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Gülle-Unfälle : Biogas-Anlagen in SH werden strenger überwacht

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Mehr als 100 Gülle-Pannen in fünf Jahren: Umweltminister Robert Habeck will die Gewässer besser schützen.

In Brokenlande bei Neumünster liefen im Januar zwei Millionen Liter Gärflüssigkeit aus einer Biogasanlage – ein Ventil war abgerissen. In Koldenbüttel in Nordfriesland strömten 200 Kubikmeter Gärreste aus, weil ein Schlauch platzte, und in Steinbergkirche zerbarst ein kompletter Güllebehälter – zum Glück gab es dort einen Erdwall, so dass in der benachbarten Au keine Fische sterben mussten.

Solch einen Wall fordern Experten inzwischen für alle Biogasanlagen. Denn die geschilderten Zwischenfälle sind keine Ausnahmen. „In den letzten fünf Jahren sind insgesamt 104 Gülle-Unfälle bei Biogasanlagen registriert worden“, berichtet Nicola Kabel, Sprecherin des Kieler Umweltministeriums. In 84 Fällen versickerte Gülle im Boden, verunreinigte Gewässer und Grundwasser. Die Unfälle ereigneten sich in den Kreisen Rendsburg-Eckernförde, Schleswig-Flensburg, Ostholstein, Plön und Segeberg. Dabei ging es nicht um kleine Zwischenfälle. Als „Unfall“ werden nur Ereignisse registriert, „bei denen eine im Hinblick auf den Schutz der Gewässer nicht unerhebliche Menge dieser Stoffe bestimmungswidrig austritt“.

Minister Robert Habeck zieht jetzt Konsequenzen: „Weil es immer wieder Mängel an Biogasanlagen gibt, werden wir die Überwachung systematisieren und intensivieren.“ Ein entsprechendes Konzept soll noch dieses Jahr umgesetzt werden. Dabei werden Zuständigkeiten gebündelt. Bislang laufen Kontrollen nach Gewässerschutz und nach Immissionsschutz getrennt voneinander – die einen über die Unteren Wasserschutzbehörden der Kreise, die anderen nach Immissionsschutzrecht. Ziel sei es, „die Spreu vom Weizen“ zu trennen und Betriebe, bei denen immer wieder Mängel auftreten, genauer unter die Lupe zu nehmen, damit der Stand der Technik eingehalten wird, betont Habeck.

Beim Fachverband Biogas versteht man die Aufregung nicht. „Wo gearbeitet wird, passieren auch Unfälle“, beruhigt Schleswig-Holsteins Verbandssprecher Hans-Ulrich Martensen die Gemüter. „Durch zusätzliche Kontrollen und Gesetzesänderungen gibt es keinen Unfall weniger“ , ist er überzeugt. Pläne des Bundesumweltministers, der Erdwälle um Biogasanlagen vorschreiben will, lehnt er ab. „Wo bleibe ich dann mit meinen Regenwasser?“ Auch doppelwandige Gärtanks und Substratbehälter sowie deren regelmäßige Kontrolle stoßen auf Ablehnung. „Die müsste ich dann ja jedesmal leer machen und dabei Emmissionen freisetzen“, argumentiert Martensen.

Zwar sind Fachleute selbst beim Bauernverband der Meinung, dass „wer eine Kuh füttern kann noch längst nicht in der Lage ist, eine Biogasanlage zu füttern“ und deshalb Sicherheistsstandarts streng zu kontrollieren sind, doch damit stoßen sie bei den Betrieben auf wenig Gegenliebe. Im Gegenteil: Erst kürzlich warnte der Deutschlandchef des Fachverbandes Biogas, Claudius da Costa Gomez, „dass neue, aus Klimaschutzgründen besonders sinnvolle Biogasanlagen vermutlich gar nicht erst gebaut werden, wenn die Auflagen verschärft werden“. Wie vor diesem Hintergrund die Klimaziele der Bundesregierung erreicht werden sollen, sei ihm ein Rätsel.

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erstellt am 18.Okt.2015 | 17:40 Uhr

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