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28 Cent für einen Liter Milch : „Da bleibt nichts übrig“ – Ein Bauer berichtet von seiner Not

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Landwirt Nico Hellerich: Unter den Milchbauern herrschen Verbitterung, Verunsicherung und große Sorgen.

Wewelsfleth | Jedes Mal, wenn der Tankwagen der Breitenburger Milchzentrale vom Hof fährt, schaut Nico Hellerich nicht nur den Früchten seiner Arbeit, sondern auch barem Geld hinterher. Gerade mal 28 Cent bekommt er von der Meierei für einen Liter Milch. Mindestens 33 Cent müssten es sein, damit er wenigstens die Produktionskosten wieder voll reinbekommt. Wie dem Vorsitzenden des Bezirksbauernverbandes Wilstermarsch geht es seit Monaten auch seinen Berufskollegen. Die Milch ist zum reinen Zusatzgeschäft geworden. „Da muss man schon eine gehörige Portion Selbstdisziplin mitbringen“, meint der 48-Jährige auf die Frage, wie er damit umgeht. Am Mittwoch gab es deshalb eine Kundgebung in Rendsburg. Dort wurde gefordert, bei einer sich ankündigenden Krise die Produktion zurückzufahren und so das Angebot zu verknappen.

Nico Hellerich bewirtschaftet einen für die Marsch typischen Familienbetrieb: 90 Kühe, 79 Hektar Land, davon 27 im Eigentum. Jeden Tag geben seine Tiere rund 1800 Liter Milch ab. „Da kann man sich leicht ausrechnen, was am Ende übrig bleibt.“ Nämlich mehr als nichts – man zahlt drauf. Natürlich könne man sich das auch schönrechnen: Der Trecker läuft eben ein bisschen länger, Investitionen bleiben aus, Abschreibungen werden verfrühstückt. Und an Reparaturen wird nur noch das Allernotwendigste gemacht. „Die Lage auf dem Milchmarkt bekommen allmählich auch die Unternehmen zu spüren, die noch an der Landwirtschaft dranhängen“, weiß Hellerich.

Das Dilemma habe mit dem Russland-Embargo begonnen. Bis dahin hatten die Bauern mit ihrer Milch zeitweise sogar noch richtig gutes Geld verdient. Weil ein wichtiger Absatzmarkt – auch für die Breitenburger – aber weggefallen sei, müsse die Milch sich eben andere Wege suchen, was auf den Preis drückt. Den Meiereien will er da gar keinen Vorwurf machen. „Das sind doch wir selbst“, weist er auf das Genossenschafts-Modell hin. Auch die seit April weggefallene Milchquote spiele für die aktuelle Preissituation keine Rolle. Zwar unterlägen die Landwirte jetzt keinen Mengenbeschränkungen mehr. Aber so schnell könnten die Betriebe Mengen auch gar nicht steigern. Auch dann nicht, wenn sich die Preise wieder erholen.

So bleiben Hellerich und seine Berufskollegen dem Preis für die Milch mehr oder weniger hilflos ausgesetzt. Zwar habe es auch in der Vergangenheit immer ein Auf und Ab gegeben. „Die guten Phasen dauern aber nicht lange genug.“ Hellerich weiß, dass viele Betriebe von der Substanz leben und vielfach keine Rücklagen für schlechte Zeiten mehr bilden können. Günstige Darlehen oder die von Finanzministerin Monika Heinold versprochene großzügige Auslegung der Ermessensspielräume bei den Finanzämtern sind nach seiner Einschätzung auch keine wirkliche Hilfe. Irgendwann müsse ja auch dieses Geld zurückgezahlt werden.

Bleibt das Problem, dass niemand weiß, wann es mit den Milchpreisen wieder nach oben geht. „Verbitterung, Unsicherheit, in jedem Fall große Sorgen“, fasst Nico Hellerich die Stimmungslage bei den Milchbauern zusammen. Auch die Verbände stünden dem Problem derzeit ja eher ratlos gegenüber. Gerade die Funktionäre nimmt Hellerich aber jetzt auch in die Pflicht: „Die sollen nicht nur in guten Zeiten jubeln, dass der Markt alles regele, und sich in schlechten Zeiten dann wegducken.“ Eine Rückkehr zur Milchquote oder gar staatlich garantierte Milchpreise lehnt der Landwirt allerdings strikt ab. Und auch ein Streik der Milchbauern ist für ihn kein Thema. „Der Tankzug aus Holland steht doch innerhalb von vier Stunden am Wilster Einkaufszentrum.“ Hellerich macht deutlich, dass Milch zumindest innerhalb von Europa keine Grenzen kennt und bei Bedarf sofort die Konkurrenz bereit steht.

Trotz aller Not setzt er seine ganze Hoffnung auf einen langfristig funktionierenden Markt. „Wir müssen jetzt neue Produkte entwickeln und neue Märkte erschließen.“ Vielleicht, so fügt er noch hinzu, sollte man aber auch das Embargo überdenken. Wie lange er und seine Berufskollegen darauf noch warten können, weiß auch Hellerich nicht. „Jeder Betrieb ist anders aufgestellt.“ Für alle aber gilt: „Unter ökonomischen Gesichtspunkten müssten wir eigentlich alle aufhalten.“

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erstellt am 13.Aug.2015 | 07:27 Uhr

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