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„Kaisersaal“ in Hennstedt : Das Sterben der Landgasthöfe – ein Partyraum im Dornröschenschlaf

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Das goldene Zeitalter der Landgasthöfe ist vorbei. Der „Kaisersaal“ in Hennstedt (Kreis Dithmarschen) steht seit acht Jahren zum Verkauf.

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erstellt am 22.Jun.2015 | 09:33 Uhr

Hennstedt | Wenn Rolf Gosau an seinem Tresen steht ist es, als sei die Zeit stehen geblieben. Wehmütig präsentiert der 90-Jährige in grauem Pullunder vor dunklen, holzvertäfelten Wänden seinen Landgasthof „Kaisersaal“. Alles ist fein hergerichtet. Die mintgrünen Polstermöbel sind in einwandfreiem Zustand. Auf den Tischen stehen Aschenbecher und im Regal die Spirituosen bereit. Die Gaststube in Hennstedt (Kreis Dithmarschen) ist mehr als einladend und ginge in Berlin Neukölln vielleicht sogar als hippes Retro-Lokal durch. Das Problem ist nur: Hennstedt ist nicht Berlin. Seit acht Jahren hat im „Kaisersaal“ niemand mehr gefeiert.

So wie die Augen von Rolf Gosau beim Gang durch den Clubraum und den Saal glänzen, kann er heute noch die 300 Gäste sehen, die hier zu Hochzeiten tanzten und sich amüsierten. Der „Kaisersaal“ ist ein Musterbeispiel für die goldenen Zeiten der Landgasthöfe in Schleswig-Holstein in den 60er Jahren. Er diente einst sogar als Kino. „Der Saal hat eine wunderschöne Akustik. Der Tresen ist 16 Meter lang. Wir hatten immer Betrieb“, erzählt der Mann, der sich bis zu seinem 82. Lebensjahr der Geselligkeit verschrieben hatte. So lange führte Rolf Gosau den Betrieb. Das Alter und die Gesundheit ließen die aufreibende Arbeit als Wirt zuletzt nicht mehr zu.

Heute: Stille. „Manchmal komme ich noch mit Freunden hier her und wir spielen Karten.“ Seit 2007 steht der „Kaisersaal“ zum Verkauf. Ein Schild im Schaufenster weist darauf hin. Aber acht Jahre sind eine lange Zeit. „Ich werde dieses Jahr 91. So langsam habe ich keine Lust mehr“, sagt Gosau. Mit dem Preis ist der einstige Bürgermeister und Kreispräsident zuletzt deutlich runter gegangen und hatte das Gebäude der Gemeinde angeboten. Die aber investierte lieber in einen neuen Markttreff als in seinen Landgasthof. War doch ein Neubau zwar deutlich teurer aber dafür mit Fördergeldern bezuschusst. Die Konkurrenz schrecke jetzt mögliche Investoren ab.

Aber es ist nicht nur das. Früher habe Hennstedt noch acht Gaststätten mit zwei Saalbetrieben gehabt. „Jetzt gibt es hier noch zwei Pizzerias“, sagt Gosau. Erst kam das Fernsehen, dann bestellten sich die Leute plötzlich Essen nach Hause und die Vereine fingen an, in ihren Vereinsheimen Getränke auszuschenken. „So sterben die die Landgasthöfe“, schließt der Ex-Wirt.

Ein paar Jahre hatte seine Tochter den Betrieb weiter geführt, bis sie 2006 in ihren Job in der Finanz-Branche zurückkehrte. Der Sohn hat international in großen Hotels Karriere gemacht. Auf eine Unternehmensnachfolge innerhalb der Familie kann Rolf Gosau also nicht hoffen. „Der Kaisersaal wäre etwas für Musikbegeisterte oder lässt sich als Konferenzzentrum nutzen“, sagt er beim Zuschließen der Tür.

Als Rolf Gosau 1965 die Gaststätte ausbaute, fand er hier unter dem Schutt eine Schatulle. Der Erbauer hinterließ 1896 darin eine Nachricht. Der 90-Jährige hat sie bis heute nicht vergessen. „Möge über diese Schwelle reger Verkehr und in den Räumen keusches und züchtig’ Leben herrschen“, zitiert Rolf Gosau die frohe Botschaft. Nur Hoffnung hört man aus diesen Worten nicht mehr heraus.

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