"Baltic Sea International Campus" : Das kleine China an der Ostsee

Regelmäßig sind chinesische Delegationen zu Gast im Baltic Sea International Campus, die wirtschaftliche oder kulturelle Interessen vertreten - so wie hier die 'Nujiang Peoples Association for Friendship with Foreign Countries'. 2010 unterschrieben  Delegationsmitglied Mi Xiufang und Prof. Peter Jochimsen eine Kooperationsvereinbarung. Foto: peters
1 von 2
Regelmäßig sind chinesische Delegationen zu Gast im Baltic Sea International Campus, die wirtschaftliche oder kulturelle Interessen vertreten - so wie hier die "Nujiang Peoples Association for Friendship with Foreign Countries". 2010 unterschrieben Delegationsmitglied Mi Xiufang und Prof. Peter Jochimsen eine Kooperationsvereinbarung. Foto: peters

Bildungsunternehmen "Baltic Sea International Campus" in Eckernförde arbeitet seit sechs Jahren eng mit China zusammen.

Avatar_shz von
30. Oktober 2012, 10:53 Uhr

Eckernförde | Die chinesische Physiognomie ist den Eckernfördern wohl vertraut. Jedes Jahr kommen rund 100 Studenten aus dem Reich der Mitte in die beschauliche Stadt an der Ostsee, um am Baltic Sea International Campus (BSIC) die deutsche Sprache zu lernen und so die Befähigung für ein Studium an einer deutschen Hochschule zu erhalten. Wenn die jungen Menschen dann in Gruppen aus dem Gebäude der ehemaligen königlich-preußischen Baugewerbeschule von 1870 strömen und durch die Innenstadt schlendern, dreht sich schon längst niemand mehr nach ihnen um.
Die chinesischen Studenten sind das sichtbare Zeichen für die Existenz eines Unternehmens, das sich besonders in Asien engagiert: Der BSI-Campus unterhält vielfältige Kontakte nach China. Vor sechs Jahren gegründet, ist er eine von vielen privaten GmbHs, die in einem Netzwerk von zwölf Körperschaften ein Ziel verfolgt: der Welt zu mehr Bildung, Forschung und Technologie zu verhelfen.
Fort- und Weiterbildung
"Wir sind ein privates Bildungsunternehmen, das vieles macht wie eine moderne Hochschule", sagt Peter Jochimsen, ehemaliger Rektor der Fachhochschule Kiel und Präsident des BSIC. Er lenkt zusammen mit Geschäftsführerin Wei Qian, die auch Vorsitzende der Deutsch-Chinesischen Gesellschaft ist, die Geschicke des Baltic Sea International Campus und ist regelmäßig in China.
Zum Portfolio des BSIC gehört die Fort- und Weiterbildung sowie berufliche Bildung von Spezialisten, Dozenten und angehenden Akademikern, die sich insbesondere in den Bereichen Gesundheit, Erneuerbare Energien, Kultur und Soziales engagieren wollen. Dabei verfolgt die Einrichtung das Prinzip, lebenslanges, interkulturelles Lernen mit weltweitem Handel und sozialem Engagement zu verknüpfen. Bildungs beratung, Studienplatzvermittlung in Deutschland und im Ausland, Expertenaustausch sowie Studenten- und Schüleraustausche sind weitere Angebote des Campus.
Bildung als Schlüsselqualifikation
Peter Jochimsen und Wei Qiang haben zwölf Körperschaften - GmbHs und Stiftungen - gegründet oder sind an ihnen beteiligt. "Zusammen mit Hochschulen in Shanghai betreiben wir Forschung und Entwicklung im Bereich der Umwelttechnik und Erneuerbaren Energien", sagt Peter Jochimsen. "Wir vermarkten die Technologie und die Forschungsergebnisse. Und wir bilden Menschen aus, damit sie studieren können." Bildung sei die Schlüsselqualifikation für eine bessere Welt.
Die Vermarktung der Technologie schlägt sich zum Beispiel in einem Vertrag mit einem der größten Industriekonzerne in Chinas Westen nieder: Hier werden unter Beteiligung des BSIC Trinkwasseraufbereitungsanlagen hergestellt, die nach Angaben Jochimsens teilweise zum Selbstkostenpreis in den chinesischen Provinzen abgegeben werden.
Kooperationspartner gesucht
Aktuell sucht der BSIC Kooperationspartner in Deutschland für ein Projekt, das nach dem Stein der Weisen klingt: Zwei Shanghaier Unternehmen, darunter die "Shanghai Yaoyuan environmental protection technology company", haben eine Maschine erfunden, die schon für den chinesischen Markt produziert wird. Mit ihr kann nach Firmenangaben Plastikmüll umweltfreundlich in seine Bestandteile aufgelöst werden. Als Produkt entstehen am Ende zu 90 Prozent Benzin, Öl und Paraffin sowie zu 10 Prozent brennbares Gas und Ruß. Präsentiert wurde die Maschine unter anderem auf der Expo 2010 in China.
Zusammen mit dem BSIC sucht Geschäftsführer Xu Xiao Qi nun ein deutsches Unternehmen, das die Technik verfeinert und die Maschine für den internationalen Markt herstellt. Jochimsen kann sich gute Chancen für schleswig-holsteinische Unternehmen mit Erfahrungen im Schiffbau als "Alleskönner" vorstellen. An der Entwicklung der nächsten Generation, die auch Autoreifen verwerten kann, wird schon gearbeitet.
Der Baltic Sea International Campus ist noch weitgehend unbekannt in Schleswig-Holstein - trotz der prominenten Personen wie Heide Simonis oder Uwe Friedrichsen, die einen Sitz im Aufsichtsrat haben. Und trotz der kulturellen Arbeit, die der Campus mit der Galerie 66 leistet: Hier waren auch schon Helmuth Karasek und Joachim Gauck zu Gast, um aus ihren Büchern zu lesen. Was nicht bedeutet, dass der normale Bürger vergessen wird. Zum Portfolio des BSIC gehört auch die Wohlfahrt: Über das "Baumhaus-Projekt" fahren jedes Jahr junge Deutsche für ein Jahr in die chinesische Yunnan-Provinz, wo sie kostenlos an Schulen arbeiten. Und dann sind sie es, die mit ihrer europäischen Physiognomie aus den Schulen strömen und schon längst kein Aufsehen mehr erregen.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen