen der Reederei in die Statistik eintragen, bei der der Absolvent anheuert, heute steht da: Wachoffizier auf Suche.“ Nach Angaben der Gewerkschaft Verdi gibt es in Deutschland derzeit zehn mal soviele Bewerber für einen Posten als Offizier an Bord als offene Stellen. „So schlecht war die Lage für den Berufsnachwuchs noch nie“, sagt Torben Seebold, der bei Verdi den Schifffahrtsbereich leitet. Wer noch vor fünf Jahren glauben konnte, er habe einen Jobgarantie bis zur Rente, muss sich jetzt nach Alternativen umsehen. Laut Seebold ist das eine hochriskante Entwicklung. „Die Leute wandern ab und sind für die maritime Wirtschaft verloren.“ Damit drohe der Verlust von Know How in dem für die Gesamtwirtschaft so relevanten Markt. „Wir erleben im Moment einen dramatischen Ausverkauf an maritimer Kompetenz in Deutschland“, beklagte kürzlich auch der Eldermann der Elblotsen. Die Ursache für die Misere ist schnell gefunden: Fünf Jahre Schifffahrtskrise haben der Ausbildungsbereitschaft einen Dämpfer verpasst. Reeder flaggen die Schiffe aus und stellen statt teurem deutschen Personal Seeleute ähnlicher Qualifikation, aber anderer Nationalität ein – zu deutlich günstigeren Konditionen.

Seit 2012 ist die deutsche Handelsflotte von knapp 3800 Schiffen auf inzwischen 3238 zurückgegangen. Davon fahren laut Bundesregierung nur noch 171 unter deutscher Flagge. Auf ihnen müssen Reeder mindestens fünf Seeleute aus Deutschland oder einem anderen EU-Land einsetzen. Zugesagt haben die Reeder der Politik 500 solcher Schiffe, um Steuervorteile zu behalten und dem Berufsnachwuchs eine Chance zu geben. „Obwohl diese Zusagen nicht eingehalten werden, laufen millionenschwere Förderprogramme für Reeder einfach weiter“, beklagt Seebold. Aus seiner Sicht gibt es nur zwei Alternativen: „Entweder ändern wir die Bedingungen für die Subventionierung oder wir sagen den jungen Leuten die Wahrheit.“ Wie die lautet, steht für Insider längst fest: Sollte sich der Ausflaggungstrend fortsetzen, werde man am Ende des Tages die Ausbildung in Deutschland auf einen Standort konzentrieren und die anderen Seefahrtschulen dichtmachen. Und dann dauere es auch nicht mehr lange, bis der letzte Deutsche Kapitän von der Brücke gehe.

Auch die Landesregierung in Kiel betrachtet die Entwicklung mit Sorge. Wirtschaftsminister Reinhard Meyer (SPD) hofft zwar, dass auf der nächsten Nationalen Maritimen Konferenz 2015 konkrete Maßnahmen beschlossen werden, um das Problem zu lösen. Doch fraglich ist, ob die Reeder überhaupt noch das Sagen haben – oder eher die Banken. Die pochen auf Kostensenkung und möchten ohnehin möglichst viele Schiffe möglichst schnell ins Ausland verkaufen, um die Bilanzen ihrer Bad Banks zu verbessern.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen