Fragen und Antworten : Das UKSH, der Landtag und die Operation Schuldenberg

Die chirgurgische Klinik des UKSH in Kiel.
Die chirgurgische Klinik des UKSH in Kiel.

Der Patient Uni-Klinikum soll mit Landeshilfe gesunden. Die Regierung ist bereit, dem UKSH Schulden abzunehmen - unter Bedingungen. Es geht um über 200 Millionen Euro und Zinszahlungen. Zugleich wird die Sanierung der maroden Klinikgebäude viel teurer als angekündigt.

shz.de von
20. Juni 2014, 14:56 Uhr

Das Uni-Klinikum hat in den vergangenen Jahren ein so hohes Defizit eingefahren, dass die Politik überlegt, das Minus zu übernehmen. Gleichzeitig müssen die alten Gebäude saniert werden. Wie viel Mitschuld trägt die Politik? Können die Klinik-Pläne überhaupt wirtschaftlich sein? Landtag und UKSH stehen wie der Ochs vorm Schuldenberg.

Wie hoch ist der Schuldenberg des UKSH?

Das UKSH hat einen Schuldenberg von rund einer Viertelmilliarde Euro in den vergangenen Jahrzehnten angehäuft. UKSH-Sprecher Oliver Grieve betont: „Das Klinikum ist nicht Schuld an dem Minus.“ Jetzt hofft das Großunternehmen mit 11.800 Mitarbeitern und 2500 Patientenbetten auf Hilfe des Landes, um wieder Luft zu bekommen. Unter Bedingungen ist die Landesregierung offenkundig bereit, dem UKSH Schulden abzunehmen. Dabei zeigten sich die Parteien einig, dass dem UKSH geholfen werden muss. Die Ausschüsse sollen jetzt klären, wie.

Welche Bedingungen stellt die Politik an das UKSH?

Die Politik verlangt vom Uniklinikum, wirtschaftlich zu arbeiten. Es dürfe keine weiteren Schulden aufbauen. Einen Sanierungsplan erwartet Finanzministerin Monika Heinold im September. Sie rechne mit deutlich höheren Sanierungskosten als den bisher veranschlagten 540 Millionen Euro.

Wie konnte der Schuldenberg so hoch werden?

Das Uniklinikum hat mehrere Probleme:

  • Für Unikliniken ist es generell schwieriger, wirtschaftlich zu arbeiten, als für andere Kliniken.
  • Die Vergütungen für einzelne Behandlungen sind in SH besonders niedrig – und liegen unter dem Bundesschnitt.
  • Die Uniklinik in Kiel hat mit ihren verteilten – teils sanierungsbedürftigen - Klinikgebäuden ein alltägliches Logistikproblem. Das führt auch zu einer schlechteren Auslastung.
  • Die Kieler Klinik kümmert sich um die „Härtefälle“ des Landes, die von anderen Kliniken dorthin verwiesen werden – und eine entsprechend lange und teure Behandlung brauchen.
Warum brauchen Unikliniken mehr Geld als andere?

Für Unikliniken ist es stets schwierig, wirtschaftlich zu arbeiten. Der überwiegende Teil in Deutschland sei defizitär, sagt UKSH-Sprecher Oliver Grieve. „Wir haben besondere Belastungen, wie etwa Forschung und Lehre.“ 3500 Studenten erhalten eine im Bundesvergleich qualitativ gute Lehre in der Humanmedizin und Zahnmedizin. Somit sorgt das Klinikum für den Nachschub an Fachkräften. Hoher Kostenpunkt ist auch die Forschung: Die Schwerpunkte liegen unter anderem auf den Feldern Entzündung und Infektion, Klinische Genomforschung, Neurowissenschaften, Onkologie, Reproduktionsmedizin, Transplantationsmedizin, Biomedizinische Technologien sowie Endokrine Steuerung und Regulation. Andere Länder wie die Niederlande würden den Unikliniken einen sogenannten Systemzuschlag zahlen. Dieser ist dazu da, die Mehrkosten aufzufangen. „Wir sind verantwortlich für die Medizin des 21. Jahrhunderts“, sagt Grieve. Diese Leistung müsste auch vergütet werden. Im Jahr 2003 bekam das UKSH für Forschung und Lehre 122 Millionen Euro extra, 2012 waren es 107,8 Millionen.

Warum bekommen die Kliniken in SH weniger Geld pro Behandlung?

Schleswig-Holstein liegt beim sogenannten Basisfallwert, der die Grundlage für die Vergütung der Krankenhausleistungen definiert, auf einem der letzten Plätze. Diese Ungerechtigkeit ist historisch gewachsen: Als 2003 der Wert festgelegt wurde, orientierte er sich an aktuellen Werten. Diese lagen in Kiel besonders niedrig. Stünde das UKSH heute in der Eiffel, würde es jährlich 40 Millionen Euro mehr bekommen, in Hamburg immerhin 20 Millionen. Dieses Gefälle hat mit den tatsächlichen Ausgaben nichts zu tun – die Tariflöhne gelten bundesweit – und auch Investitionen in neue Anschaffungen sind in Kiel nicht günstiger als im Süden.

Seit Jahren versucht die Politik, den Wert bundesweit anzugleichen – allerdings gelingt dies nur in kleinen Schritten. Positive Aussicht: Eine im Januar mit den Krankenkassen verabredete Anhebung des  landesweiten Basisfallwertes würde dem UKSH künftig jährliche Mehreinnahmen von etwa 16 Millionen Euro bringen. Eine weitere Angleichung an den bundesdurchschnittlichen Vergütungswert würde zusätzliche neun Millionen Euro bringen.

Sind die vielen Gebäude ein Problem?

Das Uniklinikum leidet unter der historisch gewachsenen Struktur: Viele verschiedene Gebäude für die einzelnen Kliniken machen die Wege lang und kompliziert. Patienten müssen vor der Verlegung in ein anderes Gebäude manchmal stundenlang warten– manchmal auf dem Flur der Klinik. So steht das UKSH beispielsweise bei Frühgeburten vor dem Problem, dass die Kinderklinik etwa 1,5 Kilometer von der Frauenklinik entfernt ist. Auch die Proben aus einer Operation, die zur Untersuchung in die Pathologie geschickt werden, brauchen lange. Schließlich müssen sie mit dem Auto quer über den Campus gefahren werden. Währenddessen verschlingen die Wartezeiten des OP-Teams Kosten und Ressourcen. Daher möchte das UKSH einen modernen Zentralbau haben. An der Stelle der alten Radiologie soll das Zentralklinikum errichtet werden. Ein neues Gebäude sorgt für kürzere Wege – und hilft dem Klinikum auch dabei, die vorhandenen Betten auszulasten. Denn diese können dann für verschiedene Fachbereiche genutzt werden. Bislang galt nämlich: Ein Patient muss auch in dem Gebäude untergebracht werden, wo auch der zuständige Facharzt arbeitet. Das konnte zur Folge haben, dass einige Klinikgebäude überlastet waren, während in anderen noch Betten frei waren. Auch sind durch die Gebäudestruktur die Stationsgrößen teilweise ungünstig für das wirtschaftliche Arbeiten. Angestrebt werden Stationen mit 30 bis 40 Betten. Zurzeit gibt es noch Stationen mit 14 Betten.

Wäre eine Sanierung kostengünstiger?

Einen Neubau fordert das UKSH schon länger – dieser wurde nach Angaben von Kliniksprecher Oliver Grieve auch zugesichert. Doch das Versprechen wurde in Zeiten der Schuldenbremse wieder kassiert. Nach Grieves Einschätzung würde eine Sanierung der maroden Gebäude langfristig teurer sein als ein Neubau.

Wie soll der Neubau aussehen?

Der Neubau soll auf Änderungen der medizinischen Versorgung der kommenden 25 Jahre eingehen. Beispielsweise wird es weniger Geburten geben – hier gibt es Sparpotenzial. Hingegen wird mit immer mehr älteren Menschen die Zahl der Intensivbetreuung zunehmen müssen. Das wirkt sich sogar in Details wie der Deckenhöhe aus, die für die Gerätschaften einer Intensivbetreuung höher sein muss. Auch könnte mit der Reduzierung der Eingänge gespart werden. Zurzeit hält das UKSH zehn Eingänge mit entsprechendem Pfortendienst bereit.

Derzeit laufen Verhandlungen über den zentralen Neubau. Ein Konzept wird dem Landtag im Herbst vorgelegt, so dass im Januar 2015 die Bagger rollen könnten. Das alte Hauptgebäude der Radiologie (Arnold-Heller-Straße) wird bereits dem Erdboden gleich gemacht. Nach Angaben der Abrissfirma sollen die Arbeiten voraussichtlich bis Juli abgeschlossen sein. Die Kosten für die Abrissarbeiten bezifferte ein UKSH-Sprecher auf rund 1.856.000 Euro. Die Kliniken, die in dem Gebäude untergebracht waren, sind 2013 umgezogen. Die Radiologie befindet sich nun zum Teil im Karl-Lennert-Krebscentrum Nord und zum Teil im Haus 18 (Chirurgie). Die Strahlentherapie und die Nuklearmedizin befinden sich im Karl-Lennert-Krebscentrum Nord. Alle Geräte waren bereits vor dem Abriss ausgebaut worden. Zum Teil sind sie ins Krebscentrum Nord umgesetzt, zum Teil durch neue Geräte ersetzt worden. Im Frühjahr 2015 wird zudem das Haus 20 abgerissen. Dort wird das Zentrallabor errichtet.

Kann Expertise zum finanziellen Nachteil werden?

Ein Viertel aller Krankenhauspatienten in Schleswig-Holstein wird im UKSH behandelt. Das sind 400.000 Fälle. Darunter die besonderen Härtefälle. Von den rund 100 Krankenhäusern in Schleswig-Holstein gewährleisten die Unikliniken  die medizinisch-technische Spitzenversorgung des Landes. Besonders schwere Fälle werden nach Kiel verwiesen. So musste sich das Uniklinikum 2011 um die Ehec-Erkrankten kümmern, was beispielsweise die Flensburger Diako und die Regio-Kliniken abgelehnt hatten. Der durchschnittliche Fallschweregrad liegt um ein Drittel höher als bei anderen Kliniken. Opfer besonders schwerer Unfälle werden nach Kiel geflogen. So konnte das Kieler Ärzte-Team einem verunglückten Lkw-Fahrer die Beine retten. Der Kostenpunkt lag bei 100.000 Euro. Eine Amputation wäre günstiger gewesen. UKSH-Sprecher Oliver Grieve betont, dass es bei medizinischen Behandlungen nicht nur um die Kosten gehen sollte.

Kann das UKSH sich wirtschaftlich retten?

Kommt es zu einem größeren Etat durch einen angepassten Basisfallwert und zu einem Systemzuschlag, rechnet UKSH-Sprecher Oliver Grieve mit einer Schwarzen Null für 2017. Durch den Zentralbau würden Kosten für die Transportewege auf dem Klinikumsgelände verringert. Ob das reicht, soll  in den Landtags-Ausschüssen weiter diskutiert werden. Aus roten Zahlen müssten dauerhaft schwarze werden, forderte Finanzministerin Heinold. Das UKSH müsse deutlich zeigen, wie es das Ziel einer schwarzen Null im Jahr 2017 erreichen will.

Kommt es zu Entlassungen oder Arbeitsverdichtungen?

Kliniksprecher Oliver Grieve: „Wir haben das Ziel, dass die Bedingungen für die Mitarbeiter besser werden.“  Nach seinen Einschätzungen wird es am UKSH an einigen Stellen zu Arbeitsverdichtungen, an anderen zu -entlastungen kommen. Entlassungen stehen nicht zur Debatte. Im Gegenteil: Im medizinischen Bereich werden Fachkräfte gesucht.

 
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