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Ausbau des Nord-Ostsee-Kanals : Der NOK wird 120 Jahre alt: Ein Symbol für verrottete Infrastruktur

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Eigentlich sollte die Sanierung zum 120. Kanalgeburtstag fertig sein - doch sie hat erst begonnen. Eine Übersicht.

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erstellt am 15.Jun.2015 | 10:42 Uhr

Kiel | Acht Jahre Bauzeit - und schon war der Nord-Ostsee-Kanal zwischen Kiel und Brunsbüttel fertig. Wilhelm II. setzte den Schlussstein und eröffnete am 21. Juni 1895 den 98,637 Kilometer langen Wasserweg durch Schleswig-Holstein, der den Schiffen große Umwege erspart. Zum 120. Geburtstag des international wichtigen Kanals ist die Kaiserzeit noch gewärtig - mit oft aus Altersschwäche ausfallenden Schleusen und einem Streckenprofil im Ostteil von 1914. Die milliardenschwere Gesamtmodernisierung hat endlich begonnen, wird aber viel später fertig und natürlich teurer als zunächst vorgesehen.

Die Kaiserliche Yacht Hohenzollern verlässt anlässlich der Einweihung des Kaiser-Wilhelm-Kanal (heute Nord-Ostsee-Kanal) am 21.6.1895 die Schleuse Kiel.
Die Kaiserliche Yacht Hohenzollern verlässt anlässlich der Einweihung des Kaiser-Wilhelm-Kanal (heute Nord-Ostsee-Kanal) am 21.6.1895 die Schleuse Kiel. Foto: WZ-Bilddienst/dpa
 

Jahrzehntelang behandelte der Bund die bedeutsamste Wasserstraße Deutschlands so stiefmütterlich, dass die maritime Branche wegen des desaströsen Zustands der Schleusen vor einem Infarkt warnte. Die beiden „neuen“ Schleusen in Brunsbüttel sind Baujahr 1914, die kleinen „alten“ wurden bis 1897 fertig. 2013 war der Infarkt da. Wegen defekter Schleusen konnten acht Tage lang keine großen Schiffe die weltweit meistbefahrene künstliche Wasserstraße passieren. Da es auch mit Streiks und Stürmen noch mehr Einschränkungen gab, sanken die Einnahmen aus dem Kanalbetrieb um mehr als ein Zehntel. Kanzlerin Angela Merkel bekannte sich kurz darauf in Kiel zum Ausbau.

 

Ein Durchbruch gut ein Jahr später, am 11. April 2014: Der Bundestags-Haushaltsausschuss bewilligt 485 Millionen Euro für eine neue Schleuse in Brunsbüttel. Die Arbeiten laufen. 2020 werde das erste Schiff die 360 Meter lange Schleuse passieren, sagte Bundesminister Alexander Dobrindt (CSU) zu.

Die Modernisierung des Kanals ist eine Mammutaufgabe. Nach aktuellem Stand werden Kosten in Höhe von 1,5 Milliarden Euro veranschlagt. Die Kanalverwaltung gibt eine Übersicht über die wichtigsten Maßnahmen:

Fünfte Schleuse Brunsbüttel

Der Neubau läuft seit April dieses Jahres. In Kürze beginnt der Bodenaushub. 1,7 Millionen Kubikmeter Boden sind zu lösen und in Schuten (Schiff ohne Antrieb) abzutransportieren. Für das zweite Halbjahr 2020 ist die Verkehrsfreigabe geplant. An Gesamtausgaben sind 540 Millionen Euro vorgesehen.

Schleusenanlage Kiel-Holtenau

Erst sollen die kleinen Kammern saniert werden, dann die beiden großen. Die Planung läuft noch.

Konkrete Angaben über Kosten, Mittelfreigabe und Sanierungsbeginn liegen noch nicht vor. Als Sanierungsdauer werden zwölf Jahre geschätzt.

Ausbau der Oststrecke

Rund 20 Kilometer des Kanals westlich von Kiel werden begradigt und verbreitert, um größeren Schiffen die Passage zu erleichtern. Die Arbeiten sollen rund zehn Jahre dauern und nach bisheriger Schätzung rund 280 Millionen Euro kosten.

Levensauer Hochbrücke

Das mehr als 100 Jahre alte Bauwerk über den Kanal bei Kiel soll ersetzt werden. Die Einleitung des Planfeststellungsverfahrens ist für dieses Jahr vorgesehen. Als frühestmöglicher Baubeginn gilt 2018. Die Bauzeit wird mit drei Jahren angegeben, die geschätzten Kosten mit 50 Millionen Euro.

Düker Holtenau

Die Versorgungsschächte mit diversen Leitungen für die Schleusenanlage werden nach über 100 Jahren bei laufendem Schiffsverkehr erneuert. 2016 sollen die Arbeiten abgeschlossen sein.

Kosten: Etwa 20 Millionen Euro.

Kanalvertiefung

Ziel ist eine Vertiefung um einen Meter, um Schiffen mit mehr Tiefgang die Durchfahrt zu ermöglichen. Eine Voruntersuchung ist abgeschlossen. Mit einer Realisierung rechnet die Wasser- und Schifffahrtsverwaltung aber frühestens nach weitgehendem Abschluss des Ausbaus der Oststrecke des Kanals.

 

Schon Anfang 2007 hatte der Bund den Bau beschlossen und für 2014/15 Fertigstellung anvisiert. „Der Kanal ist seit drei Jahren in besonders schwierigem Zustand“, sagt der Vorsitzende der Initiative Kiel Canal - so heißt die Wasserstraße international -, Jens Knudsen. Auf geplante Reparaturen können Reeder sich einstellen, auf kurzfristige Ausfälle nicht. „Das große Problem ist die Unplanbarkeit“, sagt Knudsen, der den Schiffsdienstleister Sartori & Berger vertritt. Drohen mehrstündige Wartezeiten am Kanal, wird es teuer - wegen des langen Umwegs über Skagen oder Zusatzkosten in den Zielhäfen infolge Verspätungen.

Nach den Erwartungen von 2007 sollten 2014 auch die Begradigung und Verbreiterung der Oststrecke abgeschlossen sein. Die 20 Kilometer westlich Kiels erschweren mit engen Kurven und schmaler Fahrspur die Passage. Nach dem Ausbau dürfen 280 Meter-Schiffe auf den Kanal, bisher ist bei 235 Metern Schluss. Der Ausbau schien zugunsten der Brunsbütteler Schleuse ins Hintertreffen zu geraten, doch dann auch hier ein Durchbruch: Am 6. Juni 2014, früher als erwartet, bewilligte der Haushaltsausschuss 265 Millionen Euro für die Oststrecke. Anfang 2015 begannen am Flemhuder See erste Bauarbeiten, die ein Jahrzehnt dauern sollen. Enorme 6,8 Millionen Kubikmeter Baggergut fallen an. „Im Vergleich zur Lage vor fünf Jahren haben wir einen Riesensprung gemacht“, sagt Knudsen - und mahnt an, auch die ebenfalls maroden Schleusen in Kiel-Holtenau zu modernisieren.

Auch der Kieler Wirtschaftsminister Reinhard Meyer (SPD) fordert den Bund auf, rechtzeitig die Mittel für weitere Maßnahmen zu planen. Die bisher gestarteten Arbeiten seien nur die ersten Schritte für eine unbedingt erforderliche Gesamtertüchtigung, zu der auch eine Vertiefung gehört. „Der Nord-Ostsee-Kanal spielt international eine bedeutende Rolle, nach 120 Jahren mehr denn je“, sagt der Präsident der Generaldirektion Wasserstraßen und Schifffahrt, Hans-Henrich Witte. „Er ist für den Wirtschaftsstandort Deutschland nicht mehr wegzudenken.“ Jeder dritte Container, den der Hamburger Hafen umschlägt, passiere den Kanal. „Deshalb investieren wir in die Infrastruktur und verfolgen die Baumaßnahmen mit hoher Priorität.“

Am Kanal hängen tausende Jobs, nicht nur in Schleswig-Holstein, auch in Hamburg oder in den exportstarken Ländern Baden-Württemberg und Bayern. „Für Hamburg ist es absolut lebensnotwendig, dass der Kanal funktioniert“, sagt Knudsen. Sonst verliere der Hafen seinen Wegevorteil Richtung Ostsee gegenüber Rotterdam.

In Hamburg verteilen Reedereien die Ladung großer Containerfrachter auf kleine Feederschiffe (Frachtschiffe), die sie dann via Kanal nach Osten bringen.700 Laster würden benötigt, um ein Feederschiff zu ersetzen. Keine Perspektive bei der Prognose, der Umschlag der deutschen Seehäfen steige von 276 Millionen Tonnen 2010 bis 2025 auf 759 Millionen. 2014 hatten 32.600 Schiffe auf dem Kanal eine Gesamtladung von 99,1 Millionen Tonnen befördert - trotz aller Probleme nach 2008 (105 Millionen) und 2012 (104 Millionen) das drittbeste Ergebnis der Geschichte.

„Endlich gibt es einen klaren Fahrplan für den Ausbau des Kanals“, sagt Schifffahrtexperte Jürgen Rohweder. „Zwar ist bedauerlich, dass erst 2028 alles fertig sein soll, aber die Zeichen sind gesetzt.“ Um den Kanal dauerhaft zukunftsfähig zu machen, müsse er aber auch vertieft werden, weil die Feederschiffe immer größer werden. „Sonst wandern die Verkehre doch noch in Richtung Skagen ab“, sagt der Vorsitzende des Nautischen Vereins Kiel.

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