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Carsten Rodbertus : Der Mann hinter Prokon

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Für die einen ist er ein ökologischer Visionär, für die anderen ein wirtschaftlicher Scharlatan: Carsten Rodbertus, der mit der Prokon-Gruppe gegen die Insolvenz kämpft.

shz.de von
erstellt am 15.Jan.2014 | 12:54 Uhr

Itzehoe | „Sie wissen ja: Ich habe gute Anwälte.“ Mit Journalisten redete der Chef der Prokon-Gruppe noch nie gerne, und in diesen Tagen schon gar nicht. Kein leichtes Unterfangen also, etwas über den Mann in Erfahrung zu bringen, der bei rund 75.000 Anlegern etwa 1,4 Milliarden Euro einsammelte und jetzt gegen die drohende Insolvenz seines Lebenswerkes kämpft.

Bis gestern wurden Genussrechte in Höhe von 202,38 Millionen Euro gekündigt. Eine Planinsolvenz lasse sich nur beim Erhalt von mindestens 95 Prozent des Genussrechtskapitals verhindern, hatte Prokon seinen Anlegern mitgeteilt. Fünf Prozent von 1,4 Milliarden Euro wären 70 Millionen Euro. Diese Summe ist bereits weit überschritten. Aber: Gut 9000 Kunden sollen sich entschieden haben, mehr als 180,5 Millionen Euro bei Prokon zu lassen, so das Unternehmen.

Die unglaubliche Geschichte des Carsten Rodbertus (52) beginnt 1993 auf der Dithmarscher Geest. In dem kleinen Dorf Arkebek errichtet der gelernte Buchhalter zwei Windkraftanlagen mit jeweils 110 KW-Leistung. Er tauft sie Käthe und Paul, die Vornamen seiner Großeltern. Immer wieder erzählt er stolz von diesen beiden Turbinen und darüber, was ihn angetrieben hat: Die Reaktor-Katastrophe von Tschernobyl im Jahr 1986.

Nach dem Erfolg mit seinen beiden Windrädern gründet Rodbertus 1995 gemeinsam mit dem Diplom-Ingenieur Ingo de Buhr eine Firma für PROjekte und KONzepte (Prokon) für Erneuerbare Energien. Die Partnerschaft der beiden Wind-Pioniere hält aber nicht lange, schon nach zwei Jahren trennen sie sich angeblich wegen „unterschiedlicher Zukunftsvisionen“.

Carsten Rodbertus führt Prokon weiter. In den ersten Jahren verkauft er Kommanditanteile von geschlossenen Windpark-Fonds, kurz vor der Finanzkrise im Jahre 2007 dann die Umstellung auf Genussrechts-Anteile von Anlegern. Rodbertus startet großangelegte Werbekampagnen und tourt selbst durch Deutschland, um für seine Vision zu werben.

Als „Robin Hood“ der Energiebranche gewinnt er schnell die Herzen der Kleinanleger – und ihr Geld. Heftig beschimpft er in seinen Vorträgen die Banken, die von ihrer Gier getrieben seien und die Finanzkrise verursacht hätten. Er nehme deshalb statt der Bankkredite lieber das Geld von privaten Anlegern und schaffe damit Werte, die gut für die Umwelt sind – Windanlagen und Biokraftstoffe.

„Ich hatte nicht den Eindruck, dass er uns das Blaue vom Himmel erzählt. Er war sehr sachlich, alles war nachvollziehbar“, berichtet ein Selbstständiger aus Paderborn, der vor einem Jahr einen Vertrag über 200 Euro pro Monat abschließt. Rodbertus, der ihm mit dem langen Zopf zunächst hippiemäßig vorkam, erzählt im persönlichen Gespräch über seine Anfänge mit den ersten beiden Windrädern, macht einen sympathischen Eindruck.

Wie woanders ist die Verkaufsveranstaltung in Paderborn bis auf den letzten Platz ausgebucht. Unter den Zuhörern sind auch zahlreiche Stammkunden. Ein Rentner erzählt, er habe 20.000 Euro angelegt und jedes Jahr die acht Prozent Zinsen bekommen. Es entwickelt sich unter den Anlegern eine regelrechte Fan-Gemeinde.

Das Geschäftsmodell läuft so gut, dass sich Prokon zum größten Anbieter von Öko-Kapitalanlagen in Deutschland entwickelt, sich vor Geld gar nicht retten kann. Auf der Weihnachtsfeier 2010 erklärt der Chef dann auch freimütig, man wisse gar nicht wohin mit dem Geld. Dies berichtet eine ehemalige Mitarbeiterin.

Dabei hatte Prokon in den Jahren zuvor bereits eine Unmenge Geld investiert. Nicht nur in Windparks und andere Firmen, auch in die Entwicklung der Drei-Megawatt-Windenergieanlage P3000. Fast 2500 Gäste feiern die Inbetriebnahme des Prototyps in Mecklenburg-Vorpommern. Der Prokon-Chef lässt sich den Spaß etwas kosten, bietet sogar Hubschrauber-Rundflüge an. Großzügig ist er auch beim Sommerfest 2013 in Itzehoe, wo eine neue Produktionshalle eingeweiht wird.

Überhaupt lässt Rodbertus gerne auch andere am Erfolg seiner Firmengruppe teilhaben und unterstützt soziale Projekte im In- und Ausland. So hilft das Unternehmen dem Verein Heimstatt-Tschernobyl beim Bau des ersten Windrades in Weißrussland.

Viel tut der Unternehmer auch für seine Mitarbeiter, die augenscheinlich fest hinter ihm stehen. Als Chef soll Rodbertus aber nicht einfach sein. „Er hat gewisse Ansichten, die hat nicht jeder. Und daneben lässt er nichts gelten“, so eine Mitarbeiterin. Doch in seinem Bestreben, anders als das bestehende System zu arbeiten, habe er durchaus Gutes im Sinn: „Er möchte das wirklich besser machen.“

Ein Thema dabei sei die Ökologie, ein anderes die Gleichbehandlung. Das habe der Firmengründer auch bei den Gehältern durchgezogen: Boni über das Grundgehalt hinaus seien nicht gezahlt worden, „und wenn, dann als Weihnachtsgeld für alle“. Ein gutes Beispiel sei auch der bargeldlose Essenszuschuss: Die Mitarbeiter durften abstimmen, ob er weiter geleistet oder lieber das Gehalt erhöht werden sollte. Die Entscheidung sei für eine Erhöhung ausgefallen, und die Personalabteilung habe dann für jeden einzelnen Angestellten die Berechnung anstellen müssen, damit für jeden das Gleiche herauskam.

Die betriebliche Altersversorgung nennt eine Ex-Mitarbeiterin als weiteres positives Beispiel, ebenso den betrieblichen Kindergarten. Zu den Baukosten sagte Rodbertus: „Geld ist auch nicht alles im Leben. Prokon ist an vielen Stellen eher ungewöhnlich und sozial eingestellt.“

Die Haltung von Rodbertus, anders zu sein als das System, habe sich die Belegschaft zu eigen gemacht, was wohl das „starke Zusammengehörigkeitsgefühl“ ausmacht. Dazu trägt bei, dass die Mitarbeiter selbst über Genussrechte verfügen, meint die ehemalige Mitarbeiterin.

Privat lebt der Prokon-Chef zurückgezogen in Hohenaspe bei Itzehoe, nur wenige kennen ihn im Dorf. In seiner Freizeit engagiert er sich für die Fallschirmspringer auf dem ehemaligen Militärflugplatz „Hungriger Wolf“. Für sie hatte Rodbertus eine 1,6 Millionen Euro teuren Cessna Caravan 208 gekauft, die sein Unternehmen auch für Geschäftsflüge nutzte.

Und ab und zu fährt er nach Dithmarschen zu Käthe und Paul, die sich nun schon seit 20 Jahren zuverlässig im Wind drehen. Ein Jubiläum, das Rodbertus vorigen Sommer feiert – diesmal bescheiden im kleinen Kreis.....

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