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Ostern : Der Code, die Henne, das Ei

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Ein Ei gleicht nicht dem anderen. Was passiert, bevor die Nahrungsmittel palettenweise in den Supermärkten zum Verkauf stehen.

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erstellt am 15.Mär.2016 | 18:27 Uhr

Da ist diese Idee von Bullerbü. Grünes Gras, sattgelbe Butterblumen und dazwischen scharren ein paar Hühner. Kleine gelbe Küken, überaus niedlich, blauer Himmel, die Welt ist schön. Auf der anderen Seite sind da die Bilder von zerrupften, zu Legemaschinen degradierten Vögeln mit kahlen Stellen am Hals. Dicht gedrängt quetschen sich tausende Hühner im düsteren Stall der Agrarindustrie. Angry Birds, die sich gegenseitig angreifen, weil ihr Leben diese Bezeichnung kaum verdient. Man ahnt, dass die Realität irgendwo dazwischen liegt. Doch woher genau kommen die Eier - die auf dem Frühstückstisch, die, die ausgepustet und bunt bemalt an Zweigen hängen? Und die, die quasi unbemerkt in Mayonnaise oder Fertigkuchen stecken?

Artgerechte Tierhaltung ist für immer mehr Verbraucher wichtig. Mit dem Kaufverhalten kann jeder ein wenig mitbestimmen, wie es in der Lebensmittelproduktion aussieht.

Mehr als 200 Eier isst jeder Deutsche durchschnittlich im Jahr. Eier sind vor allem in der Osterzeit für viele nicht aus dem Speiseplan wegzudenken. Doch viele Verbraucher haben sich weit entfernt von der Landwirtschaft. Manche sind verunsichert. Die Zeiten, in denen Legehennen ihr Leben auf der Fläche eines Din-A4-Blattes fristeten, sind vorbei. Die Käfighaltung wurde 2010 verboten. Doch wie es den Produzenten ihrer Nahrungsmittel heute tatsächlich geht, wissen die wenigsten. Was verbirgt sich hinter Code und Kükenschredder und warum ist Bruderhahn teurer als Bodenhaltung? Ein paar Stallbesuche bei Flensburg (Wees/Groß Rüde).

Schon am Code auf dem Ei kann man erkennen, wie und wo das Huhn lebt, das es gelegt hat. Die erste Ziffer steht dabei für die Haltungsform - von Bio bis Boden. Das DE dahinter steht für Deutschland und wer Eier aus Schleswig-Holstein kaufen möchte, achtet auf eine 01 hinter dem DE.

Eiercode Haltungsform Platz Freilauf Max. Anzahl pro Stall
0 ökologisch Max. 6 Hennen pro qm Mind. 4 qm pro Tier 3000
1 Freiland Max. 9 Hennen pro qm Mind. 4 qm pro Tier 6000
2 Boden Max. 9 Hennen pro qm - 6000
3 Kleingruppen Mind. 800-900 cm² pro Huhn - 20 bis 60 pro Gruppe

Code 0: Ökologische Haltung

Biofutter, mehr Platz und Freilauf: Für die ökologische Haltung werden strenge Regeln aufgestellt. Christian Petersen vom Hof Ankersolt in Angeln hat sich vor etwa 17 Jahren für Bio-Landwirtschaft entschieden. In den Ställen dürfen nicht mehr als sechs Hennen pro Quadratmeter leben und jedes Tier muss noch einen Freilauf von vier Quadratmetern haben. Hinzu kommt zumindest bei dem Angeliter Hof, dass die Eier noch weitere Bio-Label bekommen. Das bedeutet für die Petersens mehr Kontrollen und mehr Dokumentation - es kommen neben Veterinäramt und Co auch Experten von Demeter und Bioland auf dem Hof vorbei.

Diese Hähne wurden als Küken vor dem Schredder gerettet.
Diese Hähne wurden als Küken vor dem Schredder gerettet.

In den Hühnergruppen auf dem Hof Ankersolt leben aber auch Hähne. „Die Jungs sind als Beschützer da“, sagt Petersen. Die Hühner fühlten sich damit sicherer und das Sozialleben funktioniere auch besser. Die Hähne wurden als Küken vor dem frühzeitigen Tod gerettet. „Bruderhahn“ heißt diese Initiative, die es den Landwirten erlaubt, auch ein paar der männlichen Küken großzuziehen. „Das hat etwas mit ethischem Verhalten zu tun“, sagt Petersen. Denn normalerweise werden die männlichen Küken getötet. Für den Mastbetrieb wachsen die für das fleißige Eierlegen gezüchteten Tiere einfach nicht schnell genug. Die Aufzucht wird teuer und ertragsarm. Daher will niemand die männlichen Vögel haben. Petersen schon. Etwa 100 Hähne stolzieren in einem Auslauf umher, rangeln ein wenig oder flirten mit den Hühnern auf dem Feld nebenan. Am Ende landen aber auch sie als Fleisch auf dem Teller - „Ja, so ist das nunmal.“ 7,50 Euro bekommt Petersen von der „Bruderhahn“-Initiative für die Aufzucht eines Hahnes - das Geld kommt aus dem Mehrerlös des Eierverkaufs.

Code 1: Freilandhaltung

Hühner lieben Schnürsenkel. „Sie müssen die für einen Wurm halten“, sagt Julia Jessen lachend, während sie von Vögeln umzingelt vor dem Stall steht. Immer wieder picken die Hühner auf ihre Schuhe. Die stecken aus hygienischen Gründen in Plastiktüten, so dass die Schnürsenkeljagd erfolglos bleibt. Die Hennen, die erst seit Kurzem auf dem Hof der Jessens in Wees bei Flensburg wohnen, gewöhnen sich gerade erst daran, dass die Welt vor dem Stall noch weiter geht. Nur schüchtern wagen sie sich aus dem Gebäude hervor, aber auch nur unter das Vordach.

Pro Henne muss mindestens ein Platz von vier Quadratmetern Freilauf bereit stehen. Den nutzen die Tiere an dem kühlen Märznachmittag aber kaum aus. Sie drücken sich lieber um die Jessens mit ihren grünen Jacken herum. „Die erkennen die Jacken“, sagt Frank Jessen. Doch der Auslauf und die Sonne tun den Tieren schon gut, sagt der Hühnerhalter. Denn er hat den Vergleich: Nebenan wohnen die Hühner in Bodenhaltung, die weniger Platz und Licht haben als die Freilandhühner. „Die sind vitaler, das merkt man schon.“ Dadurch, dass die Hühner beschäftigt seien, werde das Federpicken reduziert „und der Kamm ist rot.“

Die Haltung mit dem Auslauf ist aufwändiger für die Jessens. Im Sommer wird häufiger eine Wurmkur fällig, etwa alle zwei Monate - denn die Hühner haben zwangsläufig auch Kontakt zu Wildvögeln. Und auch das Einsammeln der Eier braucht mehr Zeit. Suchen müssen die Jessens die Eier aber auch hier nicht. An einer Seite des Stalls sind abgedunkelte Nester angebracht, unter denen ein Fließband verläuft. Doch von dort müssen die Eier zur Sortieranlage gebracht werden. „Die Freilandhaltung ist schon Luxus“, sagt Jessen. Früher habe man nicht so viel fruchtbares Land für Hühner zur Verfügung stellen können.

Code 2: Bodenhaltung

Überall Hühner. Auf dem Boden, an den kleinen Metall-Tränken, auf Sitzstangen. Wie in Regalen sitzen die braunen Vögel übereinander. Balancieren über Stangen und wackeln in ihrem zuckenden Gang über Laufflächen. Ganz unten wird gescharrt. Die Tiere erscheinen etwas schüchterner als ihre freieren Nachbarn, aber auch sie haben es recht bald auf die Schnürsenkel abgesehen. Die Vorschrift besagt, dass hier neun Hühner auf einem Quadratmeter leben dürfen. Bei den Jessens sind es acht. Ein Stall für Bodenhaltungshühner liegt auf dem Jessen-Hof direkt über der Sortieranlage für Eier, so dass sie über eine Art Karrussel nach unten transportiert werden können. Das ist praktischer und platzsparender - und somit auch günstiger. Drei bis vier Cent sind Eier aus Bodenhaltung daher billiger. In der Qualität der Eier gebe es aber keinen Unterschied, sagt Frank Jessen.

Die Hühner haben bei der Bodenhaltung mehrere Ebenen zum Sitzen und fressen. Unten ist Streu zum Scharren.
Die Hühner haben bei der Bodenhaltung mehrere Ebenen zum Sitzen und fressen. Unten ist Streu zum Scharren.
 

Die Bodenhaltung hat für Jessen den Vorteil, dass die Tiere besser vor Krankheiten geschützt sind. „Außerdem ist das Stallklima sehr wichtig“, sagt der Landwirt. Das Streu müsse schön trocken sein, damit die Hühner gut darin scharren können. Da die Hühner kein Tageslicht abbekommen, sind besondere Lampen mit weiterem Lichtspektrum angebracht.

Die Eier aus Bodenhaltung werden mit Abstand am häufigsten produziert, sie machen mehr als 60 Prozent des Marktes aus. Frank Jessen glaubt, dass es auch nicht möglich wäre, alle Eier in Freilandhaltung zu produzieren. Denn wertvolles Ackerland gehe dadurch verloren. Doch ein weiterer Stall, der hinzukommen soll, wird ebenfalls einen Freilauf haben - und wenn er sich für eine Haltungsform entscheiden müsste, sagt Jessen, würde er Freiland wählen.

Code 3: Hühner in der Kleingruppe

Kleingruppen-Haltung im Käfig kommt in SH nur selten vor. Dieses Huhn aus Flintbek musste 2014 wegen der Vogelgrippe hinter Gittern wohnen.
Kleingruppen-Haltung im Käfig kommt in SH nur selten vor. Dieses Huhn aus Flintbek musste 2014 wegen der Vogelgrippe hinter Gittern wohnen.
 

Die Käfighaltung von Hühnern in der sogenannten Legebatterie wurde im Jahr 2010 verboten. Schon davor ging der Markt rapide nach unten: Viele Verbraucher wollten diese enge Form der Tierhaltung nicht mehr und der Handel reagierte entsprechend. Den alten Code 3 bekommen jetzt Eier aus Kleingruppenhaltung. 20 bis 60 Hennen wohnen in einem Käfig zusammen. Die Haltung in der Kleingruppe sieht für Hennen unter zwei Kilogramm Gewicht eine Fläche von 800 Quadratzentimetern pro Henne vor und 900 Quadratzentimeter für schwerere Hennen - das sind 30 mal 30 Zentimeter pro Tier. Der Tierschutzbund hält dies für zu wenig und sieht die Gefahr, dass Verhaltensstörungen wie Federpicken und Kannibalismus entstehen. Die Kleingruppenhaltung sei nichts anderes als eine neue Variante des Käfigs, weshalb der Deutsche Tierschutzbund auch direkt von „Kleingruppen-Käfigen“ spricht. Der Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft findet hingegen, dass darin ein verhaltens- und tiergerechtes Leben möglich sei.

In Schleswig-Holstein gibt es nach Angaben der Landwirtschaftskammer nur noch vereinzelt Landwirte, die Hühner auf diese Weise halten, im Jahr 2014 waren es noch vier. Die Eier sind nicht lose im Handel zu kaufen, sondern finden sich in Fertigprodukten. Den Einzelpreis für Käfig-Eier listet die Landwirtschaftskammer wegen der geringen Zahl nicht auf.

Doch während auf dem einzelnen Ei sehr transparent angegeben wird, von welchem Hof es kommt, sind bei Nudeln, Fertigkuchen oder Mayonnaise oft keine Angaben zu finden. Margit Beck von der Marktinfo Eier & Geflügel in Bonn sagt, es sei schwierig, die Informationen in der Lebensmittelproduktion ebenso genau zu machen. „Dann müssten Sie schon bei jeder Tiefkühlpizza ein Reclam-Heft für die Zutaten beilegen“, sagt sie. „Einige Produkte haben aber auch schon aufgedruckt, aus welcher Haltungsform die Eier kommen.“

Die Petersens vom Hof Ankersolt sind sich sicher, dass auf lange Sicht sich eine ökologischere und ethischere Form der Tierhaltung durchsetzen wird. „Unsere Ernährung wirkt sich auf die Gesundheit aus, auch auf die Psyche“, sagt er.  „Wer weiß, vielleicht gucken die Leute in 100 Jahren auf uns zurück und fragen sich, was wir da eigentlich gegessen haben.“

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