Fachkräfte-Mangel in SH : Betriebe stellen sich der Realität auf dem Arbeitsmarkt – mit Erfolg

<p>„Können Sie prömpeln?“:  Mit dieser Frage empfängt der Sachbearbeiter im Clip des Vereins „Die schönste Förde der Welt“ Neu-Flensburger im Bürgerbüro. Der Clip sollte dabei helfen, die Stadt bei potenziellen Arbeitnehmern in anderen Regionen der Republik bekannter zu machen. </p>

„Können Sie prömpeln?“:  Mit dieser Frage empfängt der Sachbearbeiter im Clip des Vereins „Die schönste Förde der Welt“ Neu-Flensburger im Bürgerbüro. Der Clip sollte dabei helfen, die Stadt bei potenziellen Arbeitnehmern in anderen Regionen der Republik bekannter zu machen.

Unternehmen in Schleswig-Holstein zeigen, was sich gegen das Fehlen von Fachkräften tun lässt.

shz.de von
19. Dezember 2017, 08:42 Uhr

160 Quadratmeter hat das Restaurant. 64 Sitzplätze gibt es. Zwei Auszubildende stehen in der Küche, zwei sind im Service beschäftigt. Sie treffen jeweils auf zwei Gesellen. Vor dreieinhalb Jahren hat Frank Oliver Faber „Ollie’s Weinlounge“ in der Flensburger Innenstadt eröffnet. Nach Fachkräftemangel klingt es nicht, wenn er erzählt.

„Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich doch einiges richtig gemacht habe“, sagt Faber, der selbst viele Jahre als Angestellter im Hotel- und Gaststättenbereich tätig war. Und Faber ist nicht der einzige, der „einiges richtig gemacht“ hat. Immer mehr Betriebe im Land stellen sich auf die neue Realität am Arbeitsmarkt ein – mit Erfolg.

Dabei war es mit dem Fachkräftemangel lange Zeit so wie mit dem Frosch im Wasser-Kochtopf. Die Temperatur steigt und steigt. Doch der Frosch bemerkt dies erst, wenn es schon zu spät ist. „Mittlerweile berichten fast Dreiviertel unser regelmäßig befragten Unternehmen von einer unbefriedigenden Verfügbarkeit von Fachkräften oder dass diese schlecht bis gar nicht zu finden sind“, sagt Sebastian Schulze beim Unternehmensverband Nord (UVNord).

In Zahlen sind es 73 Prozent der Firmen. Fünf Jahre zuvor waren es noch 62 Prozent. Dem Frosch im Kochtopf dürfte inzwischen ziemlich heiß sein. Doch anders als dieser haben die Unternehmer ihre Situation erkannt. Auch für die mit der Fachkräftesicherung eng verknüpften Berufsausbildung hält ein aktueller Report des Soziologischen Forschungsinstituts (SOFI) und der Abteilung für Wirtschaftspädagogik der Universität in Göttingen, dass sich bei dieser in Schleswig-Holstein in den vergangenen Jahren „viel bewegt“ habe. So ist die Zahl der Ausbildungsanfänger laut dem „Ländermonitor berufliche Bildung“ zwischen 2013 und 2015 um sieben Prozent gestiegen.

Die Standortfrage

In den Räumen der Werbeagentur Hoch Zwei im Flensburger Stadtteil Sonwik sitzen Timo Klass und Hans-August Dethleffsen. Sie wollen dafür sorgen, dass junge Menschen den Norden nicht verlassen – und mehr noch, dass Fachkräfte aus anderen Teilen der Republik bis ganz nach oben an die dänische Grenze ziehen.

Die Fachkräfte-Frage ist zunächst einmal auch immer eine Frage des Standortes. In den großen Städten ist die Problemlage eine andere als auf dem flachen Land, im Herzen der Republik eine andere als in der Peripherie. „Wenn wir gar nichts machen würden, wären wir auf der Verliererseite“, sagt Dethleffsen. Das sei ihnen klar gewesen. Man müsse sich fragen, was man zu bieten habe, sagt er – in der Stadt an der Förde sei das unter anderem die Lebensqualität.

Klass ist Werber, Geschäftsführer der Agentur. Dethleffsen ist Unternehmer. Beide sitzen im Vorstand des Vereins „Die schönste Förde der Welt“. 2013 wurde der Verein gegründet, seit 2015 führt er Kampagnen durch, um für Flensburg als Standort zu werben. Ihr Video vom Prömpeln im Flensburger Bürgerbüro wurde das, was man einen viralen Hit nennt.

„Prömpel-Video“ – Initiative mit Vorbildcharakter

Neu-Flensburger besuchen darin das Bürgerbüro der Stadt und müssen als Aufnahmeritual das Prömpeln meistern – also das Schnipsen eines Bügel-Verschlusses auf eine typische Flensburger Bierflasche. Mehr als 11 Millionen Mal wurde der Clip gesehen, beim Filmfestival in Cannes ausgezeichnet, im kommenden Jahr wird er mit dem German Design Award bedacht werden.

„Wir kommen mit dem Trojanischen Pferd rein“, erklärt Klass. Flensburg werde sichtbar gemacht, zum Gesprächsthema. Eine Internet-Seite, über die sich Interessenten über die Arbeit und das Leben in der Stadt informieren können, wurde aufgebaut. Die Initiative hat Vorbildcharakter. „Wir werden mittlerweile eingeladen, um darüber zu referieren“, so Klass. Die besten Rezepte im Kampf um Köpfe – in Zeiten des Fachkräfte-Mangels werden sie zum Export-Schlager.

Ortswechsel: An einem regnerischen Abend steht Jan Witt im Landeshaus in Kiel. Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Bernd Buchholz (FDP) sitzt vor ihm. Witt erzählt bei der Verleihung des VR-Förderpreises der Volksbanken und Raiffeisenbanken, wie die Fachkräfte-Diskussion in Deutschland oft verlaufe – es werde gemeckert.

Matching-Probleme

28.128 Jugendliche begannen 2015 eine Ausbildung in Schleswig-Holstein, schreiben die Autoren im Ländermonitor, der von der Bertelsmann-Stiftung gefördert wird. Für den Zuwachs sei vor allem ein Ausbau des Schulberufssystems im Norden verantwortlich. Jeder fünfte Schulabgänger beginne inzwischen eine vollzeitschulische Ausbildung. Doch auch das Interesse an einer betrieblichen Ausbildung nehme den Autoren zufolge zu.

Dennoch hakt es oft. Offiziell ist von Matching-Problemen die Rede. Davon, dass junge Menschen nicht ausbildungsreif seien oder Lehrstelle und Schulabgänger nicht zusammenpassten. Ende September waren 2014 Bewerber im Land noch ohne Lehrstelle – ein Plus von 18 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Zugleich waren 1488 Ausbildungsplätze zwischen Nord- und Ostsee unbesetzt – 35 Prozent mehr als im Jahr zuvor. 2016 lag das Verhältnis vom Ausbildungsplatz-Angebot zur Nachfrage (ANR) im Norden laut Ländermonitor bei 88 Prozent. Im Bundesdurchschnitt liegt das Verhältnis bei 93,8 Prozent.

Dachdecker Witt wollte nicht meckern. „Das Talent, das muss er haben“, sagt er in Kiel über seine möglichen Lehrlinge. Alles andere könne man ihm in dem Dachdeckerbetrieb schon beibringen. Witt hat dabei in der Vergangenheit gezielt auch auf junge Leute gesetzt, die auf den ersten Blick vielleicht nicht geeignet erschienen. Beim zweiten Blick sah dies jedoch schon anders aus. Zudem begeistert er Quereinsteiger für den Beruf des Dachdeckers. Yoga-Lehrer, Versicherungskaufleute, Mathematik-Studenten – sie alle sind Witt schon auf’s Dach gestiegen.

Uni statt Ausbildung

Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Der Nachwuchs in seinem Betrieb zählt in Teilen zum besten, den es in Deutschland und Europa gibt. Tom Gladisch, einer von Witts Lehrlingen wurde vergangenes Jahr Bundessieger beim Bundesleistungswettbewerb der Zunft. Im Frühjahr holte er sich in Polen bei der Weltmeisterschaft die Silbermedaille in der Kategorie Steildach.

Die Ausbildungsbetriebe wiederum machen geltend, dass viele besonders gut qualifizierte junge Menschen die Uni der Ausbildung vorziehen würden. Der Anteil der Studienberechtigten eines Jahrganges war in Deutschland tatsächlich noch nie so hoch wie in den vergangenen Jahren. Seit 2013 haben nie weniger als 56 Prozent eines Geburtsjahrganges ein Studium aufgenommen. Noch zur Jahrtausendwende war es nur ein Drittel. Allerdings: Dem gewachsenen Anteil von Studenten steht auch ein noch stärker gewachsener Anteil von Hochschulabbrechern gegenüber – er machte zuletzt 33 Prozent aus.

Die Erfahrungen vom Gastronom Faber sind ähnlich wie jene von Dachdecker Witt. Bei einem seiner Lehrling sei er beim ersten Blick nicht überzeugt gewesen. Doch dann habe er sich die Unterlagen angesehen: „Der hatte ein wesentlich besseres Realschulzeugnis, als ich es jemals geschafft hätte“, so Faber. Und für das Auftreten des angehenden Kochs gab es eine einfach Lösung: eine Kleiderordnung und entsprechende Regeln.

Personal fehlt – die Liste wird länger

In einer Engpass-Analyse kam die Bundesagentur für Arbeit zum Ergebnis, dass Unternehmen inzwischen 100 Tage warten müssen, bis sie eine Stelle neu besetzt bekommen –10 Tage länger als noch im vergangenen Jahr. Die Liste der Berufsgruppen, in denen Personal fehlt, ist lang – und sie wird von Jahr zu Jahr länger: Bauarbeiter, Apotheker, Lokführer, Fahrlehrer stehen inzwischen ebenso darauf wie Ingenieure im Metallbau, Friseurmeister und Klempner. Für Schleswig-Holstein errechnete die Industrie- und Handelskammer schon vor längerer Zeit, dass 2030 mehr als 47.000 Menschen mit abgeschlossener Berufsausbildung fehlen könnten.

Immer lauter wird daher der Ruf, nicht nur junge Leute für die Berufe zu begeistern, sondern vor allem die Alten länger zu beschäftigen. Einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zufolge bemüht sich inzwischen jeder dritte Betrieb in Deutschland darum, Beschäftigte über das reguläre Renteneintrittsalter hinaus zu beschäftigen.

Von Erfahrungen älterer Mitarbeiter profitieren

Auch Fabian Geyer vom Arbeitgeberverband Flensburg-Schleswig-Eckernförde wirbt dafür. Vielen Unternehmen und Angestellten seien die Möglichkeiten nach seiner Einschätzung nicht ausreichend bewusst. Mit dem Renten-Alter müsse keineswegs Schluss sein. So können sich Unternehmen und Mitarbeiter auf eine geringere Stundenzahl im Rentenalter verständigen oder auf flexiblere Arbeitszeiten.

„Der Arbeitnehmer geht langsam gleitend in eine Zeit ohne Arbeit“, so Geyer. Auf die Rente wirke sich das positiv aus. Der Betrieb kann sich so die Erfahrung der Mitarbeiter sichern.

Doch klar ist bei alledem: Umsonst ist die Fachkräfte-Sicherung nicht zu haben. Der UVNord bestätigt, dass bei der Fachkräfte- und Nachwuchssuche immer öfter inzwischen mit Prämien und Sonderleistungen gearbeitet wird. Beim Verein „Die schönste Förde der Welt“ wird mit dem Beginn des neuen Jahres die Finanzierung umgestellt. Bislang wurde auf Sponsoren gesetzt, künftig will sich der Verein über die Beiträge seiner Mitglieder finanzieren.

Auch für Frank Oliver in der Weinlounge sind Geld und Kosten ein Thema. Im Vergleich sind seine Personalkosten hoch, wie er einräumt. Gehen muss es aus seiner Sicht dennoch – er setzt auf die Zukunft.

Zahlreiche Projekte sollen im Kampf gegen Fachkräftemangel helfen: Die Landespartnerschaft Schule-Wirtschaft will junge Menschen besser über berufliche Möglichkeiten informieren. Ein Projekt innerhalb dieser Partnerschaft ist die regionale Fachberatung Schule-Betrieb, um Schulen mit Firmen vor Ort zusammenzubringen. Mit Kursänderung  versuchen die Handwerkskammern. Studienabbrecher ins Handwerk zu holen. StudiLe soll die Möglichkeiten aufzeigen, Studium und Lehre zu kombinieren.   Die Fachkräfteberatung soll unter anderem Betrieben helfen, die Stellen längere Zeit nicht besetzen könne.

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