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Kapitalanlage : Bausparkassen kündigen Tausende Verträge in SH und Hamburg

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Hohe Zinsen werden zum Problem: Im Norden gab es 4900 Kündigungs-Schreiben. Besonders Altverträge sind betroffen.

shz.de von
erstellt am 05.Aug.2015 | 11:48 Uhr

Egal ob Wüstenrot, LBS, BHW oder Schwäbisch Hall – Deutschlands Bausparkassen stecken in der Zinsfalle. Für angelegtes Kapital bekommen sie derzeit nur Mini-Zinsen, für Altverträge müssen sie an ihre Kunden aus heutiger Sicht jedoch horrend hohe Zinsen zahlen – nicht selten bis zu 4,5 Prozent. Was die Kunden freut, wird für die Bausparkassen zum Problem: Deshalb versucht die Branche mit List und Tücke Verbraucher aus diesen Altverträgen zu drängen. Erst jüngst erhielten viele Kunden unaufgefordert Verrechnungschecks zugeschickt – wer sie einlöste, hatte verloren und war raus aus dem Vertrag.

Aktuell wird wieder ganz ordinär gekündigt. Schwäbisch Hall trennte sich in letzter Zeit von 50.000 Altverträgen, Wüstenrot von 30.000. Und die LBS-Nord schickte allein seit Januar 4600 blaue Briefe an Kunden in Hamburg und Schleswig-Holstein. Die aktuelle Welle zielt diesmal auf Verträge ab, die zehn Jahre oder länger zuteilungsreif sind und für die kein Baudarlehen in Anspruch genommen wurde. Die Argumentation von Pressesprecherin Andrea Husfeldt von der LBS-Nord: „In der Ansparphase sind wir Darlehensnehmer.“ Laut Bürgerlichem Gesetzbuch (BGB (§ 489 Abs. 1 Nr. 2) darf dieser jeden Darlehnsvertrag nach zehn Jahren kündigen.

„Stimmt und stimmt nicht“, gibt Michael Herte, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein zu bedenken, denn im Gesetz stehe auch, „dass die Zehnjahresfrist erst beginnt, wenn dem Darlehensnehmer, also in diesem Fall der Bausparkasse, das Darlehen in voller Höhe ausgezahlt wurde“.

Noch streiten sich die Gerichte, wann dieser Zeitpunkt erreicht ist. Es gibt zahlreiche Urteile, dass dies erst der Fall ist, wenn 100 Prozent der Bausparsumme eingezahlt wurden. „Nur ein popeliges Landgericht hat das bislang anders gesehen und darauf berufen sich jetzt die Bausparkassen“, erklärt Herte. Insgesamt habe die Branche durch ihr widersprüchliches Verhalten – „jahrelang wurde mit der guten Verzinsung von angesparten Bausparguthaben geworben“– einen erheblichen Vertrauensverlust erlitten, wie er aus seinen täglichen Beratungsgesprächen weiß.

„Hier kommen Großeltern, denen für ihre Enkelkinder im Kita-Alter Bausparverträge verkauft wurden, – dass die nicht in den nächsten 10 Jahren ein Haus bauen wollen, ist doch wohl selbstverständlich gewesen – das waren damals reine Sparverträge“, so Herte.

Schlechte Karten haben die 1116 LBS-Kunden, die ihren Vertrag „überspart haben“ und seit Januar ebenfalls eine Kündigung erhielten. Sie haben keine Chance, die Kündigung anzufechten, da mit der 100-prozentigen Ansparung das eigentliche Ziel des Vertrages – nämlich ein günstiges Darlehen für Bauvorhaben zu gewähren – nicht mehr erreicht werden kann. Der Vertragszweck ist dann erfüllt, so argumentieren die Bausparkassen, und die Gerichte haben sich dieser Meinung angeschlossen.

30 Millionen Verträge haben die Deutschen abgeschlossen. Herte rät allen, die einen Vertrag haben, der älter ist als zehn Jahre, in die Geschäftsbedingungen zu schauen. Vor allem ein Blick auf die jährlichen Kontomitteilungen sei hilfreich. Steht dort etwas von „Boni“ oder „Zinserhöhungen“ bei „Darlehensverzicht“ ist Eile geboten und genauso wie beim Eintreffen von Kündigungsschreiben ein Besuch bei der Verbraucherzentrale oder bei fachkundigen Anwälten ratsam.

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